Seit jeher bezieht das Traditionshaus Hotel Victoria in der Freiburger Innenstadt nicht nur EWS-Ökostrom, sondern folgt auch sonst einem konsequent nachhaltigen Konzept – mit Erfolg.
Interview
Das Hotel Victoria, so schreiben Sie auf Ihrer Homepage, benötigt jährlich in etwa so viel Strom wie sechzig Haushalte und so viel Heizwärme wie fünfzehn Einfamilienhäuser. Was sind die Energiefresser in einem Hotel?
Johannes Späth: Es ist nicht der eine Energiefresser, es ist eine Vielzahl an Geräten, Dienstleistungen und Angeboten, die insgesamt viel Energie verbrauchen. Das Hotel Victoria hat 64 Zimmer, die alle mit Klimaanlage und TV ausgestattet sind, und es gibt kostenlosen WLAN-Zugang. Das ganze Haus wird beleuchtet, beheizt und gereinigt. Und dies Tag und Nacht und 365 Tage im Jahr. Da kommt schon viel Energie zusammen, die hier verbraucht wird.
Sie finden sich damit nicht ab, sondern haben sich einem nachhaltigen Wirtschaften verschrieben. Was haben Sie unternommen, um das Hotel Victoria zu einem «grünen» Ort zu machen?
Bertram Späth: Als meine Frau Astrid und ich 1985 in die Geschäftsführung des Hotels eingestiegen sind, haben wir schon Ideen und Erfahrungen aus dem Umweltschutz mitgebracht. Wir haben während des Studiums in einem Haus nahe München gewohnt, das schon damals eine Solarthermie-Anlage hatte. Und auch das aufkommende Bio-Thema hat uns beide angesprochen, wir haben beispielsweise auch im Bioladen eingekauft.
Im Hotel haben wir beispielsweise mit neuen Thermostaten und Energiesparlampen angefangen, um in kleinem Rahmen Heizkosten und Strom zu sparen. Dann haben wir Ende der 1980er Jahre als erster Kunde der Energieagentur Regio Freiburg ein umfangreiches Energiekonzept erstellen lassen. Wir haben dann die Heizanlage erneuert und eine Photovoltaikanlage installieren lassen – damals noch durch die Solarfabrik Freiburg.
Johannes Späth: Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Isolierung. Im Jahr 2009 wurde das Gebäude 2 umgebaut – in den Passivhausstandard. Neben der Isolierung wurde auch die Fassade erneuert und mit Belüftungselementen und Nisthöhlen für Mauersegler ausgestattet. Und alle Dächer wurden auch noch begrünt. Unseren Energiedachgarten können die Gäste als Sonnenterasse nutzen – und sich dabei ein Bild von den Photovoltaik-Anlagen machen, die rund 21 Kilowatt Sonnenstrom erzeugen können.
Bertram Späth: Wir schauen dabei immer auch nach neuen Möglichkeiten, die wir unmittelbar im Hotel umsetzen können. Beispielsweise nutzen wir Grundwasser zur Kühlung; die Klimaanlage funktioniert mit einem filigranen Wärmetauschsystem und benötigt fünfzig Mal weniger Energie als eine herkömmliche Anlage. Jetzt werden wir die Wasserbohrung, die wir 2007 haben durchführen lassen, erneut nutzen, um künftig eine wasserbasierte Wärmepumpe zu betreiben.
Sie servieren regionales Bio-Frühstück ohne Verpackungsmüll und beziehen Strom – sofern Sie ihn nicht selbst produzieren – von den EWS. Welche Rolle spielt Regionalität bei Ihnen?
Johannes Späth: Wir beziehen die Zutaten für das Frühstück für unsere Gäste von Produzenten aus der Region – und zwar direkt von ihnen. So können wir sehen, wo und wie die Nahrungsmittel hergestellt werden. Das Frühstücksei kommt vom Sonnen-Hof im nahegelegenen Hartheim – und selbstverständlich aus Freilandhaltung. Und auch Milch, Brötchen, Wurstwaren, Marmelade oder Honig ordern wir aus der Region. Damit garantieren wir nicht nur, dass sie nachhaltig und tiergerecht produziert werden, sondern sparen auch Transportwege und damit Energie. Was hier nicht angebaut werden kann, wie etwa Kaffee, ist fair gehandelt.
Bertram Späth: Anders als bei der Energie merken und schmecken die Kunden die Qualität unmittelbar. Bio-Produkte und Produkte aus der Region sind einfach besser als solche, die lange unterwegs waren und aus Massenproduktion stammen. Das bestätigen uns unsere Gäste immer wieder.
«Nachhaltiges Handeln heißt eben nicht in erster Linie Verzicht. Es macht auch ökonomisch Sinn, Energie einzusparen.»
Das alles kostet nicht nur Geld, sondern ist auch aufwändig. Was treibt Sie an? Was motiviert Sie?
Bertram Späth: Wie schon erwähnt haben wir den Grundgedanken schon mitgebracht. Als meine Frau und ich dann in den Hotelbetrieb eingestiegen sind, konnten wir zwei – für damalige Verhältnisse fast gegensätzliche – Bereiche zusammenbringen: Nachhaltigkeit und Luxus. Bio hatte damals den Ruf von schrumpeligen Äpfeln, das passte nicht in ein Vier-Sterne-Hotel. Heute stehen Bio-Lebensmittel für Qualität und gesunde Ernährung. Nachhaltiges Handeln heißt eben nicht in erster Linie Verzicht oder ein eigenwilliges Hobby. Es macht auch ökonomisch Sinn, Energie einzusparen oder Häuser zu dämmen. Der Gedanke, Nachhaltigkeit und Qualität verbinden zu wollen, treibt uns bis heute an.
Inwiefern trägt dieses Konzept auch betriebswirtschaftlich? Kommen wegen Ihres Ansatzes mehr Gäste?
Bertram Späth: Viele Investitionen waren zwar mutig, aber wirtschaftlich sehr sinnvoll. Langfristig sind wir nicht teurer als andere, weil wir weniger Heizkosten und weniger Stromkosten haben. Ich denke, das ist nachhaltiges Unternehmertum. Ob mehr Gäste kommen, wissen wir nicht. Aber viele Gäste kommen wieder. Sie sind also zufrieden. Und wir bekommen immer wieder positive Rückmeldungen, was uns bestärkt, so weiterzumachen.
Nicht nur, aber hier in Freiburg sehr offensichtlich, bewegen Sie sich auf einem umkämpften Markt. In den vergangenen Jahren sind viele große Hotels gebaut worden. Deckt Ihr Hotel Victoria dabei eine ökologische Nische ab? Oder sehen Sie bei den Mitbewerbern ähnliche Entwicklungen?
Johannes Späth: Sicherlich heben wir uns mit dem Konzept ab. Das Hotel ist in Familieneigentum, daher können wir langfristig – und nachhaltig – planen. Wir können gut über 25 oder 30 Jahre kalkulieren, das können andere nicht, wenn sie das Gebäude gepachtet haben. Dennoch sehen wir auch Entwicklungen, die in der ganzen Branche sichtbar werden. Die gestiegenen Energiekosten treffen ja alle, also ist das Thema Energieeffizienz überall wichtig geworden.
Kann nachhaltiger Tourismus insgesamt funktionieren? Was braucht es dafür? Wagen Sie einen Blick in die Zukunft!
Bertram Späth: Um wirklich etwas zu ändern, braucht es entweder wirtschaftliche Vorteile oder aber feste Rahmenbedingungen, also Verbote und Vorgaben. Oder beides. Die Entwicklung der Naturparke im Schwarzwald macht deutlich, dass beides zusammen funktioniert: der Schutz der Natur und der Landschaft als auch die Förderung von Tourismus. Dazu braucht es mutige Entscheidungen – in der Politik wie auch im Unternehmertum.