Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl
Energiepolitik

40 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl bleibt Atomkraft das, was sie immer war: gefährlich, unwirtschaftlich und teuer.

Atomkraft: Das Märchen vom Fortschritt

Es war in der Frühlingsnacht des 26. April 1986, als eine unsichtbare Gefahr gen Westen zog. Der Super-GAU im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl hatte eine radioaktive Wolke freigesetzt – und die machte an keiner Grenze halt. Rund 2.000 Kilometer entfernt, im kleinen Schönau im Schwarzwald, veränderte dieser Moment alles. Für den Landarzt Michael Sladek, seine Frau Ursula und weitere Mitstreiter:innen war klar: So kann es nicht weitergehen. Aus dieser Überzeugung entstand noch im Frühsommer 1986 eine Bürgerinitiative – der Keim dessen, was heute als EWS bekannt ist. Die Idee dahinter war so einfach wie revolutionär: Wer Energie selbst erzeugt, macht sich unabhängig von gefährlichen Großkraftwerken. 

Heute, 40 Jahre später, ist diese Botschaft aktueller denn je. Was Tschernobyl uns gelehrt hat, ist unmissverständlich: Atomkraft kennt keine sicheren Grenzen – nicht technisch, nicht politisch, nicht geografisch. Und doch scheint Europa gerade dabei, genau diese Lektion zu vergessen. Erst kürzlich hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Atomausstieg als «strategischen Fehler» bezeichnet und auf einem Atomenergie-Gipfel angekündigt, die Entwicklung von Mini-Atomreaktoren mit EU-Mitteln zu fördern – ausgerechnet zum 15. Jahrestag der Fukushima-Katastrophe. 

Mini-AKW: Großes Versprechen, leeres Blatt

Die sogenannten Small Modular Reactors (SMR) werden derzeit als Wunderlösung verkauft – in Deutschland allen voran von CSU-Chef Markus Söder: «Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt», sagte er jüngst. Seiner Auffassung nach bedeutet Kernenergie 2.0 kein Zurück zu alter Technik, sondern ein neues Kapitel ohne die früheren Gefahren. Als Brennstoff bringt er dabei sogar die Nutzung von vorhandenem Atommüll ins Spiel. Klingt modern – ist es aber nicht. Expert:innen weisen diese Idee als technisch nicht ausgereift und schlicht irreführend zurück. Denn die sogenannte Transmutation von Atommüll ist eine Technologie, die seit den 1960er Jahren erforscht wird – und bis heute im kommerziellen Maßstab nirgendwo auf der Welt funktioniert.

Doch nicht nur technisch, auch wirtschaftlich ist das Bild ernüchternd. Kein einziger Mini-Reaktor westlicher Bauart ist bislang in kommerziellem Betrieb. In den USA sind private Investor:innen reihenweise abgesprungen. Kein einziger Hersteller weltweit kann verlässliche Bauzeiten oder Kosten garantieren. Markus Krebber, Chef des größten deutschen Stromerzeugers RWE, hat daher erklärt, keinerlei Bereitschaft zu sehen, dieses Investitionsrisiko zu tragen. Wenn selbst Energiekonzerne Mini-AKW als Investitionsgrab betrachten, sollte kein Steuergeld hinterhergeworfen werden. 

Das ungelöste Atommüll-Problem

Atomkraft war noch nie ein freier Markt – sie war immer auf massive staatliche Subventionen angewiesen. Überall dort, wo Reaktoren heute noch laufen, funktionieren sie nur dank öffentlicher Gelder. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von strukturellem Versagen einer Technologie, die sich nach mehr als 70 Jahren noch immer nicht selbst trägt. Auch ein weiteres Problem bleibt völlig ungelöst: Allein in Deutschland fehlt bis heute ein gesichertes Endlager für den bereits vorhandenen Atommüll. Einem aktuellen Gutachten im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung zufolge könnte die Standortsuche noch bis in die 2070er-Jahre andauern. Das Bundesumweltministerium hat in einem Referentenentwurf konkrete Zieldaten längst gestrichen – es gibt kein Datum, es gibt keinen Plan. 

Jeder neue Reaktor produziert weiteren strahlenden Abfall, für den es auf absehbare Zeit schlicht keinen sicheren Ort gibt. Und trotzdem soll noch mehr davon produziert werden? Ein Blick auf die nüchternen Zahlen zeigt, wie wenig die Atomkraft selbst nach Jahrzehnten weltweiten Betriebs leistet: Laut der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) deckte sie 2024 gerade einmal 8,7 Prozent des globalen Strombedarfs. Und selbst wenn die absolute Stromerzeugung aus Atomkraft auf einem Plateau bleibt, schrumpft ihr Anteil am wachsenden Gesamtbedarf zwangsläufig weiter. Von einer tragenden Säule der Energieversorgung kann also keine Rede sein. Mini-AKW werden daran nichts ändern. Die vorgesehenen finanziellen Mittel wären besser in erneuerbare Energien und Speichertechnologien investiert – günstiger, sicherer und ohne strahlenden Müll für kommende Generationen!

Gefährlich und geopolitisch riskant: Atomkraft in der Realität

Dass Atomkraft wirtschaftlich nicht funktioniert, zeigt kein Beispiel deutlicher als Frankreich: Der Reaktorneubau Flamanville 3 in der Normandie – der einzige französische Neubau seit Jahrzehnten – brauchte 17 Jahre bis zur Fertigstellung und kostete am Ende laut dem französischen Rechnungshof 23,7 Milliarden Euro: mehr als das Siebenfache des ursprünglichen Budgets von rund 3,3 Milliarden Euro. Was als Beweis für die Renaissance der Kernkraft geplant war, wurde zum Symbol ihres Scheiterns. Und das ausgerechnet in dem Land, das in Europa am lautstärksten für Atomkraft wirbt. Man fragt sich: Welche Lektion soll Europa daraus ziehen – außer der, es besser zu lassen?

Doch nicht nur die Kosten sind ein Problem, auch die geopolitischen Risiken wachsen. Die Bundesregierung hat Anfang 2026 grünes Licht für den Ausbau der Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen gegeben – trotz massiver Sicherheitsbedenken und Widerstand aus der Zivilgesellschaft. Hinter dem Projekt steckt eine brisante Allianz: die gemeinsame Fertigung von Brennelementen durch die französische Framatome mit dem russischen Staatskonzern Rosatom. Einem Konzern, der direkt dem Putin-Regime unterstellt ist – das einen völkerrechtswidrigen und verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. 

Russische Atomtechniker:innen würden so potenziell Zugang zu sensiblen Atomanlagen im Herzen Europas erhalten: mit allen damit verbundenen Risiken für Spionage und hybride Kriegsführung. Dass die EU gleichzeitig ihre Abhängigkeit von russischem Uran und russischer Nukleartechnologie abbauen will, macht diese Entscheidung noch unverständlicher.

Strahlung kennt keine Grenzen

Atomrisiken enden nicht an Landesgrenzen – das wussten wir spätestens seit 1986. Und doch wird diese Wahrheit immer wieder verdrängt. Das gilt nicht nur für Deutschland: Weltweit betreiben laut der Internationalen Atomenergiebehörde derzeit 33 Länder 413 Atomreaktoren – unabhängige Expert:innen des World Nuclear Industry Status Report (WNISR) zählen mit 407 sogar noch weniger. Die Frage, wer im Ernstfall haftet, wer evakuiert, wer die Kosten trägt – sie bleibt international ebenso unbeantwortet wie die Frage nach dem Atommüll. Das untermauert auch die aktuelle Studie «Grenzenloses Risiko» des Trinationalen Atomschutzverbandes (TRAS), der sich im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Schweiz für den Schutz der Bevölkerung vor Atomgefahren einsetzt. Die Studie zeigt die Gefahren auf, die von den vier Schweizer Reaktoren für die Bevölkerung auch in Deutschland ausgehen.

«Im Schnitt aller Wetterlagen eines Jahres bekäme die Bundesrepublik bei einem schweren Atomunfall in einem der vier Schweizer AKWs sogar mehr Strahlung ab als die Schweiz selbst – und auch mehr als jedes andere europäische Land.»

Armin Simon, Referent für Atompolitik und Reaktor-Risiken bei .ausgestrahlt

Armin Simon, Co-Autor der Studie, zeichnet im EWS Energiewende-Magazin ein erschreckendes Bild: Ein schwerer Unfall in einem Schweizer Grenz-AKW würde die Gesundheit von Menschen in ganz Deutschland gefährden. Katastrophenschutzmaßnahmen wären nicht nur im Schwarzwald nötig, sondern potenziell von Basel bis Berlin und darüber hinaus. Radioaktiver Fallout könnte Ernten bis ins Baltikum unbrauchbar machen, die Trinkwasserversorgung unzähliger Menschen bedrohen und ganze Regionen langfristig unbewohnbar werden lassen. Millionen Menschen würden Wohnung, Arbeitsplatz und Heimat verlieren – eine Katastrophe kaum vorstellbaren Ausmaßes. Was die Studie außerdem zeigt: Die Schweizer AKWs gehören zu den ältesten der Welt. Je älter ein Reaktor, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Materialermüdung, unvorhergesehenen Störfällen und menschlichem Versagen. 

Das Risiko wächst – still und unsichtbar, wie die Strahlung selbst. Das TRAS-Beispiel macht klar, was überall auf der Welt gilt: Atomkraft ist ein grenzüberschreitendes Risiko, das keine nationale Lösung kennt. Wer heute neue Reaktoren baut oder alte weiterlaufen lässt, exportiert dieses Risiko in die Nachbarländer – ohne deren Zustimmung, ohne Haftung, ohne Ausweg.

Unsere Antwort: Energie von Menschen für Menschen

Die Schönauer Stromrebell:innen haben aus Tschernobyl die richtige Konsequenz gezogen – nicht Ohnmacht, sondern Handeln. Sie gründeten die EWS, heute ein genossenschaftlich organisiertes Unternehmen, das Hunderttausende Menschen mit echtem Ökostrom versorgt: dezentral, erneuerbar, bürgereigen – ohne strahlenden Müll für kommende Generationen. 40 Jahre nach Tschernobyl ist klar: Die Energiewende ist keine Utopie, sondern gelebte Realität. 

Solaranlagen auf Dächern, Windräder auf Hügeln, Bürger:innen als Energieerzeuger:innen – das ist die Antwort auf Atomkraft. Und nicht neue Reaktoren, die niemand bezahlen will und deren Abfall niemand haben möchte. Die Kosten der Erneuerbaren sinken seit Jahren, die Kapazitäten wachsen rasant, während die Atomkraft immer teurer, langsamer und gefährlicher wird. Die Richtung ist klar: Der Kampf für eine echte Energiewende ist nicht vorbei. Und wir führen ihn weiter – entschlossen, bürgernah und mit der Überzeugung, dass eine Welt ohne Atomkraft nicht nur möglich, sondern notwendig ist. So wie damals, in jener Frühjahrsnacht im April 1986.


Titelbild: Atomkraftwerk Tschernobyl, Block 4 | Adobe Stock (Asset-ID-Nr.: 122607653)