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Rebellenstrom für alle!

Teil 6 der EWS-Geschichte von Bernward Janzing

Im liberalisierten Strommarkt wird die Glaubwürdigkeit der Schönauer Stromrebellen zum Erfolgsgaranten.

Was bisher geschah: Die Stromrebellen haben nach zwei Bürgerentscheiden und der Akquise von viel Bürgergeld das Stromnetz und die Versorgung in ihrer Stadt übernommen. Nun öffnet die Politik den bisher stark regulierten Strommarkt – was ungeahnte Chancen bietet.

Auch bei Alfred Ritter hatte die Strahlenwolke aus Tschernobyl ihre Spuren hinterlassen. Der Mitinhaber der gleichnamigen Schokoladenfabrik im schwäbischen Waldenbuch hatte im Frühsommer 1986 plötzlich Probleme, unverstrahlte Nüsse einzukaufen. «Das hat bei mir viele Denkprozesse ausgelöst», sagt er später. Der Unfall von Tschernobyl habe ihm «deutlich gemacht, dass wir unsere Energie künftig anders gewinnen müssen».

Zugleich machte er eine persönliche Erfahrung mit seinem Haus in Heidelberg. Dessen Heizung stand in dieser Zeit zur Sanierung an. Fatalerweise jedoch gab es in der Umgebung kein Unternehmen, das in der Lage war, eine umweltgerechte Heizung mit Sonnenkollektoren zu liefern und zu installieren.

Für einen Mann Mitte 30, im Unternehmermilieu groß geworden, konnte das nur eines bedeuten: Diese Marktlücke muss geschlossen werden. Also gründete er ein entsprechendes Unternehmen für solare und effiziente Heiztechnik, die Firma Paradigma.

Solares Spektakel zum Stromvertriebs-Start

Zehn Jahre nach Firmengründung, im Sommer 1999, erlebt er in seinem Büro in der Nähe von Karlsruhe den «einzig denkbaren solaren Störfall». Am Mittag des 11. August verfinstert sich die Sonne in Teilen Süddeutschlands komplett – eine totale Sonnenfinsternis. Sie raubt den Solaranlagen der Region kurzzeitig ihre Energie. Nach zwei Minuten völliger Dunkelheit ist der Höhepunkt des Naturschauspiels schon wieder vorbei. So harmlos fällt der Super-Gau der Solarwirtschaft aus.

Ritter hat das Schönauer Engagement seit Jahren mit Sympathie verfolgt. Und so ist am Tag des solaren Störfalls auch Michael Sladek am Firmensitz von Paradigma in Karlsbad zugegen. Und während die Sonne hinter dem Mond verschwindet, verkündet er den bundesweiten Verkauf von Strom – Rebellenkraft für alle sozusagen. Ritter unterschreibt sofort auf einem Blatt Papier, blanko. Er wird der erste EWS-Kunde außerhalb Schönaus.

In diesem Moment klingt das gar nicht so spektakulär. Zumal Michael Sladek an jenem Tag im August selbst noch nicht ganz sicher ist, ob das mit dem bundesweiten Verkauf tatsächlich so einfach funktionieren wird. Denn obwohl der Strommarkt seit April 1998 liberalisiert ist, will der Wettbewerb nicht so recht in die Gänge kommen. Die Altmonopolisten blockieren die neuen Anbieter noch, wo immer sie können. Eine Aufsichtsbehörde für den Strommarkt gibt es noch nicht, die hatte FDP-Wirtschaftsminister Günter Rexrodt erfolgreich verhindert. Und die Gerichte brauchen ihre Zeit.

Die Kunden haben uns nach der Liberalisierung auf diesen Weg getrieben.

Rolf Wetzel, EWS-Mitgründer

Allen Schwierigkeiten, die sich damit nicht nur für die EWS, sondern für alle neuen Marktakteure ergeben, zum Trotz: Die Entscheidung für einen bundesweiten Stromvertrieb duldete keinen Aufschub mehr. Aus zwei Gründen. Zum einen waren mit der Marktöffnung Abtrünnige im eigenen Schönauer Netz zu befürchten. Was, wenn all die Gegner des Netzkaufs plötzlich den EWS den Rücken kehren sollten? Also galt es, einen möglichen Kundenverlust vor Ort durch Kundenzuwachs andernorts zu kompensieren.

Der zweite Grund war die schlichte Nachfrage von Ferne her. Ein Anrufer aus Hamburg hatte sich in den Wochen zuvor bereits in Schönau gemeldet und Interesse bekundet: «Ich finde das gut, was Ihr macht und möchte euren Strom kaufen». Spätestens damit war den Stromrebellen klar: Die EWS müssen sich dem bundesweiten Markt öffnen. Rolf Wetzel sagt später: «Die Kunden haben uns nach der Liberalisierung auf diesen Weg getrieben.»

Gegen die Lehrsätze der Ökonomie

Ursula Sladek zu ...

Nach gängiger Lehre war der Versuch der EWS, mit den großen Konzernen im Stromhandel zu konkurrieren, reichlich vermessen. Denn zwei Regeln galten im jungen Strommarkt als unumstößlich. Erstens: Nur wer groß ist, überlebt. Und zweitens: Am Anfang des Erfolgs steht ein angemessener Werbeetat.

In einem solchen Wettbewerb hätten die EWS eigentlich keine Chance haben dürfen. Denn ein großes Unternehmen waren sie wahrlich nicht. Und Geld für Werbung hatten sie noch viel weniger. Die EWS waren nach den in dieser frühen Marktphase gängigen Lehrsätzen der Ökonomie ein typischer Übernahmekandidat: arbeitsintensiv, teuer, ineffizient.

Doch Theorien können widerlegt werden. Die EWS agieren am Markt plötzlich erfolgreicher als viele jener Anbieter, die Millionen in Anzeigen, Fernsehspots und Plakatwände stecken. Den EWS gelingt, was sich jeder Stromversorger im Kampf um Marktanteile wünscht: Sie halten ihre Kunden im angestammten Versorgungsgebiet und sie gewinnen neue Kunden von außerhalb hinzu. Ende 1999 haben die EWS bereits 2345 Kunden – 567 mehr als ein Jahr zuvor. Selbst drei gewerbliche Kunden haben bis Jahresende auf Rebellenstrom umgestellt.

Ein lupenreines Angebot für preiswerte, klimaschonende und atomstromfreie Energie!

Aktions-Website einer Berliner Weinhandlung, 2000

So erweist sich der jahrelange Kampf gegen die Atomkraft nun als Wettbewerbsvorteil. Während viele Versorger sich nachsagen lassen müssen, ihre grünen Stromangebote seien nicht mehr als ökologische Feigenblätter, nimmt man den Schönauern ihr Engagement für die gute Sache jederzeit ab. Und so ist Schönauer Strom plötzlich in der ganzen Republik gefragt, Werbung mithin überflüssig.

Rund 5000 neue Kunden jährlich gewinnen die Elektrizitätswerke Schönau in der folgenden Zeit. Im Jahr 2004 überschreitet der Stromabsatz die Marke von 100 Millionen Kilowattstunden. Denn nicht nur Privatkunden wechseln zu den EWS, sondern auch Firmen. Die Expansion der EWS erfordert bald auch neue Geschäftsräume. Im Mai 2004 zieht das Unternehmen in ein altes Fabrikgebäude an der Friedrichstraße.

Ein Erfolgsmodell findet Aufmerksamkeit

Zwischenzeitlich wurde die Schönauer Erfolgsgeschichte auch mit diversen Auszeichnungen bedacht. 1996 bereits war Michael Sladek von der Umweltstiftung WWF Deutschland und dem Wirtschaftsmagazin Capital zum «Ökomanager des Jahres» gekürt wurden, im Jahr 2003 bekamen Ursula und Michael Sladek zusammen den «Europäischen Solarpreis». 2004 schließlich erhält das Ehepaar stellvertretend für die Schönauer Energie-Initiativen das Bundesverdienstkreuz.

Weitere Auszeichnungen folgen. Im Herbst 2006 erhalten die EWS für ihr «vorbildliches gesellschaftliches Engagement» den «Preis der Arbeit» vom Forum Zukunftsökonomie e. V. Mit diesem werden Unternehmen gewürdigt, die ökologische und soziale Verantwortung übernehmen, «statt diese nur wie eine öffentlichkeitswirksame Monstranz vor sich herzutragen».

Die wohl größte Ehrung jedoch erfahren die Stromrebellen im Sommer 2007: Sie erhalten den Deutschen Gründerpreis, die bedeutendste Auszeichnung für Jungunternehmen in Deutschland. Der Preis wird vom Magazin Stern, den Sparkassen, dem ZDF und der Firma Porsche mit Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums alljährlich vergeben.

Ignoranz der Konzerne als Wachstumstreiber

Zugleich verkauft sich der Schönauer Strom in allen Teilen der Republik rasant. Die Nachrichten sind es, die Kunden zum Umstieg bewegen. Dazu zählt zum Beispiel die unbekümmerte Art des Vattenfall-Konzerns im Umgang mit Störfällen in ihren Atomreaktoren. Dazu zählt auch die Debatte um den Klimaschutz. Und ebenso bringt die Unzufriedenheit der Kunden mit den Großkonzernen sie zum Anbieterwechsel.

All die Befürchtungen, die in Zeiten des Netzkaufs die Menschen im Ort bewegt hatten, haben sich damit offenkundig nicht erfüllt. «Heute sind die EWS eines der umsatzstärksten Unternehmen», muss im Jahr 2008 auch Schönaus Bürgermeister Bernhard Seger feststellen. Und das macht sich natürlich auch bei der Gewerbesteuer bemerkbar – die bald höher ist, als sie zu Zeiten des Vorgängers KWR je war.

Bernward Janzing, geboren 1965 in Furtwangen im Schwarzwald, studierte zunächst Geografie, Geologie und Biologie in Freiburg und Glasgow. Heute ist er einer der bekanntesten Energiejournalisten Deutschlands. Für seine Arbeit erhielt er 2009 den UmweltMedienpreis der Deutschen Umwelthilfe e.V. Sein 2008 publiziertes Buch «Störfall mit Charme» beschreibt den Widerstand der «Schönauer Stromrebellen» gegen die Atomenergie. Zur Website von Bernward Janzing.

Und wie geht es weiter?

Lesen Sie weiter im Teil 7: Die Professionalisierung geht weiter – mit zusätzlichen Stromnetzen, der Versorgung mit Erdgas, noch mehr Investition in Erzeugungsanlagen. Zugleich geht das Unternehmen in die Hände einer Genossenschaft.

10. Juli 2017 | Energiewende-Magazin