Portraits von Boris Gotchev und Sophia Latka-Kiel
Genossenschaft

Wie Genossenschaften zu sozial gerechtem Klimaschutz beitragen können, beschreibt eine neue Studie. Boris und Sophia von den EWS erklären die wichtigsten Erkenntnisse.

«Mehr Menschen könnten von der Energiewende profitieren»

Genossenschaften haben Potenzial, die Energie- und Wärmewende sozial gerechter zu gestalten – dies wird jedoch nur zum Teil genutzt. Das hat das Öko-Institut im Auftrag der EWS in der Studie «Bürgerenergiegenossenschaften für eine sozial gerechte Energie- und Wärmewende: Handlungsmöglichkeiten und Hemmnisse» festgestellt (mehr dazu im EWS-Blog). 

Für die EWS haben Klimareferent Boris Gotchev und Sophia Latka-Kiel, Managerin Public Affairs/Energiepolitik, das Projekt betreut. Hier erzählen sie uns über das Anliegen der Studie und ihre wichtigsten Erkenntnisse.

Interview

Wir sagen ja immer, dass Genossenschaften die demokratischste Form der Teilhabe an der Energiewende sind, schließlich kann jede:r mitmachen und jede Stimme zählt gleich viel. Wie seid ihr dazu gekommen, das Thema soziale Gerechtigkeit im Kontext des Genossenschaftswesens zu betrachten?

Boris Gotchev: Als Genossenschaft sind uns Werte wie demokratische Mitbestimmung und Solidarität sehr wichtig. Uns geht es ja darum, in einem Verbund von Menschen die Energiewelt zu verändern – hin zu einer demokratischen, dezentralen, bürgergetragenen Struktur. Wir sehen jedoch nicht erst seit gestern, dass nicht alle Menschen gleichermaßen von der Energiewende profitieren können. 

Als Beispiele seien genannt: Die, die keine eigene Dachfläche zur Verfügung haben, weil sie zur Miete wohnen, können keine PV installieren und eigenen Strom erzeugen. Oder die energetische Sanierung ihres Hauses anstoßen. Finanziell schlechter gestellte Menschen können nicht einfach in eine Wärmepumpe oder ein E-Auto investieren. Und da wollten wir sehen, was wir als Bürgerenergiegenossenschaft tun können.

Obwohl dies ein wichtiges Thema ist, gibt es dazu noch nicht viel Wissen und keinen richtigen Überblick. Wir sind dann schnell auf das Öko-Institut gestoßen, weil dieses zur sozialen Komponente der Energiewende schon viel Forschung angestellt und Expertise aufgebaut hat. 

Was könnt ihr zur Zusammenarbeit mit dem Öko-Institut sagen?

Boris: Ich bin sehr froh, dass wir die Expert:innen des Öko-Instituts als Partner:innen für die Studie gewinnen konnten. Im Bereich soziale Gerechtigkeit in der Energie- und Wärmewende haben sie, wie gesagt, bereits viel geforscht und beraten auch aktuell die EU und die deutsche Bundesregierung. Im Austausch mit ihnen haben wir sehr von diesem Wissen profitieren können und selbst viel gelernt.

Was sind für euch die wichtigsten Ergebnisse aus der Studie?

Boris: Die Studie schafft einen guten Überblick über das Thema – schon das allein ist ein klarer Mehrwert. Zum einen beschreibt sie die Ausgangssituation, die ich schon genannt habe: Die Energiewende in Deutschland hat eine soziale Leerstelle. Energiearmut ist ein strukturelles Problem und es gibt vulnerable Haushalte, die von steigenden Preisen für Energie und CO₂ besonders betroffen sind. Für diese Gruppen ist die Gefahr eines fossilen Lock-ins real. 

Und da braucht es laut Studie eben mehr soziale Gerechtigkeit im engeren Sinne, also faire Teilhabe- und Mitwirkungsmöglichkeiten für alle. Also insbesondere auch jene, die bislang kaum Einfluss auf die Ausgestaltung der Energiewende haben, aber überdurchschnittlich stark von ihren sozialen und finanziellen Folgen betroffen sind.

Zum anderen zeigt sie: Energiegenossenschaften könnten dazu beitragen, damit mehr Menschen von der Energiewende profitieren können. Das ist die zentrale Botschaft. 

Sophia Latka-Kiel: Die andere Sache, die wir an der Studie wirklich toll finden, sind die Beispiele aus der Praxis, aus Deutschland, aber auch anderen Ländern, die zeigen, welche Ideen bereits funktionieren. Ganz wichtig ist es demnach, direkte Versorgungsmodelle anzubieten. Dinge wie Nahwärme, Mieterstrom oder auch Energy Sharing können die Kostenvorteile der Erneuerbaren direkt an die Menschen weiterleiten – auch an die, die keine eigenen Erzeugungsanlagen betreiben können.

Welche Praxisbeispiele in der Studie findest du besonders spannend, Boris? 

Boris: Da könnte ich jetzt einige nennen. Zahlreiche Mieterstromkonzepte zeigen beispielsweise, dass Menschen in solchen Projekten deutlich weniger für ihren Strom zahlen als in der regulären Versorgung. Nahwärmegenossenschaften finde ich sehr spannend, weil sie im ländlichen Raum klimafreundliche Wärme verankern. 

Wenn ich ins europäische Ausland schaue, fand ich das Beispiel von Ecopower aus Belgien sehr inspirierend, die mit einer Kommune zusammengearbeitet haben. Diese hat für Genossenschaftsanteile gebürgt, was dazu geführt hat, dass sehr viel mehr Menschen, die es sich sonst nicht hätten leisten können, Teil der Genossenschaft wurden. 

Aus Frankreich gibt es ein schönes Beispiel eines Solidaritätsfonds, der ähnlich funktioniert wie das EWS-Förderprogramm: Aus dem Fonds, der durch Menschen gespeist wird, die bereit sind, etwas mehr zu zahlen, werden gezielt Projekte der sozialen Gerechtigkeit gefördert und eine große soziale Wirkung erzielt.

Was sollten politische Entscheider:innen aus der Studie als Handlungsauftrag mitnehmen? 

Sophia: Ich würde mich auf wenige Botschaften konzentrieren. Zum einen: Die Bürgerenergiegenossenschaften brauchen Zugang zu Kapital mit niedrigen Zinsen, damit sie günstige klimafreundliche Energie in ländlichen Räumen anbieten können. Darum müssen die bestehenden Förderprogramme verstetigt und ausgebaut werden – was auch durch die Studie bekräftigt wird. 

Zweitens unterstreicht sie, dass Klimapolitik sozial ausgestaltet werden muss. Von Förderungen müssen auch Menschen mit geringen finanziellen Mitteln profitieren können. 

Drittens sind innovative Versorgungsmodelle wie Mieterstrom oder Energy Sharing nun zwar rechtlich möglich, aber weiterhin sehr herausfordernd in Sachen Aufwand und Wirtschaftlichkeit. Hier sollte die Politik die Rahmenbedingungen so anpassen, dass Bürgerenergiegenossenschaften und andere Akteur:innen diese Modelle mehr in die Breite tragen können. 

Welche Ideen können Genossenschaften aus der Studie übernehmen?

Sophia: Bei der Frage der sozialen Gerechtigkeit geht es auch darum, Zugangshürden abzubauen. Das erreicht man etwa, wenn das Eintrittsticket in die Genossenschaft so günstig wie möglich angeboten wird. Beispielsweise können Anteile solidarisch getragen werden, damit auch die an den Vorteilen teilhaben können, die sonst nicht die Mittel dafür haben.

Boris: Sehr übernehmenswert, für Genossenschaften wie auch die Zivilgesellschaft allgemein, finde ich die gezeigten Beispiele der Kooperation. Um für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen, müssen wir nicht das Rad neu erfinden, das ist auch nicht Aufgabe der Energiegenossenschaften. Vielmehr kann man mit den Akteur:innen kooperieren, die darin bereits aktiv sind, etwa die Kommunen und Sozialverbände wie der Caritasverband. Wenn sich hier Institutionen zusammenschließen, können viele Projekte entstehen, die auf die soziale Gerechtigkeit einzahlen.
 

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