Aus der Nothilfe nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 ist etwas entstanden, das weit mehr ist als ein Hilfswerk: Der gemeinnützige Verein Heim-statt Tschernobyl baut seit den 1990er Jahren Brücken zwischen Menschen – und heute auch Solaranlagen. Mit Unterstützung des EWS-Förderprogramms «Sonnencent» entsteht in Belarus ein Modellprojekt für Photovoltaik und E-Mobilität auf dem Land. In einem früheren Beitrag haben wir bereits über das Projekt berichtet.
Wir haben mit Gero Müller gesprochen, Vorstand des Vereins IggV ÖkoBau und verantwortlicher Projektleiter.
Interview
Warum gibt es Heim-statt Tschernobyl?
Gero Müller: Heim-statt Tschernobyl hat sich aufgrund der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegründet. Man hatte Anfang der 1990er mit Umsiedlungsprojekten begonnen, bei denen Menschen aus den Gebieten im verstrahlten Süden von Belarus in den Norden umgesiedelt wurden. Die Häuser wurden zusammen von belarussischen und deutschen Freiwilligen gebaut.
Entstanden ist das Ganze aus dem gemeinnützigen Verein Heimstätte Dünne, der bei Bielefeld ansässig ist. Das ist ein Lehmbauverein, der die Anfänge betreut hat. Als man merkte, es gibt dort ein in sich geschlossenes Projekt, hat man aus diesem Verein heraus einen weiteren ausgegründet.
Wie kann man sich eure Arbeit vorstellen?
In der Vergangenheit war das konkret die Umsiedlung. Wir haben in Belarus Freiwillige gesucht, meist Studierende, und auch in Deutschland – das war bunt gemischt, von Studierenden bis zum evangelischen Pfarrer. Was diese Menschen gemeinsam hatten, war die Lust daran, gemeinsam etwas zu bewegen. So haben wir Volunteer-Camps organisiert und jeweils mit einem Camp einen Rohbau für eine Familie gebaut. Die Familie hat das Haus geschenkt bekommen, unter der Bedingung, dass sie beim Aufbau mitarbeitet.
Um 2012 merkten wir, dass die Umsiedlung eigentlich nicht mehr das wichtigste Thema war. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass es bei den Volunteer-Camps um viel mehr ging als um Umsiedlung: Das war Versöhnungsarbeit. Die erste Siedlung entstand mitten auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Dort sind wir eigentlich auf die Geschichte aufmerksam geworden, auch auf die des Zweiten Weltkrieges. Der Austausch darüber hat zu viel Verständnis und neuer Offenheit unter den Freiwilligen geführt.
Auch die Motivation der deutschen Freiwilligen war häufig bewegend – beispielsweise meinte jemand, dass sein Vater früher bei der Wehrmacht war und Häuser in der Gegend abgebrannt hatte, und dass er es dann als seine Aufgabe verstand, an diesem Ort neue Häuser zu bauen.
Wie man sieht, ging es bei den Volunteer-Camps um mehr als um Häuser und Umsiedlung. Wir haben die Relevanz dieser Arbeit, auch gerade heute, verstanden und wollten sie unbedingt fortführen. Daher haben wir mit Freiwilligen aus Deutschland und Belarus weitere gemeinnützige Bauprojekte gestartet. Wir haben beispielsweise zwei medizinische Einrichtungen gebaut, dazu Gemeinschaftshäuser, eine große Behindertenwerkstatt und mehr. Das Modell des gemeinschaftlichen Aufbaus haben wir beibehalten und fortgeführt.
Wie bist du zu Heim-statt Tschernobyl gekommen?
Ich war 1999 Zimmermann auf Wanderschaft, und mein damaliger Meister hatte die technische Leitung bei einem der ersten Projekte. Er hat mich gefragt, ob ich nach Belarus mitfahren möchte. Und ich habe gesagt: «Na klar!» – und dann habe ich dort meine Frau kennengelernt, die als Übersetzerin auf der Baustelle tätig war. Und so bin ich dabeigeblieben.
Wie genau läuft das neue Projekt ab?
Auf dem Land in Belarus gibt es so gut wie keine E-Mobilität, es fehlt an Ladestellen. In der Hauptstadt oder in größeren Städten ist E-Mobilität schon eher verbreitet, aber auf dem Land – Fehlanzeige. Wir haben beispielsweise auch Projekte in einem Naherholungsgebiet realisiert, in das auch viele Menschen aus der Großstadt fahren. Die können aber mit ihrem E-Auto nicht dorthin fahren, sie sind auf Benziner angewiesen.
So entstand die Idee, modellhaft E-Ladestationen in ländlichen Regionen aufzubauen. Und da wir auch erfolgreich Windkraftanlagen in der Region betreiben, war es naheliegend, dass wir auch im PV-Bereich etwas unternehmen. So möchten wir in einem ersten Schritt Photovoltaikanlagen installieren und daran zeitnah, als logischen zweiten Schritt, E-Ladesäulen anschließen.
«Natürlich motiviert mich auch der Ausbau der erneuerbaren Energien. Jetzt erst recht.»
Zunächst soll es eine Symbolwirkung erzielen, aber dabei soll es nicht bleiben. Tatsächlich haben wir das auch in der Vergangenheit geschafft: Wir haben etwa die erste Windkraftanlage in Belarus errichtet – mittlerweile gibt es 50 Stück – und ein medizinisches Zentrum auf dem Land gebaut, das einen Architekturpreis gewonnen hat. Dann kam plötzlich der Staat auf uns zu und bestellte das gleiche Haus noch einmal bei uns. Das Geld, das wir dafür erhielten, haben wir gleich ins nächste Projekt gesteckt.
Wir haben auch die erste funktionierende dezentrale Pflanzenkläranlage in Belarus gebaut. Erst waren alle sehr skeptisch, und plötzlich kamen Wasserwerke und soziale Einrichtungen auf uns zu und fragten, ob wir ihnen auch so eine Pflanzenkläranlage bauen könnten.
Belarus ist ja vielleicht nicht das erste Land, das einem einfällt, wenn man an erneuerbare Energien denkt.
Richtig.
Gab es auch Probleme und Hürden?
Ja, die gab es. Aber Hürden, die es in Deutschland auch zu nehmen gilt, würde ich sagen. Für eine Windkraftanlage ist dort eine Baugenehmigung einzuholen – das ist genauso kompliziert wie in Deutschland. Belarus hat allerdings jetzt ein neues, eigenes Atomkraftwerk. Das macht natürlich den Strom im Land günstiger, und alternative Energien werden nicht mehr forciert. Wir haben drei Windkraftanlagen gebaut, weil es tatsächlich auch für den Verein eine gute Einnahmequelle war. Der Strom wurde uns – gerade am Anfang – teilweise besser vergütet als in Deutschland, teilweise mit 14 Cent.
Als das AKW fertiggestellt war, wurde diese Vergütung immer weiter reduziert, sodass es de facto keinen Sinn mehr macht, alternative Energien auszubauen. Es sei denn – und da setzen wir an – man nutzt sie für den Eigenbedarf. Wenn man Strom für den Eigenbedarf produziert, kann man ihn vollständig nutzen. Was überschüssig ist, wird ins Netz eingespeist und zu einem niedrigen Preis vergütet – das ist erlaubt.
Warum ist es gerade heute wichtig, dass wir zum einen die Katastrophe von Tschernobyl nicht vergessen und zum anderen weiter solche Projekte vorantreiben, wie ihr das tut?
Das Vergessen ist auch für uns ein Thema, weil – das hat man ja an Fukushima gesehen – schnell in Vergessenheit gerät, welche Gefahren und Risiken es gibt. Diese werden dann heruntergespielt, bis der nächste Kollaps eintritt. Das ist für uns Antrieb, immer wieder daran zu erinnern und zu versuchen, Zeichen dagegen zu setzen. Wir versuchen, konkrete, erfolgreiche Gegenmodelle zu etablieren.
«Wir arbeiten in unseren Projekten nicht auf der ganz hohen Ebene, sondern direkt mit den Menschen vor Ort.»
Die Katastrophe von Tschernobyl war schrecklich. Auch heute sind einige katastrophale Entwicklungen zu beobachten. Heim-statt Tschernobyl und die EWS arbeiten konsequent weiter an Gegenmodellen, die beispielhaft vorangehen und Hoffnung stiften können. Was lässt dich gerade hoffnungsvoll in die Zukunft schauen? Was motiviert dich, weiterzumachen?
Da spielen verschiedene Faktoren mit. Der Versöhnungs- und Friedensgedanke spielt bei uns eine große Rolle. Wir arbeiten in unseren Projekten vor Ort nicht auf der ganz hohen Ebene, sondern direkt mit den Menschen auf der lokalen politischen Ebene. Und wir erfahren immer wieder, dass wir willkommen sind, dass wir Partner sind, dass man gemeinsam an etwas arbeiten möchte. Das motiviert mich sehr. Wir sind wirklich eine der letzten Organisationen, die noch vor Ort tätig sind.
Natürlich motiviert mich auch der Ausbau der erneuerbaren Energien. Dass momentane Entwicklungen Gegenwind bringen, bedeutet für uns: Gerade jetzt möchten wir Photovoltaikanlagen bauen. Jetzt erst recht. Und wenn die dann laufen und plötzlich fremde Menschen in das Dorf kommen und ihre Autos mit Strom laden, der aus einer Photovoltaikanlage stammt, und die Menschen unsere Modellprojekte sehen – das Dorf bekommt dadurch eine Symbolfunktion, und idealerweise schaffen wir es dann, andere damit zu inspirieren.
Euer Projekt zeigt sehr eindrucksvoll, dass Klimaschutz nicht etwas Abstraktes ist. Klimaschutz wird von Menschen für Menschen gemacht. Und er bringt Menschen zusammen – es geht um mehr als ein Windrad, nämlich darum, dass man gemeinschaftlich etwas aufbauen kann: Grenzen überwinden, Geschichte überwinden. Es passiert nicht losgelöst von allem anderen.
Und ein gemeinnütziger Verein ist auch eine tolle Plattform für solche Aktionen. Uns geht es nicht um Gewinn. Wir sind natürlich froh um jeden Cent, der übrig bleibt, denn den können wir ins nächste Projekt fließen lassen. Und ich erlebe es immer wieder: Wenn etwas auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet ist, werden plötzlich viele Ideale über Bord geworfen.
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