Tschernobyl bleibt überall
Ein Bericht von Victoriia Hubareva
Auch 40 Jahre nach dem Super-GAU ist die Sperrzone Zeugnis menschlichen Leids, ein radioaktives, nahezu unbewohntes Gebiet und zugleich ein Renaturierungsareal.
Die Geschichte des AKW Tschernobyl beginnt im Februar 1967 in Moskau. Dort beschließt der Ministerrat der UdSSR, dass das fünfte Atomkraftwerk der Sowjetunion nahe dem Dorf Kopatschi im Bezirk Tschernobyl entstehen soll, um den zunehmenden Strombedarf in der Zentralukraine zu decken. Zuerst wird das überwiegend aus Sumpfgebiet bestehende Gelände entwässert und für den Bau vorbereitet. Ein Teil des Prypjat‑Flusslaufes wird in der Nähe des geplanten Standorts kanalisiert und schafft so Platz für einen 22 Quadratkilometer großen Kühlsee für das AKW. Im März 1970 beginnt der Bau des ersten Reaktorblocks und wenige Monate später die Planungen für die neue Stadt Prypjat, die für die Arbeiterschaft des Kraftwerks gegründet wird.
Die Inbetriebnahme des ersten Reaktorblocks verzögert sich mehrfach. Auch für den zweiten Block werden unrealistische Deadlines gesetzt. Vor dem Netzanschluss des dritten Blocks kommt es zu insgesamt 29 Notabschaltungen. Der vierte Reaktor des AKW Tschernobyl geht vorzeitig in Betrieb, um «den Plan zu erfüllen». Als dieser drei Jahre später havariert, verwandelt sich das Leben Hunderttausender Menschen in eine Tragödie.
Der 26. April 1986
Wassylij Todorow kommt 1980 im Alter von 23 Jahren nach Prypjat. «Ich besuchte meine Schwester, die bereits im Atomkraftwerk arbeitete. Eigentlich wollte ich weiter in den Norden, doch ich erhielt rasch eine Stelle als Maschinist in der Diesel-Notstromstation der Turbinenhalle. Also blieb ich», erzählt er rückblickend. Die Stadt Prypjat war attraktiv wegen ihrer guten Versorgung – und wer im Atomkraftwerk arbeitete, bekam zudem eine Wohnung zugewiesen.
Am 26. April 1986 um 01:24 Uhr zerstören zwei Explosionen den Reaktor 4 und bringen den Kraftwerksblock sowie das Dach der Maschinenhalle zum Einsturz. Ein Feuer bricht aus, in dessen Folge sich eine Mischung aus geschmolzenem Metall, Sand, Beton und Brennstoffpartikeln in die Räume unter dem Reaktor ergießt. Gewaltige Mengen radioaktiver Stoffe gelangen in die Atmosphäre. Unmittelbar nach dem Unfall fehlen funktionierende Messgeräte; niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wie hoch die Strahlung genau ist.
Wir wussten nichts von dem Unfall. Erst unterwegs sahen wir, dass das Dach des Reaktors fehlte.
Als Erste treffen Einsatzkräfte der Feuerwehr und Mitarbeiter des KGB am Katastrophenort ein. Die Feuerwehrleute wissen nichts von der großen Gefahr durch den radioaktiven Rauch und die Trümmer. Der KGB hingegen verhängt umgehend eine Nachrichtensperre und sorgt dafür, dass nur gezielte Informationen den Unfallort verlassen. Während das Feuer auf dem Dach bis 5 Uhr morgens unter Kontrolle gebracht wird, wütet es im Inneren des Reaktorblocks noch bis zum 10. Mai. Die meisten Mitglieder der Wachmannschaft sterben innerhalb weniger Wochen nach dem Einsatz.
Wassylij Todorows Schicht sollte um 8 Uhr morgens beginnen. Von den Explosionen in der Nacht hat er nichts mitbekommen. Wie jeden Morgen wartet er um 7 Uhr an der Haltestelle des Werksbusses. «Wir wussten nichts von dem Unfall. Erst unterwegs sahen wir, dass das Dach des Reaktors fehlte. Der gesamte Block war zerstört. Ununterbrochen fuhren Autos, Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeuge hin und her», erinnert er sich.
«Wir retteten Dokumente, stützten die Jungs, um sie zu den Krankenwagen zu bringen, und suchten nach Chodemtschuk.» Walerij Chodemtschuk, leitender Operator der Hauptumwälzpumpen, ist das erste Todesopfer. Er wird lebendig unter den Trümmern des Reaktors begraben, seine Leiche kann nicht geborgen werden. Wassylij Todorow und seine Kollegen halten sich für längere Zeit im Inneren des zerstörten Reaktorblocks auf. Auf die Frage, ob sie irgendeinen Schutz gegen die Strahlung besaßen, antwortet er: «Es klingt verrückt, aber wir hatten absolut nichts.»
Evakuierung aus der 30-Kilometer-Sperrzone
«Am Tag nach dem Unglück standen zwar schon Evakuierungsbusse in der Stadt, fuhren aber nicht los, da die ‹offizielle Anweisung› fehlte. Viele hätten die Stadt mit dem eigenen Auto verlassen können, aber niemand wurde hinausgelassen. Sobald ich am 26. April von der Arbeit nach Hause kam, sagte ich zu meiner Frau, sie solle mit unserem Sohn im Haus bleiben und auf keinen Fall vor die Tür gehen. Als die Evakuierung schließlich anlief, schickte ich sie mit dem Bus nach Kiew und von dort weiter nach Dnipropetrowsk [heute Dnipro]. Mir war klar, dass es keine Rückkehr nach Prypjat geben würde. Die meisten aber glaubten den offiziellen Versprechen, dass sie nach drei oder vier Tagen heimkehren dürften. Niemand ahnte etwas vom wahren Ausmaß der Katastrophe. Alles wurde totgeschwiegen», erinnert sich Wassylij Todorow.
Die meisten, die Prypjat im Vertrauen auf eine baldige Rückkehr verlassen, bleiben für immer fort. Später kehren Einzelne in die Sperrzone zurück – vor allem Ältere, denen es nicht gelingt, in der Fremde Wurzeln zu schlagen. Inzwischen leben nur noch wenige Hochbetagte dort, ihre Zahl nimmt von Jahr zu Jahr ab.
Strahlenkrankheit und «verlorene» Dokumente
Die Evakuierung von Prypjat beginnt am 28. April und dauert mehrere Tage. Zeitgleich werden 5.000 Arbeiter:innen für Einsätze am Kraftwerk mobilisiert, später werden sie als «Liquidator:innen» bezeichnet. Die meisten von ihnen können ihren Status nicht rückwirkend geltend machen, da die Belege über ihren Einsatzort auf rätselhafte Weise «verloren gingen». Insgesamt sind über die Jahre mehr als eine halbe Million Liquidator:innen im Einsatz.
Wassylij Todorow ist vom 26. bis 28. April im Dauereinsatz, bevor er sich ein paar Tage freinehmen kann, um nach seiner Familie zu sehen. Danach geht es weiter. Die Schichten dauern zwölf Stunden. In den ersten Tagen fehlen den Arbeiter:innen die einfachsten «Kassetten» – so nannte man die persönlichen Dosimeter zur Messung der aufgenommenen Strahlung. Sie erhalten später militärische Dosimeter und müssen Einsatzprotokolle führen, um die Strahlenbelastung zu dokumentieren. Laut Todorow verschwanden auch diese Unterlagen auf rätselhafte Weise.
Zum Zeitpunkt des Unglücks ist Todorow 29 Jahre alt, mit nicht mal 40 Jahren verschlechtert sich sein Gesundheitszustand massiv. Er will seine Beschwerden als Folge der Atomkatastrophe und seiner Arbeit im AKW anerkennen lassen, doch die Kommission am Kiewer Lomonossow-Institut (dem heutigen Nationalen Krebsinstitut) wehrt ab: «Sie lügen. Wären Sie wirklich dort gewesen, würden Sie längst nicht mehr leben!»
Aus inzwischen zugänglichen KGB-Akten ist bekannt, dass der Geheimdienst Krankenhäuser dazu zwang, bei Patient:innen mit Anzeichen von «Strahlenkrankheit» stattdessen die Diagnose «vegetative Dystonie» in die Krankenakten einzutragen. «Vieles war ungerecht», sagt Todorow. Die meisten Menschen, die aus der «Zone» ausgesiedelt wurden, konnten sich jahrelang nicht an ihren neuen Wohnorten anmelden und fanden keine Arbeit.
Die Wahrheit über die Strahlung wird geheim gehalten
Die Welt erfährt nicht durch die Sowjetunion von der Radioaktivität, sondern über das 1.100 Kilometer vom Katastrophenort entfernte schwedische Atomkraftwerk Forsmark. Dort werden keine 36 Stunden später radioaktive Partikel auf der Kleidung von Mitarbeiter:innen nachgewiesen. Schnell wird klar, dass es im Westen der Sowjetunion zu einem schweren Nuklearunfall gekommen sein muss. In den folgenden zwei Wochen breiten sich radioaktive Wolken über einen Großteil Europas bis nach Frankreich aus.
In der UdSSR beschränken sich die behördlichen Maßnahmen darauf, die Fenster geschlossen zu halten und die Wohnung täglich feucht zu wischen. Informationen über die Strahlenwerte werden als «Geheimsache» eingestuft. Am 1. Mai findet in der Stadtmitte von Kiew, trotz hundertfach erhöhter Gammastrahlung, die übliche Demonstration zum Tag der Arbeit statt.
Ich habe alles gesehen, aber diese Betonhülle kam mir so instabil vor.
Nach der Zerstörung muss der vierte Reaktorblock von der Außenwelt abgeschirmt werden. Man beginnt mit dem Bau einer massiven Betonhülle, die offiziell als «Schutzbau» bezeichnet wird, aber bald weltweit als Sarkophag bekannt ist. Während die Behörden bereits die Wiederinbetriebnahme der verbliebenen Blöcke vorbereiten, werden die radioaktiven Trümmer auf dem Gelände in das Innere des Bauwerks geräumt oder einfach einbetoniert. Unter enormem Zeitdruck wird der Sarkophag Ende November 1986 fertiggestellt – doch die Konstruktion weist von Anfang an erhebliche Mängel auf. Wassylij Todorow beobachtet die Bauarbeiten. «Ich habe alles gesehen, aber diese Betonhülle kam mir so instabil vor», erinnert er sich.
Erst 2016 wird eine neue Schutzhülle über den alten Sarkophag geschoben. Sie soll die Voraussetzungen dafür schaffen, die instabilen Altkonstruktionen sicher rückzubauen und die radioaktiven Abfälle zu entsorgen. Doch im Februar 2025 wird sie durch den Einschlag einer russischen Drohne schwer beschädigt – über 300 Löcher klaffen in der Außenhaut, das größte misst einen Durchmesser von sechs Metern.
Serhij Tarakanow, Generaldirektor des staatlichen Unternehmens «Atomkraftwerk Tschornobyl», berichtet, dass die Instandsetzungs- und Sicherungsarbeiten bis 2030 andauern werden: «Erst danach können wir zur eigentlichen Hauptaufgabe übergehen – dem Rückbau der instabilen Konstruktionen und deren Umwandlung in ein ökologisch sicheres System.»
Anmerkung der Redaktion: Im historischen Rückblick nutzen wir die Schreibweise «Tschernobyl», da sich diese im Deutschen als gängige Transkription aus der sowjetisch-russischen Namensform etabliert hat. Im ukrainischen Kontext und in Bezug auf die Gegenwart verwenden wir hingegen die ukrainische Schreibweise «Tschornobyl».
Wiedervernässung bringt ökologische Wende
Dreißig Jahre nach dem Super-Gau ist der Blick auf die Sperrzone ein anderer: Man sieht in ihr nicht mehr nur einen Unglücksort, sondern ein Gebiet, in dem sich die Natur ohne menschliches Zutun regenerieren konnte. Vor diesem Hintergrund wird 2016 das «Radiologisch-Ökologische Biosphärenreservat Tschornobyl» gegründet – man will dort auch die radioaktive Belastung und die Auswirkungen von durch Menschen verursachten Umweltveränderungen intensiver erforschen.
Unmittelbar nach der Katastrophe senkte man in einigen Gebieten den Wasserspiegel gezielt ab, um die Ausbreitung von Radionukliden zu verringern. Durch die Entwässerung wurden jedoch weite Teile des überwiegend bewaldeten Gebiets anfällig für Brände. Nach der Gründung des Reservats leiten Wissenschaftler:innen die ökologische Wende ein: Sie legen die alten Meliorationssysteme – also die Maßnahmen zur Bodenverbesserung – still, blockieren die Kanäle und stellen den ursprünglichen Wasserhaushalt durch eine schrittweise Wiedervernässung der Moore wieder her.
In den alten Wirtschaftsgebäuden halten sich gerne Przewalski-Pferde und verwilderte Rinder auf.
Allmählich verwandeln sich die ehemaligen Meliorationssysteme in breite Wasserläufe. Zusammen mit dem Prypjat-Fluss und den umliegenden Gewässern bildet das Kanalnetz wieder einen idealen Lebensraum für Wasservögel, Amphibien, Nagetiere und Fische. Tetjana Prybora betont, dass diese Feuchtgebiete eine Schlüsselrolle für die Artenvielfalt spielen: Sie beherbergen Vogelkolonien sowie fischreiche Laichgründe. Bisher wurden im Schutzgebiet über 51 Fisch- und mehr als 300 weitere Tierarten dokumentiert, von denen 75 auf der Roten Liste der Ukraine stehen. Dort, wo sich vor 40 Jahren die Katastrophe ereignete, sind heute wieder Sumpfschildkröten, Rehe, Elche, Wildschweine, Hirsche, Wölfe, Füchse, Marder und Luchse zuhause. Die Natur hat sich die vom Menschen genutzte Infrastruktur fast vollständig zurückgeholt. «Elche streifen ungehindert umher, auch auf den Straßen. Hier fahren kaum noch Autos», schildert Tetjana Prybora weiter.
Auch die verlassenen Häuser sind Teil des neuen Ökosystems. Die überwucherten Gebäude bieten Wildtieren einen willkommenen Unterschlupf. «In den alten Wirtschaftsgebäuden halten sich gerne Przewalski-Pferde und verwilderte Rinder auf. In den oberen Etagen nisten Vögel und Fledermäuse. Wissenschaftler:innen haben in einem Gebäude sogar ein Uhu-Junges gesichtet», berichtet Tetjana Prybora.
Das Reservat kooperiert mit zahlreichen internationalen Projekten, doch die meisten davon liegen aufgrund des großangelegten russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine derzeit auf Eis.
«Roter Wald» und sein radioaktives Erbe
Bei der Explosion des vierten Reaktorblocks kam es zu einem massiven Austritt von Radioaktivität, die unmittelbar einen angrenzenden Nadelwald traf. Die Strahlung zerstörte das Chlorophyll in den Pflanzenzellen und ließ die Bäume innerhalb weniger Stunden absterben. Es heißt, der Wald habe in den ersten Nächten nach dem Super-Gau regelrecht geleuchtet, bevor er eine rostrote Farbe annahm. Da die Bäume extrem verstrahlt waren, beschloss man, sie zu vergraben: Das Areal mit den riesigen Gruben gilt bis heute als einer der gefährlichsten Orte der gesamten Sperrzone. «Zur Warnung stand dort ein Schild mit dem Radioaktivitätssymbol und der Aufschrift ‹Roter Wald›. Mit dem Krieg kam 2022 ein weiteres Schild mit der Aufschrift ‹Minen› hinzu», erzählt Tetjana Prybora.
Der russische Überfall
Im Jahr 2022 stehen die Sperrzone und angrenzenden Gebiete fünf Wochen unter russischer Besatzung. Die Soldaten unterbinden die regelmäßige Überwachung der Strahlungswerte und untersagen den notwendigen Schichtwechsel des Personals. Die Ukraine bezeichnet dieses Vorgehen als «nuklearen Terrorismus», da die Besatzer die Atomanlage faktisch zu einer Militärbasis machen und damit eine neue Katastrophe riskieren. Sie beschädigen zudem Sicherheitssysteme, verminen das Gelände und halten Mitarbeiter:innen als Geiseln fest. Am 31. März 2022 kann das Gebiet wieder unter ukrainische Kontrolle gebracht werden, unmittelbar darauf beginnt die Entminung.
Während der Besatzung heben die russischen Soldaten Stellungen aus. Dabei wird radioaktiv belastetes Erdreich aufgewirbelt, wodurch die lokalen Strahlungswerte massiv ansteigen. Einige dieser Stellungen liegen direkt im «Roten Wald»; bald folgen Berichte über den Tod eines Soldaten sowie über die Krankenhauseinweisung fast hundert weiterer. Die Diagnose lautet: Strahlenkrankheit. Welch Ironie: Die Katastrophe, einst von einem totalitären System heraufbeschworen, sucht fast 40 Jahre später ausgerechnet jene heim, die im Namen seines modernen Nachfolgers gekommen sind.
«Das Gelände des Tschernobyl-Reservats wurde noch nicht vollständig entmint», berichtet Tetjana Prybora. «Für einen Teil der Flächen ist für die Bevölkerung das Betreten weiterhin untersagt.»
Erneuerbare liefern Energie für Rückbau
Heute ist keiner der Reaktoren des AKW Tschernobyl mehr in Betrieb. Nach der Katastrophe wurden die Blöcke zwar abgeschaltet, jedoch zwischen Oktober 1986 und Dezember 1987 schrittweise wieder hochgefahren. Die Weltgemeinschaft sah in Tschernobyl jedoch ein permanentes Sicherheitsrisiko. Daher unterzeichnete die Ukraine 1995 ein Memorandum mit den G7-Staaten und der EU über die endgültige Stilllegung des Kraftwerks. Der letzte noch in Betrieb befindliche Reaktor wurde am 15. Dezember 2000 vom Netz genommen. Aktuell befindet sich die Anlage in der ersten Phase der Stilllegung und Konservierung. Die endgültigen Stilllegungs‑ und Zerlegungsmaßnahmen sollen bis etwa 2064 abgeschlossen sein.
Doch das Gebiet hat seine Bedeutung als Energiestandort nicht verloren: Seit der Stilllegung der Reaktoren werden die großen, für eine landwirtschaftliche Nutzung oft ungeeigneten Flächen – und aufgrund der vorhandenen Energieinfrastruktur – zunehmend als attraktiver Standort für neue Energieprojekte wahrgenommen und genutzt.
Der erste Solarpark, finanziert durch deutsch-ukrainische Investitionen, wird 2018 rund 100 Meter von Block 4 entfernt realisiert und ans nationale Stromnetz angeschlossen. Im April 2025 geht eine zweite Anlage in Betrieb, die zur Teilversorgung von Tschornobyl und der dortigen Betriebe beiträgt. In diesem Jahr sollen die Bauarbeiten für einen dritten Solarpark beginnen, finanziert von den Vereinten Nationen. Er entsteht direkt auf dem Gelände des AKWs und wird künftig die Energie für die Rückbau- und Instandhaltungsarbeiten liefern.
In Zukunft soll das Gebiet auch für Windstrom genutzt werden. Mit einem deutschen Unternehmen und der Verwaltung der Sperrzone unterzeichnet das ukrainische Umweltministerium 2023 ein Memorandum über den Bau eines Windparks. Die Umsetzung des Projekts steht jedoch noch aus.
Dieser Jahrestag ist für mich ein rotes Tuch. Am liebsten würde ich alles vergessen.
Für die Ukraine steht das AKW Tschernobyl heute für vieles zugleich: Es erinnert an eine menschliche Tragödie, die unendliches Leid mit sich brachte, und an eine technologische Katastrophe, deren Folgen auch mit der Abschaltung des letzten Reaktors nicht endeten. Außerdem ist es ein eindringliches Mahnmal für den hohen Preis von Lügen, Vertuschungen und Entscheidungen eines totalitären Staates, die über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen wurden. Für diejenigen, die die Katastrophe selbst erlebt haben, ist diese Geschichte nie zu einem abstrakten Denkmal geworden.
«Dieser Jahrestag ist für mich ein rotes Tuch. Am liebsten würde ich alles vergessen, den Fernseher auslassen und nichts davon hören. Für mich ist das ein schrecklicher und schwerer Tag. Wir sprechen im Freundeskreis nie über die damaligen Ereignisse. Für uns alle ist das ein sehr schmerzhaftes Thema», sagt Wassylij Todorow.
Atomanlagen als geopolitische Drohkulisse
Seit der russischen Besetzung der Sperrzone im Jahr 2022 und angesichts der anhaltenden Bedrohung des AKW Saporischschja, das die russische Armee immer noch besetzt hält, ist diese Geschichte für die Ukrainer:innen längst mehr als bloße Erinnerung: Sie ist erneut zur akuten Warnung geworden. Die Internationale Atomenergie-Organisation hat wiederholt betont, dass selbst ein stillgelegtes Atomkraftwerk unter Kriegsbedingungen ein erhebliches Risiko darstellt. Saporischschja produziert zwar keinen Strom, ist jedoch weiterhin auf eine stabile externe Stromversorgung angewiesen, um die Reaktoren und die abgebrannten Brennelemente zu kühlen. Jeder Netzausfall infolge von Kampfhandlungen erhöht das Risiko eines nuklearen Unfalls dramatisch. Für die Menschen in der Ukraine ist die Erkenntnis daraus simpel: Tschernobyl wird nicht mehr als abgeschlossenes Kapitel der sowjetischen Vergangenheit betrachtet – es ist Teil einer neuen Realität geworden, in der Atomanlagen als geopolitische Drohkulissen missbraucht werden.
Aufbruch ohne Vergessen
Und doch ist Tschornobyl zugleich ein Ort der Regeneration. Ein Landstrich, der vor einem halben Jahrhundert trockengelegt, umgestaltet und einem monumentalen Industrieprojekt unterworfen wurde, verwandelt sich heute erneut in eine Sumpflandschaft. Er verwildert, wird von der Natur zurückerobert und gewinnt allmählich seinen ursprünglichen Charakter zurück. In dieser Rückkehr liegt zugleich ein Aufbruch: Die Zone von Tschornobyl lehrt die Ukraine, wie man Katastrophen übersteht und danach weiterlebt – ohne zu vergessen, aber auch ohne der Ruine das letzte Wort zu überlassen.
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Alexander Mirimov. | Foto oben: Unkas Photo / Shutterstock
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