Ein U-Boot
Energiepolitik

EWS-Energiereferentin Eva Stegen meint: Hinter dem Ruf nach Atomkraft steckt mehr als Energiepolitik – nämlich militärische Interessen.

Atoms For War

«Atoms For Peace» – dies war das Motto, unter dem etwa US-Präsident Dwight D. Eisenhower nach den entsetzlichen Erfahrungen des zweiten Weltkriegs eine friedliche Nutzung der Atomenergie propagierte. Statt Verwüstung sollte die Kraft der Kernspaltung nun wirtschaftlichen Wohlstand bewirken, indem Atomkraftwerke billigen Strom im Überfluss produzierten. 

So weit das Versprechen. Die Drohung der atomaren Zerstörung war indes nie weg, wie nicht nur das nukleare Wettrüsten während des kalten Kriegs zeigt. 2026 sind wir wieder so weit, dass Krieg geführt wird um die Möglichkeit der nuklearen Aufrüstung. 

Ob Uran nun für Brennstäbe oder Sprengköpfe angereichert wird – die technische Basis ist dieselbe. Nicht nur deswegen sind zivile und militärische Nutzung der Atomenergie nicht scharf voneinander zu trennen. Auch auf politischer Ebene sind sie mehr miteinander verwoben, als man gemeinhin denkt. Unsere Energiereferentin Eva Stegen befasst sich sich seit über 30 Jahren mit der Atomindustrie und hat einiges über die Zusammenhänge zu erzählen:

Interview

Eva, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte neulich beim Atomenergie-Gipfel, der deutsche Atomausstieg sei ein «strategischer Fehler» gewesen. Dabei gibt die Datenlage diesen Schluss überhaupt nicht her, schließlich wurde der Atomstrom locker durch Erneuerbare und Effizienzgewinne kompensiert. Kannst du dir vorstellen, was sie damit meint?

Eva Stegen: Richtig, energiewirtschaftlich fehlt Deutschland die Atomkraft überhaupt nicht. Im Wort «strategisch» könnte vielleicht schon der erste Hinweis liegen, das kommt aus dem Altgriechischen, von stratēgós = Heerführer, also ein militärischer Begriff. 

Man muss sich auch mal anschauen, wo diese Worte gefallen sind, nämlich beim Pariser Atomenergiegipfel, wo sich verschiedene europäische Staaten und auch die internationale Atomenergielobby IAEA getroffen haben.

Emmanuel Macron, Vertreter der Atommacht Frankreich, hat massiv dafür lobbyiert, Gelder für die Finanzierung der Atomkraft lockerzumachen, und sie mit den Erneuerbaren gleichzustellen. Frau von der Leyen hat prompt Risikoabsicherungen in Millionenhöhe zugesagt.

Und ich denke, darum geht es: viel Geld, das letztlich aus unseren Steuern kommt, für die Atomindustrie zu mobilisieren. Ich denke, das ist einer der wichtigsten treibenden Faktoren. Und natürlich wird wieder das alte Heilsversprechen von der günstigen Energie nach vorne gestellt.

Doch inzwischen geben auch militärische Atommächte wie das Vereinigte Königreich selbst offen zu, dass Gelder für die zivile Atomindustrie die Verteidigungshaushalte entlasten. Und vor diesem Hintergrund bekommen diese Aussagen ein ganz anderes Geschmäckle.

«Ohne zivile Atomkraft gibt es keine militärische Atomkraft; ohne militärische Atomkraft gibt es keine zivile Atomkraft.»

Emmanuel Macron

Also ist die zivile Atomkraftnutzung eher ein Feigenblatt für militärische Ziele? 

Das würde ich voll unterschreiben. Es war übrigens Macron selbst, der ausgerechnet in der Skandal-Schmiede von Le Creusot gesagt hat: «Ohne zivile Atomkraft gibt es keine militärische Atomkraft; ohne militärische Atomkraft gibt es keine zivile Atomkraft.»

Um welche Technologien geht es dabei konkret?

Da geht es gar nicht so sehr um Atomsprengköpfe – hochangereichertes Spaltmaterial liegt bereits reichlich in den Depots. Sondern es geht darum, die Reichweite der Atomraketen zu erweitern, und das funktioniert, indem sie mit U-Booten transportiert werden. Wenn so ein U-Boot mit Diesel betrieben wird und alle Naselang auftauchen und nachtanken muss, dann ist für die militärische Schlagfähigkeit nicht viel gewonnen. 

Hat das U-Boot jedoch einen Atomantrieb, dann verbessert sich die Reichweite ganz enorm. Hinzu kommt: Es ist mit Atomantrieb viel schwerer aufzuspüren, als wenn man einen blubbernden Verbrennungsmotor unter Wasser betreibt. 

Da gibt es einen ganz deutlichen Hinweis aus der Geschichte: Der allererste Reaktor, der je in Betrieb genommen wurde, war 1954 der, der das U-Boot Nautilus angetrieben hat. Damit konnte man das erste Mal den Nordpol unterqueren.

Hängt damit auch das Interesse an «Small Modular Reactors», also kleinen AKW, die in Serienproduktion gebaut werden sollen, zusammen? Oder ist das nur eine neue Erzählung, um das alte Versprechen von der günstigen Atomkraft verkaufen zu können?

Nein, das hängt sehr wohl zusammen, und da lassen sich auch viele Verbindungen finden. Allein die schiere Größe der Reaktoren: Da kommt der stromerzeugende Reaktor, wie er angeblich irgendwann mal von der Stange kommen soll, dem U-Boot-Antrieb sehr viel näher. Da wäre also die industrielle Basis der zivilen Atomkraftnutzung für die militärische Verwendung noch mal viel besser nutzbar, als sie ohnehin schon ist. 

Entscheidend ist aber nicht nur das Produkt selbst, sondern die gesamte Infrastruktur, die damit verbunden ist: qualifizierte Arbeitskräfte, Ingenieure, Entwicklung, Forschung, Ausbildung, Fertigungsanlagen, Strahlenschutzexpertise, Spezialmaterialien … Kurzum: Die gesamte industrielle Basis, die es für zivile wie militärische Atomkraftnutzung braucht, ist sehr komplex, aufwendig und teuer, darum liegt es auch nahe, dass man voneinander profitiert. 

Kennst du auch konkrete Beispiele?

Wenn man sich die Startups in diesem Bereich mal anschaut, muss man nicht lange suchen, um auf zivil-militärische Verbindungen zu stoßen. Prominentes Beispiel ist Terrapower, das 2006 von Bill Gates gegründet wurde und sich seitdem an Mini-Reaktoren versucht.

Bill Gates ist aber nur das Gesicht nach außen. COO ist ein gewisser Chris Levesque, der seine 30-jährige Nuklearkarriere als Offizier auf Atom-U-Booten begonnen hat. Weitere Stationen waren Schiffsbau, Rüstung, eine Firma für nukleare Großkomponenten, Werften für nukleare U-Boote, bevor er dann zu zivilen Reaktorbauern gewechselt ist. Der rennt als Vertreter von «Veterans in Energy» immer auf den Veteranentagen rum und betont sehr deutlich, wie wichtig der zivil-militärische Drehtüreffekt ist.

Du hast dich als Übersetzerin der wahren Geschichte der Gewerkschafterin Maureen Kearny angenommen. Wie diese mit brutaler physischer und psychischer Gewalt zum Schweigen gebracht werden sollte, zeigt echte kriminelle Energie. Wie passt das ins Bild der staatstragenden Energieerzeugung?

Die Antwort ist ganz banal: Es geht um Geld. Unfassbar viel Geld. Militärische Atommächte sind immer bereit, riesige Geldsäcke zu öffnen, um die Atomkraft voranzubringen. Für die industrielle Basis, von der dann auch der militärische Sektor profitiert. Gucken wir uns den EPR in Flamanville an, der hat fast 24 Milliarden gekostet. In Hinkley Point C sind wir jetzt bei 55 Milliarden Kosten. Unvorstellbare Summen einfach. Und wenn man sich vor Augen führt, dass Mittelsmänner bei so riesigen Projekten Vermittlungsprovisionen in Millionenhöhe einstreichen, haben wir auch starke finanzielle Einzelinteressen, und den entsprechenden Typus Mensch, der sich von derartigen Geschäften angezogen fühlt.

Das ist im Falle der Gewerkschafterin passiert: Hier sollte die Frau, die einen schmutzigen Atom-Deal zwischen Frankreich und China öffentlich machen wollte, mit übelsten Methoden mundtot gemacht werden. Es gibt eine Menge sehr deutlicher Indizien dafür, dass hier solche Mittelsmänner ihre Finger im Spiel hatten, die ihre erhofften Millionenprovisionen den Bach runtergehen sahen, und darauf überhaupt keine Lust hatten.

«Leute, wenn ihr eine starke nukleare Verteidigung haben wollt, dann benennt das bitte auch so, und versucht nicht, die Bevölkerung mit der Erzählung von sicherer, günstiger und klimafreundlicher Stromerzeugung zu täuschen.»

Eva Stegen

Welches Ziel sollte die Zivilgesellschaft verfolgen?

Es wäre wichtig, die Verantwortlichen zur Ehrlichkeit zu drängen. Zu sagen: Leute, wenn ihr eine starke nukleare Verteidigung haben wollt, dann benennt das bitte auch so, und versucht nicht, die Bevölkerung mit der Erzählung von vorgeblich sicherer, günstiger und klimafreundlicher Stromerzeugung zu täuschen. 

Bei dieser Frage kann man vielleicht auch mal auf Verteidigungsexperten hören, die sagen „Seid ihr irre, das ganze Geld aus dem Verteidigungshaushalt in die nukleare Abschreckung zu pulvern? Uns fehlt es an allen Ecken und Enden, an Panzern, Drohnen, Cyberabwehr, und man kann das Geld nur einmal ausgeben!“ 

Als Souverän können wir uns kollektiv immer noch fragen, ob es uns so viel wert ist, so viel Geld in die nukleare Aufrüstung zu pumpen, aber das Thema sollte ehrlich benannt werden.

Weitere Links zum Thema

Atomenergie, Militär, Subventionen: Blinder Fleck im Atom-Klima-Narrativ – Vortrag von Eva Stegen auf YouTube 

Atomkraft, Kriegsspielzeug und Klima-Blabla .ausgestrahlt 

Mutige Frau, brutale Atom-Mafia Bruchstücke

Titelfoto: Adobe Stock

 

«Die Gewerkschafterin» live

Bei Lesungen und Filmvorführungen spricht Eva Stegen über die wahre Geschichte der Gewerkschafterin und über die Netzwerke, die dieser Fall offenbaren.

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