Portraitfoto von Michael Stober
Mitstreiter:innen

Das Landgut Stober, nachhaltigstes Hotel Europas, lebt vor, wie gut nachhaltiges Wirtschaften funktioniert. EWS-Strom ist ein Baustein darin.

«Wir brauchen Menschen mit Visionen!»

Ein warmer Sommertag kündigt sich an in Groß Behnitz. Auf dem weitläufigen, gepflasterten Hof zwischen Hauptgebäude und Seeterrassen herrscht noch nicht viel Betrieb – dafür umso mehr an der Fassade des roten Backsteinturms zur Linken im Hof, wo emsiges Gezwitscher die Stille durchbricht. «Wir haben hier dreihundert Schwalbenpaare, Rauch- und Mehlschwalben,» erklärt Michael Stober. «Das sind die ältesten Bewohner hier, die lebten hier schon zur Zeit von Borsig.»

Die Vorfahren der hier so eifrig umherflatternden Piepmätze haben also hier schon ihre Nester gebaut, als das riesige Gelände noch dem Verfall preisgegeben vor sich hinrottete. Einst baute hier der Industrielle Ernst von Borsig rund um das Herrenhaus am Groß Behnitzer See einen landwirtschaftlichen Großbetrieb auf, auf dem er etliche technische Pionierleistungen der heutigen industriellen Landwirtschaft vollbrachte. Zu DDR-Zeiten wurden die Höfe von einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft übernommen. Doch nach der Wende war das Ende der LPG besiegelt, und niemand wollte mehr das Areal mit seinen alten Gebäuden bewirtschaften. 

Am Anfang stand die Vision

«Da wuchsen Bäume durch die Dächer, und die Leute hier haben das Gelände jahrelang genutzt, um sich die Entsorgungskosten zu sparen. Wir mussten hier erstmal 1340 Kubikmeter Sperrmüll rausbringen», erzählt Stober. Es war Anfang der 2000er, als der damalige Altbausanierungsunternehmer das verfallene Gelände das erste Mal besuchte. Und da, wo andere nur einen unwirtschaftlichen Haufen Ruinen sahen, sah er Möglichkeiten.

Man merkt Stober an, dass er diese Geschichte nicht zum ersten Mal erzählt. Der Monolog ist flüssig, die Pointen sitzen. «Ja, dann sagt das Projekt zu mir, entweder du machst das oder keiner. Eigentlich hat das Projekt mich ausgesucht. Und ich Depp hab dann halt hingehört.» 

Auch das Mantra der Immobilienbranche – Lage, Lage, Lage – sprach überhaupt nicht dafür, im tiefen Havelland ein Hotel mit jährlich zehntausenden Gästen zu betreiben: «Was heute zum Berliner Speckgürtel gehört, war vor 25 Jahren noch richtig tiefe Provinz.» Entgegen aller anderslautender Ratschläge kaufte Stober das Riesengrundstück und machte sich daran, die Gebäude nach und nach instand zu setzen. 

Die inhärente Unvernunft dieser Unternehmung diente ihm eher als Ansporn. «Man kann sagen, ich hatte eine Vision. Und entgegen dem berühmten Ausspruch von Helmut Schmidt – Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen – finde ich: Wir brauchen Menschen mit Visionen!»

Weil es Sinn ergibt 

Welche Gestalt diese Vision angenommen hat, kann sich wahrlich sehen lassen. Nicht nur ist das Landgut Stober zu einem überaus beliebten Ort für Tagungen, Firmenevents und Hochzeiten geworden, es sticht auch durch seinen besonders nachhaltigen Ansatz heraus. Es wurde mehrfach als nachhaltigstes Hotel Europas ausgezeichnet und ist sogar klimapositiv – das heißt, es absorbiert auf seinem weitläufigen Waldgrundstück mehr Kohlenstoff, als durch seinen Betrieb ausgestoßen wird. Eine Bezeichnung, auf die Stober trotz neuer Greenwashing-Verordnung besteht: «Wir haben die Zahlen, das nachzuweisen. Wir lassen unseren Betrieb seit 2013 zertifizieren.» 

Der Nachhaltigkeitsanspruch war nicht vom ersten Moment an Teil der Vision für das Hotel, nahm im Verlauf des Projekts jedoch eine immer größere Rolle ein. Stober zitiert einen Satz, den er im Kundenmagazin der GLS-Bank gelesen hat, und mit dem er sich gut identifizieren kann: 

«Die natürliche Gravitation des Alters brachte es mit sich, dass ich immer mehr nur noch Dinge getan habe, die für mich einen tieferen Sinn ergeben. Die anderen, die habe ich einfach weggelassen.»

So ergab es beispielsweise Sinn, Altmaterialien von Abrissprojekten vor der Deponie zu retten und weiterzunutzen. Ob Parkettdielen aus einer Kaserne in der Pfalz oder Steine von abgerissenen Scheunen, die nun ein zweites Leben als Pflastersteine bekommen: «Mir war einfach zuwider, dass das jetzt auf den Müll kommt», erklärt Stober. «Und wenn Gäste hier sagen ‚Oh, schöner historischer Türbogen‘, dann können wir sagen: Ja, historisch ist der. Aber der stand vorher in irgendeinem Haus in Berlin.»

EWS-Kunde der ersten Stunde

Über die Zusammenarbeit mit der GLS-Bank wurde Stober früh auf die Stromrebellen aus dem Schwarzwald aufmerksam. «Ich hab mich so um 1998 oder 99 mit dem Ehepaar Sladek getroffen und wir haben überlegt, wie wir zusammenarbeiten können. Ich war damals Hausverwalter mit über 4.000 Mietern und hab erst mal alle meine Häuser auf EWS-Strom umgestellt. Dann hab ich allen Mietern Briefe geschrieben, dass sie Ökostrom beziehen können, was viele auch getan haben.» 

Die Immobilienverwaltung ist zwar längst aufgegeben, doch den EWS ist Stober auch im Landgut treugeblieben. Wobei dieses einen Großteil des Stroms bereits selbst produziert, auf einer Dach-Photovoltaikanlage. Diese soll in Zusammenarbeit mit den EWS auf 3.000 Quadratmeter erweitert werden und die bestehenden durch neue, effizientere Module ausgetauscht werden. Für eine 1 MW Batteriespeicherkapazität sind bereits Kellerräume freigemacht. Und damit nicht genug: Sogar ein kleines Windkraftwerk soll auf der gutseigenen landwirtschaftlichen Fläche entstehen.

Die benötigte Energie aus dem Sonnenlicht zu holen, liegt für Stober auf der Hand: 

«Die Energie des Sonnenlichts, das jeden Tag auf die Erde kommt, reicht aus für den Energiebedarf von 4.208 Tagen. Da muss man doch eins und eins zusammenzählen! Ich sag immer, wir haben kein Energieproblem, wir haben ein Dummheitsproblem.»

Die Acht-Jahre-Regel

Stobers Ziel: weitgehende Autarkie, nicht nur beim Strom. Und damit fährt er bereits jetzt sehr gut, denn die nachhaltigste Lösung ist auch häufig die kostengünstigste. Als Beispiel nennt er die Heizanlage, die das Hotel versorgt – mit Holzhackschnitzeln statt mit Gas befeuert. Anders als Holzpellets sind diese nicht an Brennstoffpreise gebunden und relativ preisstabil. Rechnerisch würde die Biomasse, die auf den 15.000 Quadratmetern Wald jährlich nachwächst, sogar für den Heizbedarf eines Winters ausreichen. 

Michael Stober rechnet vor: «Die beiden 500-kW-Anlagen haben mich 180.000 Euro mehr gekostet. Abzüglich Fördermittel hatte ich 120.000 Euro Mehrkosten. Im ersten Jahr habe ich bereits 65.000 Euro an Heizkosten eingespart – das heißt, der Return On Investment ist nach zwei Jahren erreicht gewesen.»

Bei seinen Investitionsentscheidungen geht er nach einer einfachen Regel vor: 

«Alles, was sich innerhalb von acht Jahren amortisiert hat, machen wir, ohne Diskussion. Alles weitere, da reden wir nochmal drüber.» 

So auch beim Abwasser. Weil er es nicht einsah, die Niederschlagswassergebühr zu entrichten, baute Stober zwei unterirdische Zisternen mit insgesamt 400 Kubikmetern Fassungsvermögen, in denen das Regenwasser gesammelt wird, mit dem die 361 Toiletten der Anlage gespeist werden.

 «Damit sparen wir schon 50 Prozent des Frischwasserverbrauchs. Dafür mussten wir ein paar Kilometer extra Leitungen verlegen, deswegen war die Amortisationszeit länger, aber mit 7,2 Jahren noch voll im Rahmen.»

Einzigartig nachhaltig

Vom regionalen, frisch zubereiteten Essen bis zu kompostierbaren Teppichen aus Maisfasern: Jedes Detail auf dem Landgut wurde auf ökologische Verträglichkeit optimiert.

«Die Summe unserer Nachhaltigkeitsmaßnahmen führt dazu, dass wir pro Jahr nur 500 Tonnen CO2 emittieren. Das ist so viel wie 80 – 90 Durchschnittsbürger. Allerdings haben wir pro Jahr 50.000 Gäste – das zeigt vielleicht die Größenordnung», berichtet Stober stolz. 

«Ich kenne viele tolle Nachhaltigkeitshotels in ganz Europa, aber keines, das so konsequent in allem ist.» 

Das macht das Tagungshotel gerade für große Unternehmen und ihre Klimabilanzen interessant, da sie dort zertifiziert klimaneutrale Veranstaltung anbieten können.

Seit 2017 ist das Landgut im Netzwerk Gemeinwohl-Ökonomie. Nachhaltigkeit bedeutet für Stober auch eine langfristig tragfähige Verteilung von Lasten und Gewinnen. Nach diesem Motto hat er seinen Lieblingssatz aus dem Alten Testament – «Der Begüterte geben dem Bedürftigen ein Zehnt» – umgedreht und leitet für sich und die Familie nur zehn Prozent des Gewinns ab. 20 Prozent gehen an die Mitarbeitenden in Form von höheren Löhnen oder Altersversorgung, 20 Prozent werden für humanitäre und soziale Projekte gespendet, weitere 40 Prozent werden im Unternehmen reinvestiert und 10 Prozent gehen als Sondertilgung an die Nachhaltigkeitsbank. 

Über die Jahre ist aus Stobers Vision für das verfallene Grundstück eine gesellschaftliche geworden. Diese trägt ihn auch in seinem Engagement im Netzwerk Gemeinwohlökonomie, in verschiedenen Verbänden und in der Kommunalpolitik. 

Doch am liebsten bringt er sie dort ein, wo sie nicht in Ausschüssen zerredet wird, sondern direkt umgesetzt: auf jenem malerischen Landgut im Havelland, das inzwischen weit über die Region hinaus zeigt, wie nachhaltiges Wirtschaften funktioniert – wenn man nur will.

Titelfoto: © by Steven Ritzer Photography

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