Ein großer Felsblock liegt auf einer Bergspitze, möglicherweise schon seit Jahrhunderten. Nun kommt jemand und stemmt sich dagegen. Es braucht große Kraft, bis sich der Brocken etwas bewegt. Die Person schiebt weiter. Zentimeterweise wird der Fels vorwärts geschoben. Bei jedem Absetzen verharrt er in Position. Doch dann erreicht er eine Stelle, an dem der Boden abschüssig genug ist. Ein letztes Anschieben, dann setzt sich der Felsblock von alleine in Bewegung, rutscht den Abhang hinunter, nimmt polternd Fahrt auf, kullert krachend den Berg hinunter, bis er schließlich im Tal ausrollt und in einer neuen stabilen Position zu liegen kommt.
Der Moment, in dem der Stein nicht mehr angeschoben werden muss, sondern selbst losrollt, das ist eine Veranschaulichung für einen Kipppunkt – der Moment, an dem eine Eigendynamik in Gang gesetzt wird, die nicht mehr aufzuhalten ist und sich selbst verstärkt.
Das Konzept der Kipppunkte hat seit circa 2018 die Diskussion um Klimaschutz um eine neue Stufe der Dringlichkeit bereichert. Ging man bislang von einer stetig steigenden Erderwärmung aus, die durch den Treibhausgasgehalt in der Atmosphäre bestimmt wird, mussten auf einmal Sicherheitsschwellen eingezogen werden, die nicht übertreten werden dürfen, um nicht über den Punkt zu kommen, an dem der Stein ins Rollen gerät – und uns niederwalzt.

Eine Idee mit Sprengkraft
Das Problem ist nur: Sicher ist es keineswegs, wo die Kipppunkte des Weltklimasystems liegen, wie stabil sie sind, ab welcher Schwelle sie übertreten werden, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, und wie kurz vor welchen Kipppunkten wir bereits stehen. Wissenschaftliche Kontroversen sind in einem derart komplexen System wie das Erdklima vorprogrammiert. Noch birgt dieses Feld mehr Fragen als Antworten, denen sich die Forschung nur schrittweise nähern können – während sich die Dynamik des menschengemachten Klimawandels bereits entfaltet.
Dennoch beeinflusst die wissenschaftliche Diskussion bereits unser Verständnis vom Klimawandel und dringt in unseren Alltag ein. «Letzte Generation vor den Kipppunkten» – das stand auf den Transparenten der aktivistischen Gruppe «Letzte Generation», die in ihrer Verzweiflung den Alltag stören wollte, um die Dringlichkeit der Situation allen begreifbar zu machen. «Das Risiko durch Kipppunkte wird oft maßlos übertrieben», meint hingegen Klimaforscher Jochem Marotzke. Und produzierte damit wider Willen Schlagzeilen, die der Verharmlosung der Klimakrise Wort reden könnten.
Systeme im Stresstest

Um in dieser Stimmungslage, die zwischen Fatalismus, Katastrophenstimmung und Gleichgültigkeit pendelt, für Aufklärung zu sorgen, haben die Journalisten Benjamin von Brackel und Toralf Staud ein Buch geschrieben, in dem sie den Wissensstand zu Kipppunkten gut verständlich zusammenfassen.
Ersterer beschäftigt sich schon länger mit dem Thema Kipppunkte. Für das EWS Energiewende-Magazin hat er eine Artikelserie geschrieben, in welcher er Systeme an den Kipppunkten untersucht: der Regenwald. Der Jetstream. Die Gletscher. Die Polkappen. Die Permafrostböden. Artensterben. Und viele weitere. Die Artikel sind weiterhin als Themenheft im Energiewende-Magazin kostenlos abrufbar.
Ob an den Eiskappen der Erde, in den Meeren, in den Regenwäldern oder an den Korallenriffen zeigen sich jetzt schon massive Veränderungen. Kollabieren hier Systeme? Gibt es für sie noch Hoffnung auf Rettung? Die Autoren reisen für dieses Buch an die Orte des Geschehens, sprechen mit Anwohnern und Fachleuten und fassen zusammen, was man weiß, was man vermutet und was man nicht (sicher) weiß.
Und über allem steht die Frage: gibt es die eine Schwelle, bei deren Überschreitung die Welt in eine Kaskade von sich selbst verstärkenden Dynamiken gerät und sich am Ende in der Heißzeit mit venusähnlichen klimatischen Verhältnissen wiederfindet?
Wissenschaft als Detektivarbeit
Die Suche nach Indizien, das Ringen um die Deutung, oder wie die Idee der Kipppunkte überhaupt erst entstanden ist – auch kompliziertere wissenschaftliche Themen erzählen die Autoren in einem gut verständlichen Stil. Man erhält Einblick in methodische Arbeit, unverhoffte Durchbrüche und fachliche Kontroversen. Die Forschungsarbeit wird erzählt wie eine kriminologische Ermittlung: Es gilt, Spuren zu finden, Puzzleteile zusammenzusetzen und zu einem noch unbekannten Bild zusammenzusetzen. Und auch die Forschenden selbst treten mitunter als starke Persönlichkeiten mit ihrer Passion für das Wissen in den Vordergrund. Das macht die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern auch ausgesprochen kurzweilig.
Kipppunkte im Sozialen
Eine andere Art von Kipppunkten behandelt dann der dritte Teil des Buches. Denn Entwicklungen, die, einmal angestoßen, richtig Fahrt aufnehmen, gibt es nicht nur bei der fortschreitenden Erderwärmung, sondern auch bei den Klimaschutzmaßnahmen. Denn – diese Lektion nimmt man aus den vorherigen Kapiteln mit – das Weltklima ist gegenüber dem menschlichen Einfluss reaktiver als meist angenommen. Dies bedeutet: Wenn man auch nicht einfach zum Stand vor der Industrialisierung zurückkehren kann, so ist doch keineswegs die Zukunft bereits entschieden. Es lohnt sich weiter, um jedes Zehntelgrad Erwärmung zu kämpfen.

Die Ursachen für die Erderhitzung sind bekannt, die Lösungen sind es auch. Und in manchen Punkten sind sie bereits erfolgreicher, als man so denkt. So widmen sich die Autoren im letzten Teil dem, was uns hilft, die Klimakrise einzudämmen.
Sie erzählen vom Siegeszug der Photovoltaik, von der elektrischen Revolution im Automarkt und von einer zwar zu langsam, aber doch stetig fortschreitenden Ernährungswende. Überall geschehen Veränderungen, die das Alte in das Neue kippen lassen – und irgendwann stärker sind als die Beharrungskräfte.
Den Kopf nicht in den Sand stecken
Die Idee eines kippenden Klimas und die damit verbundenen Schreckensszenarien machen Angst. Gerade weil die 1,5-Grad-Grenze bereits verloren ist und gerade der Backlash gegen Klimaschutz Oberhand gewinnt, ist es verständlich, nun in Resignation zu verfallen. Dieser will das Buch mit fundierter Aufklärung entgegentreten. Es zeigt: Es ist nicht alles verloren. Es gibt jeden Grund, die Klimakrise als Bedrohung ernst zu nehmen. Aber es gibt auch keinen Grund, den Kampf dagegen bereits jetzt aufzugeben.
Am Ende braucht es Menschen, die diesen riesigen Brocken ins Rollen bringen. Und je mehr mitmachen, desto leichter geht es.
Buch
von Brackel, Benjamin; Staud, Toralf: Am Kipppunkt. Wo das Klima zu kollabieren droht – und wie wir uns noch retten können. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 384 Seiten. ISBN: 978-3-462-00790-9