Nach dem angekündigten Rückzug des Ökostromanbieters grüüün stellt sich wieder einmal die Frage: Wer zahlt eigentlich den Preis der billigen Kilowattstunde? Schon die Energiekrise, die bereits vor Beginn des Ukrainekriegs einsetzte, hat 2021 und 2022 mehr als 40 Energieanbieter vom Markt gespült. Die meisten boten zuvor billige Preise für Strom und Gas an, weil sie die Energie sehr kurzfristig einkauften und auf dauerhaft niedrige Beschaffungspreise spekulierten.
Als die Preise rasant stiegen, war jedoch schnell Schluss mit billig und zahlreiche Anbieter gingen insolvent oder beendeten schlicht die Belieferung. Das kostete den Kund:innen Nerven und Aufwand, weil sie schnell neue Energieanbieter finden mussten. Und die Gesellschaft kostete es Zeit und Geld für die juristische Aufarbeitung, die Insolvenzverfahren und den Aufwand um nicht eingehaltene Verträge. Das Scheitern von grüüün zeigt exemplarisch: Auch gut gemeinte Energiewende-Projekte können nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn sie auf solidem betriebswirtschaftlichem Fundament stehen, sich an langfristigen Zielen orientieren und dabei die komplexen Herausforderungen des Energiemarkts realistisch einkalkulieren.
Billige Preise allein reichen nicht – es braucht nachhaltige Unternehmensführung. Nun ist grüüün kein reiner Billiganbieter. Im Gegenteil klang das Angebot überzeugend, selbst erzeugten erneuerbaren Strom zu günstigen Konditionen mit einer Preisgarantie für die Energiekomponente über zehn Jahre zu versehen. Zumal hinter dem 2024 gegründeten Stromanbieter grüüün mit der Münch-Gruppe ein Unternehmen stand, das seit vielen Jahren Wind- und Solarenergieanlagen entwickelt und betreibt.
Auch die Botschaft war einfach: Wer erneuerbare Energie selbst erzeugt, kann sie auch besonders günstig an Verbraucher:innen weitergeben. Und das Angebot traf offenbar einen Nerv. Ende 2024 gestartet, meldete grüüün im Juni 2026 bereits rund 200.000 Kund:innen. Ein außergewöhnliches Wachstum innerhalb kürzester Zeit. Doch am 8. Oktober 2026 kündigte grüüün an, die bundesweite Belieferung von Privatkund:innen zum Monatsende einzustellen. Aus zehn Jahren Preisgarantie waren nicht einmal zwei Jahre Belieferung geworden.
Bundespolitik erschwert den Ausbau der Erneuerbaren
Was das aktuelle Aus von grüüün mit den Insolvenzen vor fünf Jahren gemein hat, ist also nicht so sehr der Ansatz, in erster Linie billig zu sein. Es ist vor allem die Volatilität an den Märkten. Und es ist das Zusammenwirken von einem preistreibenden Kampf auf dem Energiemarkt um Kund:innen mit zunehmend instabilen politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Grüüün selbst führt denn auch die Entscheidung, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, auf politische und regulatorische Entwicklungen zurück. Insbesondere geplante Änderungen beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und beim Netzanschluss gefährden nach Darstellung des Unternehmens die Realisierung künftiger Projekte. Dadurch könnten eingeplante Grünstrommengen nicht wie vorgesehen bereitgestellt werden.
Es ist richtig, dass die aktuelle politische Kehrtwende der Bundesregierung die Energiewende insgesamt bedroht. Sie gefährdet die Investitionsbereitschaft der gesamten Branche. Denn Wind- und Solarparks benötigen erhebliche Investitionen. Die Zeit von der Projektentwicklung über die Finanzierung bis hin zur Genehmigung und zum Bau dauert oft mehrere Jahre. Investoren sind deshalb auf berechenbare wirtschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen angewiesen. Werden diese Grundlagen verändert, können Projekte unrentabel werden oder sich verzögern.
Dies geschieht gerade in großem Ausmaß und erschwert und verlangsamt den weiteren Ausbau der Erneuerbaren und verzögert so die gesamte Energiewende. Dass veränderte politische Rahmenbedingungen Investitionen erschweren und die Planungssicherheit gefährden, ist durchaus nachvollziehbar. Als Begründung für das kurzfristige Ende der Strombelieferung von grüüün greift dies allerdings zu kurz. Denn warum deshalb auch bestehende Lieferverträge beendet werden müssen, bleibt offen.
Die Verantwortung der Energieanbieter
Um das Aus von grüüün und die Schwierigkeiten der Branche insgesamt auch aus betriebs- und energiewirtschaftlicher Sicht zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Strommarkt. Denn elektrischer Strom ist eine besondere Ware. Er muss in jeder Sekunde im Gleichgewicht von Erzeugung und Verbrauch bereitgestellt werden. Gleichzeitig schwanken die Großhandelspreise mitunter erheblich. An sonnigen und windreichen Tagen können die Strompreise sehr niedrig sein, sogar unter null fallen. In Zeiten geringer erneuerbarer Erzeugung und hoher Nachfrage können sie dagegen stark steigen. Für Energieversorger bedeutet das eine Chance, manchmal schnelles Geld zu verdienen, vor allem aber ein erhebliches wirtschaftliches Risiko.
Denn ein Unternehmen, das Haushalte mit Strom beliefert, bietet seinen Kund:innen in der Regel einen festgelegten Preis je Kilowattstunde. Wie viel Strom diese tatsächlich verbrauchen und wann sie ihn benötigen, steht bei Vertragsabschluss jedoch noch nicht genau fest. Der Lieferant muss deshalb Mengen prognostizieren und deren Beschaffung organisieren. Er kann Strom langfristig einkaufen, eigene Erzeugungsanlagen einbinden oder kurzfristig am Markt beschaffen. Häufig kommt eine Kombination unterschiedlicher Instrumente zum Einsatz.
Wer langfristig Strom beschafft, ist nicht in jeder Marktphase der günstigste Anbieter. Das ist kein Zeichen einer schlechten Beschaffungsstrategie, sondern kann die Folge für eine bewusste Begrenzung von Risiken sein. Entscheidend ist nicht der günstigste Einkauf zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern eine dauerhaft wirtschaftlich tragfähige Versorgung.
Jede dieser Möglichkeiten hat Vor- und Nachteile. Wer langfristig einkauft, gewinnt Planungssicherheit, verzichtet aber gegebenenfalls auf kurzfristige Preisvorteile. Wer überwiegend kurzfristig beschafft, kann von sinkenden Marktpreisen profitieren, trägt aber das Risiko eines plötzlichen Preisanstiegs. Gerade bei langfristigen Preisgarantien wird die Frage nach der Absicherung dieser Risiken entscheidend.
Eigene Windparks sind gut, aber nicht ausreichend
Auf den ersten Blick liegt die Lösung – auf dem das Konzept von grüüün beruhte – nahe: Wer selbst Wind- und Solarparks betreibt, ist weniger abhängig von den Marktpreisen. Tatsächlich können eigene Erzeugungsanlagen wirtschaftliche Vorteile bieten und einen wichtigen Beitrag zur Absicherung eines Stromportfolios leisten. Allerdings gilt auch hier: Ein Solarpark produziert Strom, wenn die Sonne scheint. Eine Windenergieanlage erzeugt Strom bei entsprechenden Windverhältnissen. Haushalte verbrauchen ihren Strom dagegen auch am Abend, in dunklen Winterstunden und während längerer Phasen mit wenig Wind.
Deshalb reicht es nicht, über das Jahr betrachtet genauso viele Kilowattstunden zu erzeugen, wie an Kund:innen verkauft werden. Entscheidend ist auch, zu welchen Zeitpunkten Erzeugung und Verbrauch anfallen. Diese Unterschiede müssen durch zusätzliche Beschaffung, Vermarktung, Speicherung oder andere Instrumente ausgeglichen werden. Selbst ein Energieversorger mit umfangreicher eigener Stromerzeugung ist deshalb auf ein professionelles Portfoliomanagement angewiesen.
Die EWS Schönau haben diese Herausforderung früh erkannt und setzen seit Jahren auf eine diversifizierte Beschaffungsstrategie. Statt ausschließlich auf eigene Erzeugung zu bauen, kombinieren wir langfristige Lieferverträge mit unabhängigen Produzenten, eigene Anlagen und eine vorausschauende Portfoliosteuerung. Diese Mischung gibt uns die nötige Flexibilität und Sicherheit, um auch bei schwankenden Marktbedingungen verlässlich zu liefern – ohne unsere Kund:innen mit unkalkulierbaren Risiken zu belasten.
Die Energiewende als gesellschaftlicher Prozess
Die aktuellen Entwicklungen in der Energiepolitik und in der Energiebranche machen deutlich, dass es gesellschaftliche Lösungen bedarf mit volks- und betriebswirtschaftlichem Weitblick. Für einen einzelnen Bauernhof oder ein abgelegenes Haus mag eine «Insellösung» sinnvoll sein, also eine autarke Energieversorgung. Aber schon für die 200.000 Kund:innen, die grüüün versorgt hat, ist ein solcher geschlossener Kreis, in dem ausschließlich eigene Anlagen die eigene Kundschaft versorgen, nicht möglich.
Es braucht Netze aus technischer und regulatorischer Sicht, um Strom intelligent zu lenken und zu steuern, von den Erzeugungsanlagen, die mal im Norden und mal im Süden, mal im Sommer und mal im Winter mehr Strom aus Sonne, Wind oder Wasser erzeugen. Um den Energiefluss besser lenken zu können, müssen die Stromnetze daher schnell und umfassend ausgebaut werden. Es braucht Netze aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht, also Netzwerke, die allen Menschen eine Teilhabe an der Energiewende ermöglichen.
Hier zeigt sich der Vorteil genossenschaftlicher Strukturen wie bei den EWS: Als Elektrizitätswerke Schönau eG können wir andere Prioritäten setzen als die kurzfristige Maximierung von Gewinnen. Unsere über 15.000 Genossenschaftsmitglieder tragen das Unternehmen mit und profitieren langfristig von einer stabilen, nachhaltigen Energieversorgung. Betriebswirtschaftlich gehören für uns langfristige Stabilität, wirtschaftliche Vorsicht und die konsequente Berücksichtigung der Kund:innen-Interessen zu den Kernprinzipien – Werte, die in Krisenzeiten besonders wichtig werden.
Beständigkeit in volatilen Zeiten
Nicht zuletzt braucht es aus unserer Sicht einen nachhaltigen und damit langfristigen Ansatz, bei dem der Blick nicht auf den schnellen Euro gerichtet ist, sondern auf langfristige Ziele. Wenn wir heute in Wind- und Solarparks oder neue Wärmenetze investieren, denken wir nicht in Quartalen, sondern in Jahrzehnten. Manche dieser Investitionen werden sich erst nach 15 oder 20 Jahren rechnen. Von anderen werden vielleicht erst die Kinder oder Enkel unserer heutigen Genossenschaftsmitglieder finanziell profitieren. Einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten sie aber schon heute. Genau dieses langfristige Denken brauchen wir auch bei der Stromversorgung. Denn was nützt der günstigste Stromtarif, wenn die Versprechen dahinter nicht halten? Die Energiewende braucht mehr als billigen Ökostrom. Sie braucht Unternehmen, die Verantwortung übernehmen, langfristig denken und zu ihren Zusagen stehen. Gegenüber ihren Kund:innen und gegenüber den kommenden Generationen.
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