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Geografisch kommen sich Stadt und Land immer näher. Dennoch wächst - emotional - die Kluft zwischen urbaner und ruraler Bevölkerung.

Von Speckgürteln und verbrauchtem Land

Wenn im Zuge der jüngsten Bauernproteste Landwirt:innen mit ihren Traktoren Straßen und Autobahnen blockieren, stellen sie sich symbolisch auch gegen Städte - die Zentren der Macht. Sie sehen sich als Vertreter:innen des ländlichen, strukturschwachen Raums, der Abgehängten, der Peripherie. Den Streit um Agrardiesel, Subventionen und Erzeugerpreise erhöhen die protestierenden Bäuer:innen damit zu einer grundsätzlichen Frage nach Gerechtigkeit zwischen urbanen Zentren und ruralen Randgebieten.

Die Vorstadt: Weder Stadt noch Land

Stimmt die Wahrnehmung der Bäuer:innen? Wie steht es um das Verhältnis zwischen Stadt und Land? Um Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu finden, müssen zunächst einmal die stark vereinfachenden, pauschalisierenden Annahmen von einer strikten Grenze über Bord geworfen werden, die sich zwischen Stadt und Land zieht. Einerseits haben sich über die Jahre seitens der Städte wie auch des Landes Übergangszonen gebildet: Immer mehr Menschen, denen die Mieten und Lebenshaltungskosten der Städte zu teuer geworden sind, leben in Vor- und Schlafstädten, pendeln zwischen Mittelzentren und Metropolen, lassen die Städte in immer weitere Randzonen wachsen, die nicht Stadt oder Land sind, sondern ein graugrünes Mosaik aus Straßen und Vorgärten. Umgekehrt rückt die Landbevölkerung immer näher an die Städte, baut Eigenheime an Bahnlinien oder Zufahrtsstraßen, um bei Bedarf schnell zum Arbeiten, Einkaufen oder Ausgehen zu kommen. Die Folge: Die Speckgürtel wachsen.

Andererseits ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land auch längst nicht (mehr) so einfach, wie es früher in Zentrum-Peripherie-Modellen erklärt wurde. Bis in die 1970er Jahre – bisweilen auch länger – war die Vorstellung weit verbreitet, dass durch die wechselseitige Abhängigkeit von Zentrum und Peripherie die Entwicklung der Metropolen begünstigt und die der Randgebiete verhindert oder zumindest eingeschränkt werde. Im internationalen Kontext lag dieser Analyse die Dependenztheorie zugrunde, nach der die «Dritte Welt» seit dem Kolonialismus in einseitiger Abhängigkeit von der Ersten Welt, von den Industriestaaten stehe. Auf nationaler und regionaler Ebene schien diese Abhängigkeit zwischen den industrialisierten Metropolen und dem ländlichen Raum zu bestehen.

Ländliche Regionen haben in den letzten Jahren gewonnen

Zwar versorgen die ländlichen Gebiete die Städte mit Lebensmitteln und immer häufiger auch mit Energie. Umgekehrt verkaufen städtische Industrien ihre Produkte auch auf dem Land. Dabei ist es jedoch längst nicht mehr immer so, dass vom Land billige Rohstoffe in die Städte und von dort teure Fertigprodukte aufs Land geliefert werden, der Mehrwert also in den Metropolen verbleibt. Jede Kleinstadt und viele Dörfer haben inzwischen eigene Gewerbegebiete, die mit günstigen Steuersätzen und billigem Bauland um große und kleine Investoren wetteifern. «Der Gegensatz Stadt-Land greift zu kurz», heißt es auch in einer Meldung zur Studie «Ungleiches Deutschland» der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die Angleichung von städtischen und ländlichen Standards und Lebensqualitäten lässt sich einer Umfrage des Umweltbundesamtes für 2017 auch in Sachen Energieverbrauch beobachten, wenn sich nämlich «zwischen Stadt- und Landbewohner:innen kaum Unterschiede feststellen» lassen. Dieselbe Studie weist auf einen entscheidenden anderen Aspekt hin: «Wer mehr verdient, hat größere Wohnungen, fährt schwerere Fahrzeugklassen und generell mehr Auto, fliegt häufiger in den Urlaub und geht öfter ins Restaurant. So schaffen es Menschen mit mehr als 3000 Euro Einkommen pro Monat, fast doppelt so viel Energie zu verbrauchen wie Menschen, die mit weniger als 1000 Euro auskommen müssen – völlig unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben.»

Arme Bauern, reiche Holdings

Dass die gesellschaftliche Spaltung weniger zwischen Stadt und Land verläuft, sondern deutlich mehr zwischen Arm und Reich, zeigt sich auch bei der sehr heterogenen Bauernschaft, innerhalb derer die Einkommensunterschiede immens sind. «Bundesweit verdienten Landwirte im Schnitt 115.400 Euro im Wirtschaftsjahr 2022/2023», heißt es in einem SWR-Beitrag zu einem Bericht des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg.

Damit verbunden lag das bäuerliche Durchschnittseinkommen in Baden-Württemberg mit seiner eher kleinflächigen Landwirtschaft bei nur 77.013 Euro und dort wiederum bei den Obstbauern bei 39.621 Euro – das ist ein Drittel des bundesweiten Durchschnitts. Am oberen Rand der Einkommensskala stehen keine Landwirte, sondern die Eigner:innen sogenannter Agrarholdings, Investor:innen, die teils riesige Flächen – insbesondere in Ostdeutschland – bewirtschaften und dafür noch ordentliche Subventionen einstreichen. Das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt berichtet von « insgesamt 262.800 landwirtschaftlichen Betrieben, die die Landwirtschaftszählung 2020 erfasst hatte, (davon) waren knapp 4 Prozent oder 10.200 juristische Person oder Personengesellschaften. (…) Holdings bewirtschafteten zu diesem Zeitpunkt eine landwirtschaftlich genutzte Fläche von 1,84 Millionen Hektar. Das waren mehr als 11 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland. »

In solche landwirtschaftlichen Holdings investieren unter anderem das Pharma-Unternehmen Merkle, der Remondis-Gründer Rethmann, der Heiztechnik-Hersteller Martin Viessman, Möbelfabrikant und Mischkonzernbesitzer Steinhof und der Einzelhändler Aldi Nord. Die DAH Holding mit Hauptsitz im brandenburgischen Oranienburg mit über 36 landwirtschaftlichen Tochterunternehmen verfügt über die meisten Flächen und erhielt dafür 2019 rund 5,36 Millionen Euro an EU-Agrarzahlungen. Dass die sieben landwirtschaftlichen Tochterunternehmen der Lukas-Stiftung mehr als drei Millionen Euro an Subventionen einstrichen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Gehört diese Stiftung doch der Familie Albrecht – also Aldi Nord und damit einem jener Unternehmen, die durch ihre Marktmacht die Preise für Milch und andere landwirtschaftliche Produkte diktieren.

Energetische Sanierung

Ganz ähnlich verhält es sich beim zweiten – immer wichtiger werdenden – ökonomischen Standbein ländlicher Regionen, der Energieerzeugung. Die großen Energiekonzerne erhielten laut einer von Green Planet Energy in Auftrag gegebenen Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) allein im Jahr 2022 für den Abbau von Braunkohle und die Stromerzeugung daraus rund 1,7 Milliarden Euro Förderung, davon 1,2 Milliarden direkt aus dem Staatshaushalt. Obendrein können die Konzerne nun die Grundstücke, die sie über die Jahre für den Braunkohleabbau nutzten, nun erneut verwenden, um dort etwa Wind- und Solarparks zu errichten – ganz ohne die sonst erheblichen Pachtzahlungen.

Statt also für die Klimakosten ihrer Unternehmenspolitik aufkommen zu müssen, kommen die Konzerne nun auch noch in den Genuss einer ganz besonderen Form der energetischen (Unternehmens-)Sanierung. Seit dem Aufschluss des Braunkohletagebaus 1978 in der Niederrheinischen Bucht bis Ende 2021 wurden etwa 6.230 Hektar Landschaft « verbraucht ».

Anders als bei Flächen für Wind- oder Solarparks bleiben die Flächen nicht Teil der Kultur- und Naturlandschaft, sie werden bis zu 450 Meter tief weggebaggert. Erst mit den Protesten gegen die geplante weitere Abholzung des Hambacher Forsts 2018 konnte diese enorme Flächenvernichtung gestoppt werden. Immerhin 200 des einmal 4.100 Hektar umfassenden Waldgebiets sollen nun erhalten bleiben. Die Jahrzehnte zuvor wurde der Braunkohleabbau auch deshalb nicht zum Stadt-Land-Konflikt, weil die Landwirte teils fürstlich entschädigt wurden. Und vielleicht auch, weil die zentralistische Energieversorgung des 20. Jahrhunderts deutlich weniger sichtbar war als die dezentrale Umgestaltung der Energiewende.

Bürger:innen-Beteiligung entschärft Konflikte

Heute dagegen sind es insbesondere die Windparks, zunehmend aber auch Solarparks, die den immensen Energiebedarf eines Industrielandes sichtbar machen. Hinzu kommen die großen Flächen, auf denen Energiepflanzen wie Raps und Mais, aber auch Rüben und Getreide wachsen, um sie in Biogas für die Strom- und Wärmeproduktion, in Biokraftstoffe und Heizstoffe oder - als feste Bioenergieträger – in Brennstoffe zu verwerten. Felder und Wälder werden so zu umkämpften Gebieten, Landnutzungskonflikte werden häufiger.

Dies wiederum bekommen auch die Landwirt:innen zu spüren. Sie sollen auf immer kleiner werdenden Flächen nicht mehr nur Lebens- und Futtermittel produzieren, sondern auch Energie. Zwar erschließen sich damit auch neue Einnahmequellen, etwa durch die Verpachtung von Flächen für Wind- oder Solarparks, aber davon profitieren längst nicht alle.

Wenn nicht bloß die großen Energiekonzerne an den Parks und damit an der Energiewende verdienen, sondern Bürgerenergiegenossenschaften, Kommunen und Stadtwerke dafür sorgen, dass das erwirtschaftete Geld in der Region bleibt, dann wächst damit nicht nur die Akzeptanz für die Anlagen, sondern es sinkt auch das Konfliktpotential zwischen Stadt und Land. Wind- wie Solarparks können so mittel- und langfristige Einnahmen sichern, kommunale Infrastruktur ermöglichen und das soziale Zusammenleben auf dem Land fördern.

Ähnliches gilt auch für landwirtschaftliche Produkte, die – bestenfalls in Bio-Qualität – über regionale und Direktvermarktung mit genossenschaftlichen oder bürgereigenen Strukturen und Kooperation das Überleben der kleinbäuerlichen Landwirtschaft sichern und gleichzeitig neue Perspektiven für eine gute Stadt-Land-Beziehung eröffnen können.


Bildnachweise

Titelbild:

  • Urheber:  Christian Schwier
  • Quelle: Adobe Stock (Asset-ID-Nr.: 124337342)
  • Beschreibung: Weser und Porta Westfalica

 

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