Dummköpfe, Feiglinge, der nächste Super-GAU und wir
Ein Kommentar von Armin Simon
Die Zeit nach Tschernobyl ist geprägt vom Siegeszug der Erneuerbaren – gebremst durch die Meinungs- und Medienmacht der Fossil- und Atomlobby.
Es besteht keine Gefahr! Die Bundesregierung ist sich da ganz sicher. Wenige Tage ist es her, dass eine Explosion das AKW Tschernobyl in Stücke riss. Die radioaktive Wolke zieht längst über Deutschland, insbesondere über Baden-Württemberg und Bayern. Zweifel an der Atomkraft sind jedoch unerwünscht. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, verkündet der Innenminister, eine Gefährdung bestehe «nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor herum». Strahlenmesswerte sind unter Verschluss zu halten, ordnet die bayerische Staatsregierung an. Denn schließlich würde Deutschland «zum Entwicklungsland mittlerer Kategorie», wenn es seine Atomkraftwerke abschalte, setzt Ministerpräsident Franz-Josef Strauß den Ton.
Doch die Reaktorkatastrophe 1986 rüttelt viele wach. Seit einem guten Jahrzehnt tobt die Auseinandersetzung um die AKWs. Und plötzlich wird das «Restrisiko» zur beklemmenden Realität. Äcker, Weiden, Spielplätze sind kontaminiert. Man fragt sich: Was können wir noch essen? Die Regierenden stellen auf Durchzug oder auf stur – wie eben Strauß. «Der Ausstieg aus der [Atom-]Technik ist der Weg von Dummköpfen und Feiglingen», poltert er.
Die Kohl-Regierung legt nach: Es werde «sicher auch in den nächsten Jahren ein Kernkraftwerk pro Jahr dazugebaut werden», formuliert sie programmatisch – und unterschätzt die gesellschaftliche Wucht, die aus der Katastrophe erwächst, komplett. Denn aus anfänglicher Ohnmacht entstehen Aktion und Engagement. Eltern schließen sich zusammen, um unbelastete Nahrung zu besorgen. Initiativen bauen Messstationen auf, weil sie den Behörden nicht trauen. Eigene Messwerte und praktische Tipps finden über selbstorganisierte Informationskanäle Verbreitung, erste Energiegemeinschaften entstehen. In Brokdorf und Wackersdorf gehen Hunderttausende gegen die Atomkraft auf die Straße.
Das deutsche Energiewunder
Das bleibt nicht folgenlos – und öffnet letztlich den Erneuerbaren die Tür: Nach Tschernobyl geht kein AKW in Deutschland mehr in Bau. Alle geplanten Projekte werden abgeblasen, einige schon gestartete abgebrochen. Selbst bereits fertiggestellte Reaktoren wie in Kalkar und Greifswald nimmt man nie in Betrieb. Die Bundesregierung schafft ein Ministerium für Umwelt, Naturschutz «und Reaktorsicherheit». Die SPD und der Deutsche Gewerkschaftsbund geben ihren strammen Pro-Atom-Kurs auf. «Aus Gründen der Ressourcenschonung und des Klimaschutzes soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Energieversorgung stärker ausgeweitet werden», formuliert das Stromeinspeisungsgesetz von 1990, ein heimliches schwarz-grünes Gemeinschaftswerk.
Ein Jahrzehnt später erweitert es Rot-Grün zum EEG, das dem weltweiten Siegeszug von Solar- und Windenergie den Weg weist. Parallel vereinbart die Schröder-Regierung im Konsens mit den Betreibern der AKWs, deren Laufzeiten zu begrenzen: der gesetzliche Einstieg in den Atomausstieg. Der Versuch der Konzerne, ihn später mithilfe von CDU/CSU und FDP zu kippen, scheitert 2011 an massiven Protesten – zusätzlich befeuert durch den nächsten Super-GAU in Fukushima.
Die Zeit der Atomkraft ist vorbei
Heute, 40 Jahre nach Tschernobyl, ziehen bayerische Behörden noch immer jährlich mehrere Tausend kontaminierte Wildschweine aus dem Verkehr – die Atomkatastrophe lässt weiter grüßen. Die letzten deutschen AKWs aber sind seit Jahren abgeschaltet, die Anlagen im Rückbau. Kühltürme fallen, in den Reaktoren fauchen die Schneidbrenner. Und nicht nur das: In ganz Europa ist die Atomkraft auf dem Rückzug – um 30 Prozent ging die Atomstromerzeugung in den vergangenen 20 Jahren zurück. Gleichzeitig boomen überall die Erneuerbaren – der vielleicht weitreichendste Erfolg der Anti-Atom-Bewegung.
Es könnte jetzt, in Deutschland wie in Europa, um den zügigen Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen gehen, um ein intelligentes Stromnetz, schlaues Lastmanagement, netzdienliche Batteriespeicher. Um Elektrifizierung des Verkehrs und der Wärmeversorgung – unabdingbar zur Erreichung der Klimaziele. Um das beherzte Umsetzen der Energiewende also, was den Klimawandel bremsen, Milliardenausgaben für fossile und atomare Brennstoffe einsparen und uns unabhängig von autoritären Regimes machen würde.
Wenn eine Luftnummer die nächste jagt
Stattdessen schwadronieren Atom-Fans von Finnland bis Tschechien von sogenannten «kleinen modularen Reaktoren», die es nicht mal auf dem Papier gibt. Für diese atomare Luftnummer wollen sie Staatsgelder und billige Kredite lockermachen, ebenso für Laufzeitverlängerungen uralter Risiko-Reaktoren und den Bau neuer AKWs.
Auch in Deutschland springt alle paar Wochen jemand auf das tote Atompferd. Rechte Politiker:innen und Pro-Atomkraft-Aktivist:innen raunen von einer angeblich drohenden «Deindustrialisierung». Kanzler, Wirtschaftsministerin und EU-Kommissionspräsidentin – die letzten zwei haben das deutsche Atom-Aus einst persönlich mitbeschlossen – fabulieren von einem angeblichen «strategischen Fehler». Was für ein Unsinn!
Bärendienste an Sicherheit und Prosperität
Strategisch falsch und hochgradig fahrlässig war und ist es vielmehr, die Energiewende immer wieder auszubremsen. Denn genau wegen dieser Manöver schlittern wir ja von einer Fossilenergiekrise in die nächste – und zugleich mitten hinein in die Klimakatastrophe. Dabei lässt uns die Politik – wie vor 40 Jahren, als die Strahlenwolke über Deutschland zog – einfach im Regen stehen. Sie schützt uns nicht vor den ökologischen und gesundheitlichen Folgen des Klimawandels. Und auch nicht vor den finanziellen und sozialen Folgen der EU-weit immer noch viel zu fossil-atomaren Energieversorgung, die uns in der Geiselhaft diverser Autokratien hält und Budgets für Umweltbelange massiv blockiert.
Wie anders sähe die Situation heute aus, wären wir bereits bei 80 oder gar 100 Prozent Erneuerbaren und hätten die Boom-Branche des Jahrhunderts im eigenen Land gehalten! Das Atom-Geplapper dagegen ist doppelt gefährlich. Es ignoriert die Gefahren: Zu einem Super-GAU mit möglicherweise Hunderttausenden Toten und Millionen gesundheitlich Betroffenen kann es auch in europäischen Reaktoren jeden Tag kommen, zeigen Studien. Außerdem hält es uns vom Wesentlichen ab: Wer von Reaktoren träumt, treibt die Energiewende nicht voran, sondern sabotiert sie.
Mutig weiter nach vorne!
Das dürfen wir nicht hinnehmen. Nur Dummköpfe gehen den Ablenkungsmanövern der fossil-atomaren Lobby auf den Leim. Nur Feiglinge halten so lange an einem überkommenen System fest, bis die nächste Katastrophe sie zum Umbau zwingt. Wir wollen und müssen aber schneller sein als das Unglück. Deshalb sollten wir uns im Großen wie im Kleinen, im Politischen wie im Privaten aktiv für die Energiewende einsetzen und sie unterstützen – und uns allen Versuchen, weiter auf Fossile oder auf Atomkraft zu setzen, entschieden entgegenstellen. Tschernobyl hat gezeigt, wie das Engagement von Vielen Veränderungen erzwingen kann. Diese Karte können wir heute genauso spielen. Sie muss wieder auf den Tisch.
-
Tschernobyl bleibt überall
Auch 40 Jahre nach dem Super-GAU ist die Sperrzone Zeugnis menschlichen Leids, ein radioaktives, nahezu unbewohntes Gebiet und zugleich ein Renaturierungsareal.
-
Leben nach dem Super-Gau
15 Jahre nach dem Reaktorunfall in Fukushima setzt die japanische Regierung wieder auf Atomkraft. Die Aufarbeitung der Katastrophe machen derweil andere.