Regenbogenflagge auf einer LGBQ-Demo
#KlimagerechtigkeitJetzt

Es gibt viele Gründe, warum queere Menschen am häufigsten unter dem Klimawandel sowie vor allem Extremwettern und Naturkatastrophen zu leiden haben. Dazu ein Gastbeitrag von Kaycee Hesse.

Klima intersektional: Queere Vielfalt

Queere Menschen sind in Deutschland doppelt so oft von Arbeitslosigkeit betroffen. Mehr als die Hälfte der queeren Arbeitnehmer:innen wird im Arbeitsalltag diskriminiert. Aber Moment! Ging es hier nicht eigentlich um Klimagerechtigkeit? Was hat das damit zu tun?

Ungleiche Welt

Hochwasserereignisse, Dürreperioden, Waldbrände, Ernteausfälle, Extremwetter. All das gehört inzwischen schon fast zu unserem Alltag. Und nicht nur hier in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Die Wahrscheinlichkeit und Frequenz dieser Ereignisse steigt mit jedem Jahr und jedem weiteren Zehntelgrad Erderwärmung. Der menschengemachte Klimawandel betrifft uns alle bereits jetzt.

Doch manche Menschen und Regionen sind besonders stark betroffen: sogenannte MAPA – most affected people and areas. Dazu gehören vor allem, aufgrund der geografischen Lage, Menschen aus dem Globalen Süden, aber auch weltweit Frauen, ärmere Menschen und marginalisierte Gruppen. Wer zum Beispiel wenig Geld hat, kann sich steigende Lebensmittelpreise aufgrund von Dürren und Nahrungsmittelknappheit schnell nicht mehr leisten. Oft hört man den Satz: «Klimaschutz muss man sich leisten können.»

Dabei ist es eigentlich genau umgekehrt. Immer mehr Menschen können sich den fehlenden Klimaschutz nicht mehr leisten. Die Klimakrise verstärkt vorhandene soziale Ungerechtigkeiten um ein Vielfaches. Das reichste Prozent der Menschheit ist für mehr CO2-Emissionen verantwortlich als die ärmsten fünfzig Prozent. Das heißt, die Menschen, die am wenigsten für die globale Erwärmung verantwortlich sind, deren Treibhausgasausstoß am geringsten ist, haben gleichzeitig am meisten unter den Folgen zu leiden.

Vereinte Kämpfe

Queere Menschen werden fast überall auf der Welt diskriminiert. Schon seit Jahrhunderten werden sie aus der Gesellschaft verstoßen. Oft werden sie von ihren eigenen Familien nicht akzeptiert. Davon sind vor allem auch Schwarze, Indigene und andere People of Colour besonders betroffen. Neben rechtlicher Diskriminierung, wie der Verfolgung und Bestrafung von queeren Menschen in vielen Teilen der Welt, nur wegen ihrer Identität, gehören auch Anfeindungen, Beleidigungen, Drohungen und körperliche Gewalt zum Alltag. Zudem haben queere Menschen oft schlechtere Chancen im Job – und das, obwohl sie im Durchschnitt höhere Bildungsabschlüsse vorweisen können. Unter anderem deswegen sind sie auch häufiger von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen.

Aus all diesen Gründen sind queere Menschen bei den Ersten, die unter dem Klimawandel und insbesondere Extremwettern und Naturkatastrophen zu leiden haben. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum es so wichtig ist, ihnen im Kampf um Klimagerechtigkeit zuzuhören. Durch ihre Außenseiterrolle in der Gesellschaft haben sich queere Communities gebildet, welche die kapitalistischen und patriarchalen Normen der Gesellschaft ablehnen und andere Formen des erfolgreichen Miteinanders entwickelt haben.

Auch methodisches und strategisches Knowhow, wie gesellschaftlicher Wandel gelingen kann, ist in queeren Communities bereits vorhanden. Durch ihren viele Jahre andauernden Kampf haben sie es geschafft, die Diskussion um Gleichberechtigung aller Geschlechter und aller sexueller oder romantischer Identitäten in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Auch war das Wort «queer» bis in die späten Neunziger ein Schimpfwort. Durch kontinuierliches Reframing konnte die queere Community den Begriff für sich wiedergewinnen und zu etwas Positivem machen. All dieses Wissen ist sehr wertvoll, wenn wir versuchen wollen, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, die auch die Klimakrise bewältigen kann.

Klimagerechtigkeit braucht Menschenrechte

Wer sich für Klimagerechtigkeit einsetzt, muss queere Rechte mitdenken. Intersektionalität ist da das Stichwort. Nachdem es im letzten Jahrzehnt einige Erfolge in Deutschland gab, wie die Ehe für alle und die kürzliche Transformation des verfassungswidrigen Transsexuellen-Gesetzes hin zu einem Selbstbestimmungsgesetz, erleben wir in den letzten Jahren durch den zunehmenden Rechtsruck in unserer Gesellschaft immer mehr Gewalttaten gegen queere Menschen. Auch global betrachtet wird der Gegenbewegung immer mehr Gehör geschenkt. So hat Polen vor fünf Jahren insgesamt dreißig so genannte «LGBT-freie Zonen» ausgewiesen und 2021 den Zugang zu Aufklärungsunterricht an Schulen stark eingeschränkt. Der Bundesstaat Florida in den USA hat inzwischen mehrere Gesetze verabschiedet, die es verbieten, vor allem transsexuelle Menschen und Kinder bei ihrer Transition zu unterstützen. Außerdem ist Aufklärungsarbeit zu queeren Identitäten an den Schulen verboten.

Es ist aktuell wichtiger denn je, queeren Menschen den Rücken zu stärken und sich für Gleichberechtigung und ihre Anerkennung einzusetzen. Klimagerechtigkeit bedeutet, diejenigen in die Verantwortung zu nehmen, die als Hauptverursacher für die Erderwärmung gelten und die dadurch Benachteiligten zu schützen. Um die Klimakrise global bewältigen zu können, müssen wir alle Menschen mitnehmen. Das schließt die volle gesellschaftliche Inklusion und Gleichberechtigung queerer Menschen mit ein sowie die sozial gerechte Gestaltung von Klimaschutzmaßnahmen. Je mehr wir sind, die dafür einstehen, desto besser.

Es gibt so viel, was wir voneinander lernen können, egal ob von der queeren Community, der feministischen Bewegung, Black Lives Matter oder Fridays for Future. Wir müssen die Köpfe zusammenstecken, unsere Erfahrungen bündeln und gemeinsam für eine klimagerechte Zukunft einstehen, die alle Menschen unterstützt!

Legende

  • queer: bezeichnet Menschen, die sich in der sexuellen, geschlechtlichen oder romantischen Vielfalt verorten und somit alle, die diesbezüglich nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen
  • Reframing: eine bestimmte Sache, ein Wort, ein Ereignis oder Verhalten in einem neuen Kontext sehen bzw. es in einen neuen Rahmen setzen
  • Intersektionalität: beschreibt die Überschneidung und Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungsformen
  • Ehe für alle: die Möglichkeit der standesamtlichen Heirat von gleichgeschlechtlichen Paaren
  • Transsexuellen-Gesetz: regelt die Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags bei transsexuellen Menschen
  • LGBT: steht für «lesbian, gay, bi, trans» als Abkürzung und in den meisten Fällen synonym zu «queer»
  • transsexuell: beschreibt Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können, welches ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde
  • Transition: die medizinische und psychosoziale Angleichung des Geschlechts bei transsexuellen Menschen

 

Zur Verfasserin

Kaycee Hesse, 24, setzt sich seit Jahren aktivistisch und politisch für Klimaschutz und queere Vielfalt ein. Inzwischen ist sie u. a. freiberuflich in der Bildungsarbeit tätig.

Kontakt:

 

 

 

Bildnachweise

Titelbild:

  • Urheber: terra.incognita
  • Quelle: Adobe Stock (Asset-ID-Nr.: 694342988)
  • Beschreibung: Gay Rainbow Flag Parade in Summer, LGBQ concept

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