Ladenlokal von Topio mit der Aufschrift „public space for privacy" und Regale mit Infomaterial zu digitaler Selbstbestimmung.
Initiativen

Der Verein Topio erklärt im Interview, warum digitale Selbstbestimmung wichtiger ist als je zuvor und wie sie gelingt.

Faire Apps statt Datenmacht

Beim Konsum von Lebensmitteln achten viele Menschen längst auf bio, fair und nachhaltig – doch wie steht es um unsere digitalen Gewohnheiten? Der gemeinnützige Verein Topio zeigt mit seinem «Fair Apps Market», wie sich digitale Angebote genauso kritisch hinterfragen lassen: Wer steckt hinter den Apps, die wir täglich nutzen, und welche Auswirkungen hat das auf uns und unsere Gesellschaft? Wir haben mit Michael Wirths, Mitbegründer und Vorstand von Topio e.V., darüber gesprochen, warum digitale Unabhängigkeit gerade jetzt an Bedeutung gewinnt, und wie eine Welt mit ausschließlich fairen Apps aussehen könnte.

Mit einem eigenen Stand war Topio zuletzt auch bei der «Langen Nacht des Klimas» vertreten und brachte dort Besucher:innen die faire, digitale Alternative näher.

Interview

Wie kamt ihr auf die Idee zum Fair Apps Market?

Der Gedanke lag für uns auf der Hand. Beim Konsum von Lebensmitteln achten viele Menschen auf bio, fair und nachhaltig. An dieses Bewusstsein knüpfen wir an. Sollte es in der digitalen Welt nicht ähnlich sein? Auch hier können wir genauer hinsehen: Wer steckt hinter den Angeboten, welche Absichten haben sie mit ihren Anwendungen und welche Auswirkungen hat die Nutzung der Apps auf uns persönlich und auf unsere Gesellschaft? 

Warum ist es besonders jetzt so wichtig, sich über die Nutzung seiner Apps Gedanken zu machen?

Neben der Tatsache, dass unsere personenbezogenen Daten nach wie vor massenweise ausgewertet und an Datenhändler bzw. Werbefirmen weiterverkauft werden, sehen wir immer stärkere Auswirkungen der Digitalisierung auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Wie wir Nachrichten konsumieren, wie wir mit unseren Freunden kommunizieren, wie wir reisen oder einkaufen: Immer stärker schalten sich eine Handvoll auf Maximalgewinne ausgerichteter Digitalkonzerne dazwischen, die mit ihrer Monopolmacht die Bedingungen bestimmen. 

Ihr Einfluss ist inzwischen sogar zum Gegenstand geopolitischer Handelskriege geworden. Hier werden in Europa mühsam erworbene Freiheitsrechte gegen globale politisch-wirtschaftliche Abhängigkeiten ausgespielt. Auch die digitale Repression individueller europäischer Bürger:innen durch die US-Regierung kann verheerende Folgen haben, die uns alle betreffen. Nehmen wir beispielsweise die Richter:innen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag oder die Gründer:innen der NGO HateAid. Eine stärkere digitale Unabhängigkeit für Europa ist eine logische Antwort darauf – um unsere gesellschaftlichen Werte und Freiheiten zu schützen.

Wie arbeitet ihr?

Digitale Selbstbestimmung ist nicht nur für Tech-Nerds umsetzbar. Es gibt inzwischen viele faire Apps, App-Stores und Betriebssysteme, die auch für Menschen ohne großes technisches Vorwissen einfach nutzbar sind. Sie bieten höchste Sicherheit und Privatsphäre, keinen Account-Zwang und keine nervige Werbung. Wir machen diese Anwendungen einer breiten Zielgruppe mit niedrigschwelligen Angeboten wie unserem «Fair Apps Market» oder unserem «Privacy-Store» in der Arminiusmarkthalle in Berlin-Mitte zugänglich und unterstützen Menschen konkret beim Umstieg in eine gemeinwohlorientierte digitale Welt. Mit Vorträgen und Workshops sensibilisieren wir für die gesellschaftlichen Aspekte der digitalen Transformation.

Was sind die ersten und einfachsten 3 Schritte, die User:innen gehen können, um fairere Apps zu nutzen?

Für Android-Nutzer:innen: Installiert den alternativen App-Store F-Droid mit ca. 4.000 freien Open-Source-Apps. Unabhängig davon, ob ihr ein Android- oder iPhone-Gerät nutzt, verwendet eine Suchmaschine, einen Browser und einen Kartendienst, die nicht eure Daten verkaufen, wie z. B. Ecosia, Fennec/Firefox und Organic Maps. Besorgt euch eine E-Mail-Adresse, die eure Inhalte nicht auswertet, wie z. B. Posteo, Mailbox.org oder Tuta Mail.

Wie wäre die Welt, wenn alle Apps fair wären?

Das wäre eine Welt, in der es einen funktionierenden Wettbewerb gäbe und in der sich gute, innovative Lösungen durchsetzen, die unsere Grundrechte, wie die Privatsphäre und die Meinungsfreiheit, respektieren. Eine Welt, in der digitale Selbstbestimmung bedeutet, dass man nicht durch digitalen bzw. Systemzwang von grundlegenden Angeboten wie Online-Banking oder der Bahn ausgeschlossen wird und ohne technische Hürden daran teilhaben kann. Eine Welt, die geprägt wäre von freien Open-Source-Anwendungen. 

Diese beruhen häufig auf ganz anderen Prinzipien als die heute üblichen: nicht Gewinnmaximierung und Markteroberung, sondern Prinzipien des Gemeinwohls wie Kooperation, Kompatibilität, Nachhaltigkeit und Privacy by Design. Das ist ja heute schon vorhanden und wird auch immer stärker von Kommunen und Ländern unter dem Begriff «digitale Souveränität» vorangetrieben. Wir befinden uns EU-weit in einer Transformation, die eine große Chance bietet, diese Zukunft real werden zu lassen.

Wie kann man euch unterstützen?

Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der seine Arbeit hauptsächlich aus Spenden finanziert. Spenden ermöglichen es uns, unsere Arbeit unabhängig und entschlossen voranzutreiben. Wir freuen uns über Unterstützung in Form von tatkräftigem Engagement und darüber, dass mehr Menschen von unserem Angebot erfahren, und natürlich über wechselwillige, die unseren Marktstand in Berlin-Mitte besuchen.