Henri Vidal's Statue des Kain, daneben ein Screenshot des FAZ-Artikels von Katherina Reiche
Energiepolitik

In einem Artikel erklärt die Wirtschaftsministerin ihre energiepolitische Agenda – doch der basiert auf falschen Zahlen und logischen Widersprüchen.

Sechs Fehler in Katherina Reiches FAZ-Beitrag

«Ehrlich und effizient – die Energiestrategie für Deutschland» – so hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche einen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. April 2026 überschrieben. Online ist er mit «Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik» betitelt. 

In diesem erklärt die Ministerin ihre energiepolitischen Pläne. Der Tenor lässt sich zusammenfassen mit «Energiewende ja, aber nicht so!». So bekennt sie sich vorgeblich zur entscheidenden Rolle der Erneuerbaren im deutschen Stromsystem, bemängelt aber im gleichen Atemzug, dass die Energiewende bislang Systemkosten verschwiegen bzw. ignoriert hätte. Diese will sie jetzt senken, da die deutsche Wirtschaft darunter leider würde. Doch ihre Argumentationskette wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Im Folgenden gehen wir auf einige der Aussagen ein.

1. Effizienz durch Elektrifizierung

Ihren Text beginnt Katherina Reiche mit einer Bestandsaufnahme. Durch den Krieg im Iran sind die Preise für Öl und Gas in die Höhe geschnellt und belasten Verbraucher:innen und Wirtschaft. Eine florierende Wirtschaft benötigt preisgünstige Energie.

So rechnet sie vor: 

«Deutschland hat einen Gesamtenergiebedarf von 2.900 Terawattstunden für Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse. Ein knappes Sechstel entfällt auf Strom, mehr als die Hälfte davon kommt aus erneuerbaren Energien. Der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch lag 2025 aber gerade einmal bei knapp einem Fünftel.»

Das ist so schon mal nicht richtig, der Anteil der Erneuerbaren betrug laut Umweltbundesamt 23,8 Prozent vom Bruttoendenergieverbrauch, was mehr ist als «knapp 20 Prozent». 

Viel entscheidender statt einer Momentaufnahme ist jedoch die Tendenz: Erneuerbare und Elektrifizierung senken den Primärenergieverbrauch durch effizientere Prozesse bereits jetzt. Primärenergiebedarf ist nicht die richtige Bezugsgröße, denn hierzu zählt auch die gesamte Energie, die beispielsweise als Abwärme verloren geht, vor allem in fossilen Kraftwerken und Verbrennungsmotoren.

Als Beispiel: Ein Verbrennerauto setzt unter Realbedingungen 25 Prozent der eingesetzten Energie in Bewegung um, während der Rest als Abwärme verpufft; beim Elektroauto sind es 70 Prozent. Die Elektrifizierung würde die Energieeffizienz der deutschen Wirtschaft deutlich erhöhen und den Primärenergiebedarf deutlich senken. Doch diesen Schluss zieht der Artikel nicht.

2. Erneuerbare senken die Stromkosten

Im Folgenden zeichnet sie mit drastischer Sprache ein düsteres Bild der Lage:

« (…) Klimaneutralität bis 2045 – schöne Zahlen, die unser schlechtes Gewissen besänftigen. Aber während wir uns an diese Ziele klammerten, explodierten die Strompreise. (…) Unsere Industrie blutet aus. Die Deindustrialisierung beschleunigt sich.»

Durch diese Reihung von Klimaschutz und Energiewende einerseits, hohen Stromkosten für Privathaushalte und strauchelnder Industrie andererseits wird ein kausaler Zusammenhang suggeriert. Er wird zwar nicht unmittelbar behauptet, der Eindruck jedoch erzeugt. Von der Faktenlage ist dies nicht gedeckt. Schon allein, weil die Strompreise zwar im internationalen Vergleich hoch, aber seit 2022 wieder deutlich gesunken sind – von ihrem Hochpunkt, getrieben vor allem durch den Gaspreisschock. Von einer Explosion kann also keine Rede sein.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE e.V.) erklärt:

«Nur 40 % des Endkundenpreises sind tatsächlich Erzeugungskosten, jeweils ca. 30 % sind Steuern/Abgaben bzw. Netzentgelte. Der Strompreis am Markt, mit dem Reiche argumentiert, entsteht zudem an der Strombörse, wo der Preis immer durch den jeweils teuersten Erzeuger gesetzt wird – wenn es teuer ist, sind das die fossilen Kraftwerke! In Zeiten, in denen nur Erneuerbare Strom liefern, liegt der Preis bei 0 Cent (oder weniger).»

Mit anderen Worten: Gerade die hohen Strompreise sollten Motivation sein, den Ausbau der preisdämpfenden Erneuerbaren mit voller Kraft voranzutreiben! 

Zudem verkennt die Erzählung der hohen Kosten, dass mit der Energiewende neue Industriezweige entstanden sind und viele Privatmenschen, Kommunen, kleine und mittlere Unternehmen nicht nur an dieser Wertschöpfung teilhaben, sondern dabei auch für ein Ziel einstehen, das uns alle betrifft. Der Wille, Verantwortung zu übernehmen ist für viele der Treiber – und nicht, irgendein «schlechtes Gewissen zu beruhigen».
 

3. Systemkosten sind nicht nur den Erneuerbaren zuzurechnen

Nun kommt eine der kritischsten Aussagen:

«Ja, Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Das Gesamtsystem aber sehr wohl: EEG-Kosten, Kapazitätsreserve, Netzreserve, Redispatch-Kosten, Netzsubventionen, Subventionen für die Senkung der Energiepreise – all das summiert sich auf Systemkosten von über 36 Milliarden Euro pro Jahr.»

Diese Kosten alleine den Erneuerbaren zuzurechnen, ganz so, als bräuchte man keine Investitionen in Stromnetze, wenn fossiler oder Atomstrom durchliefe, ist ziemlich absurd. Doch genau diese Logik zieht sich durch den gesamten Text. Die Energiewende wird nicht als übergeordnetes Interesse des Staates behandelt, sondern als reiner Kostenfaktor.

Der BEE weist in seiner Stellungnahme darauf hin, dass vor allem der Investitionsstau für die hohen Kosten beim Netzausbau verantwortlich ist: «Netzbetreiber haben es in den vergangenen Jahren versäumt, ausreichend in ihre Netze zu investieren. Die Zeche sollen nun die Erneuerbaren zahlen: Der geplante Redispatch-Vorbehalt (entschädigungslose Abregelung von Anlagen) verhindert neue Investitionen in Höhe von 45 Mrd. Euro.»

Das Thema Redispatch (auf das wir an dieser Stelle bereits hingewiesen haben) ist eines der Lieblingsthemen der Ministerin, um die Energiewende als Sorgenkind darzustellen. Natürlich taucht auch hier wieder die Behauptung auf, es werde in Deutschland jährlich Strom im Wert von drei Milliarden Euro abgeregelt. Dass diese um den Faktor fünf übertrieben ist, hat das Magazin Cleanthinking in diesem Artikel ausführlich dargelegt. Vor allem muss die Antwort auf die Redispatch-Problematik zielführender ausfallen, als den Ausbau der Erneuerbaren unattraktiv zu machen und auszubremsen. Die von uns beauftragte Studie des FÖS von 2023 zeigt hierzu Lösungsansätze auf.

4. Erneuerbare brauchen weniger Subventionen

Ein Beispiel für die logische Inkongruenz, die den gesamten Artikel durchzieht, ist das der Kosten für die Allgemeinheit. Einerseits fordert sie: 

«Die Branche der Erneuerbaren ist erwachsen geworden und muss jetzt Verantwortung übernehmen – systemisch und finanziell.»

Auch das ist eine rhetorische Figur, die bei vergangenen Reformen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes vorgebracht wurde. Sie verkennt, dass die erneuerbaren Energien bereits viel mehr Markt- und Systemverantwortung übernehmen als in ihren Teenagerjahren. Im selben Atemzug jedoch der Atomkraft hinterherzutrauern, die ohne massive staatliche Garantien (und Bewältigung der Folgekosten) niemals wirtschaftlich tragfähig wäre, das ist ein auffälliger Widerspruch, der im Text unkommentiert bleibt.

Gleiches gilt beim Thema Erdgas, welches hier wieder als Lösung propagiert wird. Bei dieser Stromerzeugungsform scheinen staatliche Zuschüsse plötzlich kein Problem mehr zu sein. Zitat: «Wir brauchen weiterhin Gas. Für Prozess- und Raumwärme sowie als Rohstoff. Und für jenen Teil der Stromversorgung, der nicht aus Erneuerbaren gedeckt werden kann.» Auf dieser Grundlage kündigt sie langfristige Lieferverträge – und damit zementierte fossile Abhängigkeiten – mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko an. 

Was als Methode verkauft wird, Deutschland weniger abhängig von Preisturbulenzen an der Börse zu machen, verschweigt geflissentlich, dass Stromerzeugung durch Gaskraftwerke per Merit-Order-Effekt die Stromkosten steigen lässt. Strom aus Erneuerbaren ist immer günstiger als der aus Gaskraftwerken

Warum Gas für Gebäudewärme angeblich nötig bleiben soll, wenn es doch wesentlich effizientere und klimafreundlichere Heizungstechnologien wie die Wärmepumpe gibt? Diese unbelegte Behauptung lässt nichts Gutes für die Wärmewende erahnen …

5. Zügiger Ausbau senkt die Kosten

Die zentrale Agenda der Ministerin «Energiewende, ja aber nicht so schnell» wird im Text als nüchterner Realismus verkauft, als einzig schlüssige Antwort auf ihre Bestandsaufnahme der deutschen Energiepolitik. Dabei bleibt sie jedoch eine Antwort schuldig: Was kostet eine ausgebremste Energiewende die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft?

Deutschland importiert jährlich fossile Energie im Wert von 81 Milliarden Euro. Geld, das ins Ausland fließt und keine inländische Wertschöpfung erzeugt. Wir leisten uns noch immer klimaschädliche fossile Subventionen in Höhe von 65 Milliarden Euro. Bei Klimaschutz wie bei der Energiewende gilt: Wenn wir's jetzt nicht angehen, wird es später teurer. Die Klimafolgeschäden werden auch Deutschland hart treffen – darum sollte entschlossenes Gegensteuern oberste Staatsräson und Zukunftsagenda sein.

6. Reale Lösungen, nicht Science Fiction

Ihrem von logischen Querschlägern geprägten Text setzt die Ministerin am Schluss die Krone der Ironie auf, wenn sie schreibt:

«Meine Aufgabe ist es, die Energiekosten zu senken. Das geht nicht, wenn ich dauerhaft eine Gruppe zulasten anderer bevorzuge.»

Wenn das wirklich ihr Ziel ist, sollte sie nicht auf teures fossiles Gas mit stark schwankenden Handelspreisen setzen – die Wirtschaft würde durch eine Energiekrise nach der anderen verunsichert. Das Zitat steht in offenkundigem Widerspruch zu der Vorfestlegung auf Gas, die sie nur wenige Zeilen vorher trifft. Sie sollte alles daran setzen, die deutsche Wirtschaft unabhängig zu machen, Energiepreise für alle Endverbrauchende zu senken und auf die in jeder Hinsicht günstigste Energieform Erneuerbare setzen. 

Daher sollte sie endlich handeln und mit der Bundesregierung die Stromsteuer für alle auf das europäische Mindestniveau absenken. Damit würde nicht nur ein längst überfälliges Versprechen eingelöst, sondern auch ein unmittelbar wirksamer Beitrag zur Energiepreisentlastung geleistet.

Zusätzlich werden auch noch nichtexistente und schon gar nicht marktreif verfügbare Tech-Fantasien wie Small Modular Reactors, CCS und Fusionskraftwerke als künftige Lösungen angekündigt. Welches der konkreten Probleme diese allerdings lösen und vor allem wie, erläutert sie nicht. 

Fazit

Die Herausforderungen der Energiewende sind da und sollten entschieden angegangen werden. Doch statt einem Zurück-in-die-Vergangenheit, einer fossilen 180-Grad-Wende und einseitigen Maßnahmen brauchen wir ausgewogene, zukunftsgerichtete Maßnahmen und Entscheidungen. Nur mit konsequenten Schritten Richtung Energiewende und Klimaneutralität können die Energiepreise in Deutschland gesenkt, die Wirtschaft gestärkt und Innovationen unterstützt werden. 

Gerade die aktuelle Energiekrise sollte doch als Chance gesehen werden, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit für Investitionen in klimafreundliche Technologien zu geben, die das Land langfristig souveräner machen. Das vom BMWE selbst beauftragte Energiewende-Monitoring bietet dafür zweifellos eine gute Grundlage. Warum die Ministerin in ihren politischen Einlassungen immer wieder davon abweicht, bleibt wohl ihr persönliches Geheimnis.   

18. April: Energiewende verteidigen

Die Energiewende steht unter politischem Beschuss – doch quer durch die Gesellschaft formiert sich Widerstand. Am 18. April bringen ihn Demos für die erneuerbaren Energien auf die Straße: in Berlin, Hamburg, Köln und München. Seid dabei – für saubere Energie, für Unabhängigkeit, gegen fossile Lobbypolitik!

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