Portraitfoto Jörg Weber
#KlimagerechtigkeitJetzt

Geld so anlegen, dass es die Welt verbessert und gleichzeitig Rendite bringt – damit kennt sich Jörg Weber, Gründer von Ecoreporter, aus.

Ihr Geld hat Wirkmacht

Die Recherchen von Divestment-Organisationen wie Urgewald zeigen, wie große Finanzinstitutionen klimaschädliche Öl-, Gas- und Kohleprojekte finanzieren, in Erwartung satter Renditen. Diese Fonds arbeiten mit dem Geld vieler privater Anleger:innen, die mitunter gar nicht wissen, in welche Projekte ihre Einlagen gesteckt werden.

Mit wachsendem Bewusstsein für diese Problematik erfreuen sich sogenannte «grüne Geldanlagen» hoher Beliebtheit. Doch welche Anlagen sind wirklich nachhaltig? Und welche lohnen sich auch monetär?

Dieser Frage geht das Onlinemagazin ECOreporter bereits seit 1999 nach. Ich durfte mit Jörg Weber, Chefredakteur und Mitglied des Gründungsteams, sprechen und wollte erfahren, was jeder Mensch über Geld wissen muss und wie man es gewinnbringend für Klima- und Umweltschutz einsetzt, ohne auf Rendite zu verzichten.

Interview

Herr Weber, wie kamen Sie damals darauf, mit ECOreporter ein Magazin speziell für nachhaltige Finanzen ins Leben zu rufen? 

Tatsächlich gibt es ECOreporter jetzt im 25. Jahr. Der Hintergrund war: Ich hatte damals ein Buch geschrieben, «365 Öko-Tips», da waren auch 15 Geldanlage-Tipps dabei. Die entsprechenden Angebote kamen teilweise schnell auf den Markt und verschwanden dann wieder. Deshalb hatte ich mir zusammen mit ein paar Freunden überlegt: Da gibt es doch dieses tolle neue Ding Internet, da könnte man solche grünen Geldanlagen aktuell darstellen. Also sammelten wir solche Geldanlagen und untersuchten und bewerteten sie. Dieses Projekt hat sich über die Jahre professionalisiert, sodass wir bald eine feste hauptberufliche Redaktion hatten.  

An wen richtet sich das Internetmagazin? 

Zum weit überwiegenden Teil lesen uns Anleger:innen, das geht von der Studentin bis zum Milliardär. Finanzprofis sind auch dabei, sie informieren sich über neue Produkte und Entwicklungen informieren, aber den größten Teil machen private Anleger:innen aus. 

Wie verhalten sich Rendite und ökologischer Nutzen von Geldanlagen zueinander? Muss man bei einem der Punkte Abstriche machen, oder geht das gut zusammen? 

Nein, wenn man «grün» anlegt, muss man bei der Rendite gar keine Abstriche machen. Wir sehen zum Beispiel bei den guten nachhaltigen Aktien oder Aktienfonds, dass sich dort mit die besten Renditen und Wertzuwächse erzielen lassen. 

Trotzdem ist die Frage nach dem ökologischen Nutzen insgesamt eine der schwierigsten überhaupt. Es geht ja darum, ob die Geldanlage wirklich wirksam ist oder «nur» keinen Schaden anrichtet. Wenn ich beispielsweise in eine Solar-Aktie investiere, kann ich damit tolle Gewinne erzielen, aber ich kann nicht wissen, wie das Geld da draußen wirklich wirkt, denn das Geld landet ja nicht in der Solar-Aktiengesellschaft, sondern bei der Aktionärin, die mir die Aktie verkauft hat.

Wenn ich dagegen EWS-Genossenschaftsanteile erwerbe, dann weiß ich, dass die EWS damit etwas für die Energiewende tut und mein Geld genau dafür einsetzt.

Wo ist denn der größte Hebel, ökologisch etwas zu bewirken? 

Das ist eine wirklich schwierige Frage, und eine plakative Antwort kann ich auch nach 25 Jahren in diesem Thema nicht liefern. Weil die konkrete Wirkung des Investments nicht einfach zu benennen ist. Wenn man nur das eigene Geld betrachtet, dann kann man beispielsweise in Anteile von Genossenschaften wie der EWS oder der GLS Bank investieren, oder in einen Erneuerbare-Energien-Fonds, der Solarprojekte speist. Dann weiß man: Mein Geld hilft nun, die Energiewende voranzubringen.

Bei Aktienfonds, die versprechen, grün zu investieren, muss man schon genauer hinsehen, was das Management konkret mit den Anlagen anstellt. Gehen die Fondsmanager oder ihre Beauftragten beispielsweise zur Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft und setzen sich dafür ein, dass diese ihr Geschäftsmodell dekarbonisiert? Wir testen und bewerten das Verhalten nachhaltiger Aktienfonds in diesem Punkt, aber allgemein ist es als Anleger:in schwierig, so etwas nachzuvollziehen.

Dennoch: Wenn Millionen Menschen ihr Geld in wirklich engagierten, nachhaltigen Aktienfonds anlegen, dann ist das ein wenig so wie bei der Bundestagswahl: Was die einzelne Stimme – oder der einzelne angelegte Euro – bewirkt, kann man nicht genau messen, aber in der Summe bestimmen all diese Stimmen die Zusammensetzung der Regierung und all dieses Geld die Richtung der Wirtschaft. 

«Dass es in Beratungsgesprächen um Natur oder Klima geht, das ist leider immer noch die Ausnahme bei den meisten Banken.»

Jörg Weber, Chefredakteur von ECOreporter

Haben Sie Erfahrungen, wie sehr Berater:innen bei normalen Banken Bescheid wissen über die Auswirkungen der Investments auf Natur und Klima, und wie sehr berücksichtigen sie das in den Beratungsgesprächen?

Dass es in Beratungsgesprächen um Natur oder Klima geht und darum, was angelegtes Geld da bewirken, das ist leider immer noch die Ausnahme bei den meisten Banken. Man kann sich eine Bank ja vorstellen wie einen Supermarkt: Auch sie lebt vom Verkauf von Produkten, und sie hat Fremd- und Eigenmarken. Die Berater:innen konventioneller Banken bekommen Direktiven wie «Das ist das Produkt des Monats, das müsst ihr jetzt so und so oft an die Kundschaft bringen». Das heißt, die Kund:innen werden oft so beraten, dass es nicht in erster Linie ihnen, sondern der Bank nutzt.

Das haben wir bei den «nachhaltigen» Banken, die wir untersucht und getestet haben, so nicht festgestellt. Bei denen werden die Berater:innen fest und ohne Provisionen bezahlt und bekommen keine Vorgaben, was sie zu vertreiben haben. Und wer erklärt, eine klimaschonende, rentable Geldanlage zu suchen, der dürfte auch entsprechende Angebote bekommen.

Was dann vielleicht überraschen mag, ist, dass die nachhaltigen Banken mit diesem Vorgehen nicht schlechter dastehen, sondern sogar eher besser als der Durchschnitt der konventionellen Banken. 

Wie erklären Sie sich das?

Ich vermute, dass das Vertrauen und die Treue der Kund:innen bei nachhaltigen Banken höher ist. Dadurch haben sie auch geringere Kosten für die Anwerbung neuer Kund:innen. Und natürlich profitieren die nachhaltigen Banken davon, dass es viele Menschen gibt, die etwas für eine nachhaltige Zukunft bewegen wollen. Dadurch werden sie auch häufiger privat weiterempfohlen.

Was ist, wenn man nichts zum Anlegen hat? Wie viel macht es aus, sein Girokonto zu einer nachhaltigen Bank umzuziehen? 

Girokonten zeichnen sich ja dadurch aus, dass das Geld auf das Konto zu- und abfließt. Das heißt, die Bank kann damit nicht so planen und investieren wie mit längerfristig gebundenem Geld. Trotzdem ist es so, dass alle Girokonten zusammengenommen einen Geldbestand ergeben, und mit einem kleinen Teil davon arbeitet die Bank auch. Insofern ist es auf jeden Fall sinnvoll, zu einer nachhaltigen Bank zu gehen. 

In der Regel entsteht aber daraus mehr: Man knüpft persönliche Kontakte, lässt sich von seiner Bank beraten und legt vielleicht später dort an, dann ist sie nicht mehr bloß Geld-Verwahrstation. Plus: Wenn man im Alltag etwas mit der Girokarte einer ethischen Bank bezahlt, dann fällt das manchmal auf, vielleicht ergibt sich ein Gespräch, es kann ein Moment sein, der andere anregt, über nachhaltige Finanzen nachzudenken. 

Sie haben ja ein eigenes ECOreporter-Siegel, das nachhaltige Geldanlagen auszeichnet. Welche Kriterien ziehen Sie da heran?

Unser Hauptkriterium ist, ob ein Anbieter das hält, was er verspricht. Wenn etwa ein Aktienfonds verspricht, klimaschonend zu investieren, prüfen wir, welche Aktien im Fonds sind. Wir sehen nach, was das Fondsmanagement konkret unternimmt, um sicherzugehen, dass da wirklich nur klimafreundlich investiert wird. Wir prüfen auch, ob eine Fondsgesellschaft eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie hat. Das ist in der Industrie mittlerweile selbstverständlich, in der Finanzwelt leider immer noch nicht. Und dann gibt es natürlich die Basiskriterien, etwa keine Kinderarbeit oder keine Geschäfte mit Atomenergie.

Wir haben insgesamt gar nicht so viele Nachhaltigkeitskriterien, die wir prüfen. Umso enttäuschter sind wir regelmäßig, dass es mittlerweile viele hundert Finanzprodukte gibt, die sich nachhaltig nennen – und so wenige, die unsere Kriterien erfüllen. 

«Schreiben Sie Ihrer Bank! Fragen Sie, was die gegen den Klimawandel tun.»

Jörg Weber, Chefredakteur von ECOreporter

Können Sie auch andere Siegel empfehlen, die vertrauenswürdige ökologische Anlagen auszeichnen?

Wenn es die gäbe, hätten wir unseres nicht gemacht. Eigentlich sind wir eine Redaktion und kein Zertifizierungsinstitut. Wir haben unser Siegel konzipiert für Menschen, die einen hohen Anspruch haben an nachhaltige Geldanlagen, wenn Sie so wollen so etwas wie das Demeter-Siegel, aber für die Finanzwelt. 

Gibt es im Umgang mit Geld oder Anlagen eine Information, von der Sie sich wünschten, dass mehr Menschen sie kennen oder beherzigen würden? 

Ich war ja früher Fernsehjournalist bei der ARD. Wenn jemand zu einem meiner Fernsehbeiträge einen Kommentar an die oberste Chef:innen-Etage geschickt hat, bekam ich den Auftrag, einen Entwurf für einen Antworttext zu liefern. Und zwar schnell. Aus dieser Erfahrung heraus rate ich Anlegenden: Schreiben Sie an Ihre (konventionelle) Bank, Ihre Versicherung, Ihren Fondsanbieter. Maximal vier Sätze! Und adressieren Sie das an die oberste Etage. Fragen Sie, was die gegen den Klimawandel tun. Oder ob die Bank zertifizierten grünen Strom bezieht oder Dienstreisen innerhalb Deutschlands per Flugzeug ausgeschlossen hat. Ob das Gehalt des Vorstands daran gekoppelt ist, dass bestimmte Klimaziele erreicht werden. Sie sind Finanzkundin oder -kunde, machen Sie Ihren Einfluss geltend. Mindestens ein Mal pro Jahr. 

Haben Sie noch etwas, was Sie unseren Leser:innen mit auf den Weg geben wollen? 

Auch wenn Finanzen kein schönes Thema sind, muss man sich ein wenig damit befassen. Viele wälzen vier Wochen lang Testberichte, bevor sie einen Staubsauger kaufen. Und dann, wenn sie eine Erbschaft von 100.000 Euro anzulegen haben, lassen sie sich eineinhalb Stunden beraten und unterzeichnen – froh, endlich mit dem Kleingedruckten der Geldanlage ans Ende zu kommen. Da würde ich doch dafür plädieren, den Aufwand umzudrehen. Denn mit diesem Geld lässt sich zum einen gut Rendite für die eigene Altersvorsorge erzielen und zum anderen für die Nachhaltigkeit viel bewirken.

Vielen Dank für das Gespräch!
 

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