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Nuklearbrand nicht unter Kontrolle

Tagesschau-Meldung
29. April 1986

Wie war die Reaktion in Schönau?

Zeigen, dass wir an sie denken.

Sabine Drescher
Initiatorin der Tschernobylhilfe für krebskranke Kinder

Wie wurden die Schönauer aktiv?

Kluger Verbrauch – spart auch!

Die ersten Energiesparwettbewerbe
1989

Hilft Energiesparen gegen Atomkraft?

Ja zu Schönau!

Ein Herz fürs eigene Stromnetz
1991

Was steht zur Wahl?

Es war überwältigend schön.

Der Sieg der Schönauer Stromrebellen
1996

Wie gelang der Durchbruch?

Ich bin ein Störfall

Warum eine Störfall-Kampagne?

Die Rebellion geht weiter!

Wo stehen die EWS heute?

Die Geschichte der EWS

Ein Störfall für den Atomlobbyismus zu sein – mit diesem Versprechen gelang es den EWS 1996, die Mittel für ihr Stromnetz zu sammeln. Begonnen hatte die Geschichte aber bereits 1986 …

Super-GAU in Tschernobyl

«In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen, dem größten anzunehmenden Unfall.» So lautet die erste Meldung, die an einem Sonntagabend im April 1986 die deutschen Fernsehzuschauer erreichte. Was genau passiert ist, bleibt lange unklar. Doch vier Tage später bestätigen die Zeitungen, was viele befürchtet hatten: radioaktiven Niederschlag – auch in Südbaden.

Die atomare Strahlung erreicht Westeuropa

Ursula Sladek im Jahr 1986

Letztendlich hat Tschernobyl bei uns wie eine Bombe eingeschlagen. Bei mir nicht sofort, aber dann am nächsten Tag, wie ich begriffen habe, was das eigentlich bedeutet. Das war mir vorher nicht so klar: Auf einmal zu sehen, dass eine Entfernung von 2.000 Kilometern so gut wie gar nichts ist, dass die Radioaktivität in Dosen, die wirklich schädlich sind, bis hierher kommt – das hätte ich vorher nicht gedacht.

Ursula Sladek, fünffache Mutter und Stromrebellin
 

Gründung der ersten Bürgerinitiative

Im Frühsommer nach Tschernobyl dominiert die Hilflosigkeit das Leben besorgter Eltern: Was essen, was tun, wenn verstrahltes Freilandgemüse beschlagnahmt und Spielplätze geschlossen werden? Man beratschlagt sich mit anderen Eltern und wird aktiv – auch in Schönau im Schwarzwald. Eine Anzeige im lokalen Anzeiger gibt den Anstoß zur Gründung der Bürgerinitiative «Eltern für eine atomfreie Zukunft».

Atomkraft einfach wegsparen!

Die Schönauer Bürger wollen nicht auf Politiker und Energieversorger warten. Sie halten Stromsparberatungen ab, sorgen mit Infoständen für Aufklärung. Sie veröffentlichen Energiespartipps und schreiben Stromsparwettbewerbe aus. Zudem organisieren sie Hilfe für eine Kinderkrebsklinik in Kiew. Und mit ungewöhnlichen Aktionen machen sie ihr Anliegen populär: Die Kabarettgruppe «Wattkiller» geht auf Tournee. 

Die ersten Rebellenkraftwerke

Im nächsten Schritt gründen Schönauer Bürger eine kleine Firma, um die Produktion von ökologischem Strom zu fördern. Sie reaktivieren kleine Wasserkraftwerke und unterstützen Bürger, die in Blockheizkraftwerke und Photovoltaikanlagen investieren.

Strommonopolist behindert Initiativen

Vom örtlichen Energieversorger und Atomkraftwerksbetreiber KWR fordern die Aktivisten energiesparfreundliche Tarife und die Förderung regenerativer Energien. Doch die KWR weisen die Initiative zurück und bieten stattdessen 1990 der Stadt 100.000 DM zusätzliche Konzessionsabgabe, wenn diese den Vertrag mit der KWR frühzeitig für weitere 20 Jahre verlängert. Auch dieser neue Vertrag lässt die ökologischen Forderungen der Bürger vollkommen unberücksichtigt.

Unterwegs zum Bürger-Stromnetz

Mittlerweile ist den Stromrebellen klar geworden, dass eine ökologische Stromversorgung nur dann entstehen kann, wenn sie ihre Stromversorgung selbst in die Hand nehmen, sprich das örtliche Stromnetz übernehmen. Um zu verhindern, dass mit der Vertragsverlängerung bestehende Verhältnisse zementiert werden, bietet die Initiative daraufhin ebenfalls 100.000 DM, wenn die Stadt den Vertrag nicht vorzeitig verlängert.

Erster Bürgerentscheid 1991

Mit knapper Mehrheit entscheidet der Gemeinderat, das ungewöhnliche Angebot der Bürgerinitiative abzulehnen und den Konzessionsvertrag mit dem bisherigen Energieversorger KWR sofort zu verlängern. Noch in derselben Gemeinderatssitzung kündigt die Initiative einen Bürgerentscheid an. Es entbrennt ein harter Wahlkampf, bei dem jede Stimme zählt.

Zeit gewinnen – aber mit Herz!

Der Stromrebell Michael Sladek erinnert sich: «Wir wollten in dem Wahlkampf dem kalten Geld Emotionen entgegensetzen. Emotion hat was mit Herz zu tun. Unser Slogan hieß ‹Ja zu Schönau› und was lag näher, als dass wir ein Herz gebacken haben, wo ‹Ja› draufstand. An jedem Frühstückstisch am Wahltag lag dieses Herz, jeder wusste die richtige Antwort im Bürgerentscheid.»

Die Bürgerinitiative gewinnt die Abstimmung im Oktober 1991 schießlich knapp. Der Konzessionsvertrag des bisherigen Energieversorgers wird nicht vorzeitig verlängert. Die Initiative gewinnt wertvolle Zeit, um ihr ehrgeiziges Vorhaben voranzubringen.

Stromrebellen gründen die EWS

Der Gründungsvertrag wird unterschrieben - ein «geiler Moment» für Stromrebell Wolf-Dieter Drescher.

Im Januar 1994 werden, obwohl längst nicht alle Hürden überwunden sind, die Elektrizitätswerke Schönau GmbH (EWS) gegründet. Einziger Gesellschafter ist die Netzkauf Schönau GbR, an der über 650 Bürger beteiligt sind.

Was dem Unternehmen noch fehlt, ist die Konzession zum Betrieb des Stromnetzes. Weil sich im Stadtrat seit den Kommunalwahlen im Jahr zuvor die Mehrheiten verändert haben, stehen die Chancen für die EWS mittlerweile gut. Und so vergibt der Stadtrat am 20. November 1995 die Konzession an die EWS.

Monopolist macht Stimmung

Nach dem Gemeinderatsvotum zugunsten der EWS sehen die Gegner ihre letzte Chance in einem zweiten Bürgerentscheid. Dieser soll bewirken, dass die Konzessionsvergabe der Stadt an die EWS widerrufen wird. Der Wahlkampf wird noch heftiger geführt als 1991, die Gegner sehen wieder einmal die Lichter ausgehen. In Zeitungsanzeigen diffamieren sie die EWS als «Fritzchen, das sich um den Posten eines Installateurmeisters bewirbt».

Bundesweite Schützenhilfe durch Mitstreiter

Doch mittlerweile ist Schönau zu einem Symbol der Anti-Atom-Bewegung geworden, das weit über die Region ausstrahlt. Techniker, Künstler, Philosophen und Wissenschaftler treffen sich bei den ersten Schönauer Stromseminaren und unterstützen die Arbeit der Stromrebellen mit Rat und Tat.

Zweiter Bürgerentscheid bringt Durchbruch

Bei einer Rekordwahlbeteiligung von fast 85 Prozent werden die EWS 1996 mit knapper Mehrheit zum neuen Schönauer Stromversorger gewählt. Als in den Schönauer Wahllokalen die Ergebnisse bekannt werden, kennt die Freude der Aktivisten keine Grenzen. «Wir sind uns nur noch heulend in den Armen gelegen», wird eine Mitstreiterin sich später erinnern.

KWR liefern sich Rückzugsgefechte

Zwar ist man nun der demokratisch legitimierteste Energieversorger der Welt – aber noch muss man dem alten Netzbetreiber KWR das Schönauer Stromnetz abkaufen. Der verlangt über 8,7 Millionen DM. Ein Phantasiepreis, rund doppelt so hoch wie der, den ein Gutachten der EWS errechnet hat.

Doch will man nach dem Motto «Erst zahlen, dann klagen» den überhöhten Kaufpreis aufbringen. Vier Millionen DM stellen die EWS aus Beteiligungen und dem «Schönauer Energiefonds» bereit. Den überhöhten Teil des Preises muss man aber mit Spenden finanzieren, sonst würde das Unternehmen unwirtschaftlich und bekäme vom Ministerium keine Zulassung für den Netzbetrieb.

Die Störfall-Kampagne erobert Deutschland

Kinospot für die Störfall-Kampagne

Man kommt auf die Idee, die größten deutschen Werbeagenturen zu bitten, kostenlos eine Spendenkampagne für die Schönauer Energie-Initiativen zu entwickeln. Und tatsächlich sagen mehrere Agenturen zu. Die Energie-Initiativen entscheiden sich für die «Störfall-Kampagne». Die Kampagne wird bundesweit gestartet – und entfaltet überwältigende Wirkung. Die Stromrebellen erleben Unglaubliches: Umweltschutzverbände rufen zu Spenden auf, Zeitungen sponsern Anzeigen, bei Privatfeiern wird zugunsten von Spenden auf Geschenke verzichtet. So dauert es nur wenige Monate, das zusätzlich benötigte Geld zu sammeln.

Energieversorger mit Rebellenkraft

Ab Juli 1997 sind die EWS in Schönau Energieversorger und bieten den Einwohnern energiesparfördernde Tarife und gute Vergütungen für ökologische Stromerzeugung. Die größte Solaranlage im Ort wird auf der evangelischen Kirche errichtet – ein wichtiger Schritt für Schönau auf dem Weg zur «Solarhauptstadt». Aber nicht nur vor Ort entstehen in der Folge neue Ökokraftwerke: Mit dem Förderprogramm «Sonnencent» unterstützen die EWS mittlerweile bereits rund 2.600 kleine dezentrale Kraftwerke in Bürgerhand.

Energiewende fördern

Das Förderprogramm der EWS ist mit dem Unternehmen stetig gewachsen und schafft heute weit über die Förderung von Bürgerkraftwerken hinaus Beiträge zur lokalen und globalen Energiewende. Schwerpunkte des Förderprogramms sind Bürgerenergiewende, Energiegerechtigkeit und Klimaschutz.

DVD "Das Schönauer Gefühl."

«Das Schönauer Gefühl.»

2007 wird die außergewöhnliche Geschichte der Schönauer Stomrebellen filmisch aufbereitet. Der einstündige Dokumentarfilm schildert die außergewöhnliche Geschichte der Schönauer Stromrebellen von Tschernobyl bis zum zehnjährigen Jahrestag der Stromnetzübernahme. Er soll andere Menschen und Initiativen über die Initiative informieren und zu bürgerschaftlichem Engagement motivieren – und findet bundesweit wie international Beachtung. Den Film können Sie als DVD hier kostenlos bestellen.

Rebellische Energie für alle!

Bundesweiter Stromvertrieb

1998 wird dann der Strommarkt liberalisiert: Nun kann jeder Stromkunde selbst entscheiden, woher er seinen Strom bezieht. Die EWS bieten sofort bundesweit Ökostrom an – und viele Mitstreiter aus Zeiten der Bürgerbewegung wechseln zu den «Stromrebellen». Heute sind es über 160.000 Mitstreiter, die echten Ökostrom, frei von jeglichen Verflechtungen mit Kohle- und Atomkraftwerksbetreibern, von den EWS beziehen.

Rebellenkraft aus Biogas

2009 bewerben sich die EWS erfolgreich um die Gaskonzession in Schönau. Damit startet auch der Gasvertrieb in Baden-Württemberg, Bayern und Bremen. Ab März 2015 liefern die EWS dann bundesweit Gas mit einem Biogasanteil von bis zu 100 %. Ein Teil des Gaspreises wird wie beim Strom als Sonnencent für die Förderung der ökologischen Energieerzeugung eingesetzt.

Die EWS heute

Seit Dezember 2009 ist die heutige EWS eG als eingetragene Genossenschaft die Eigentümergesellschaft der Elektrizitätswerke Schönau. Zuvor war das als «Netzkauf» eingetragene Unternehmen mit über 650 Gesellschaftern als GbR organisiert. Die Genossenschaft erleichtert die Aufnahme neuer Mitglieder und stärkt die Handlungsfähigkeit des Unternehmens. Die EWS sehen es als eine ihrer Hauptaufgaben an, die Teilhabe von Menschen an Energieverteilung und Produktion voranzubringen, nicht nur in Schönau – sondern überall!

Die Arbeit der «Schönauer Stromrebellen» wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, z.B. dem Europäischen Solarpreis, dem Nuclear-Free-Future Award und dem Deutschen Gründerpreis.

Schönauer Stromseminare

Die Schönauer Energie-Initiativen selbst ehren gemeinsam mit der Stadt den «Stromrebellen des Jahres», der anlässlich der Schönauer Stromseminare vergeben wird. Auf diesen Seminaren treffen sich bis heute die Mitstreiter von damals mit einer neuen Generation Stromrebellen, welche die Ideen der EWS mit eigenen Aktionen und Projekten weitertragen – regional und international. So wie die japanischen Aktivisten, die 2014 mit dem «Stromrebellen des Jahres» ausgezeichnet wurden und die unter anderem eine bürgereigene Photovoltaikanlage in der Nähe von Fukushima errichten möchten. Zur Stromrebellen-Galerie

Eine neue Generation Stromrebellen

Rolf Wetzel, Sebastian Sladek, Alexander Sladek und Armin Komenda

Das Gründerehepaar Ursula und Michael Sladek zieht sich nach fast 30-jährigem Engagement zum Jahresende 2014 aus dem Geschäft des Bürgerunternehmens zurück. Die Lehrererin und der vollbärtige Arzt waren über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg die bekanntesten Repräsentanten der Schönauer Stromrebellen.

Nun rücken die beiden Söhne Alexander und Sebastian Sladek an ihre Stelle im Genossenschaftsvorstand. Beide waren bereits seit mehreren Jahren als Geschäftsführer von Tochterfirmen der Netzkauf EWS tätig gewesen. Unverändert bleibt Rolf Wetzel Mitglied des Vorstands. Ein vierter Vorstandsposten wird neu geschaffen: Armin Komenda, zuvor beim Badischen Genossenschaftsverband tätig, wechselt zu den EWS.