Direkt zum Inhalt der Seite springen

Wertvolle Wärme aus dem heimischen Wald

Ein Bericht von Tom Jost

Weg mit Öl und Flüssiggas: Gemeinsam mit Tegernauer Bürgern nehmen die EWS Schönau im Kleinen Wiesental gerade das achte Nahwärmenetz in Betrieb.

Das Laub ist runter von den Bäumen, Herbstnebel kriechen durch das Tal, auf den Hügeln der Umgebung liegt schon Schnee. Eigentlich alles so wie jedes Jahr in Tegernau. Aber nun wird sich etwas ändern: Wo vorher in den Häusern die Ölbrenner und Gasöfen bullerten, kommt Wärme für Geschäfte und Büros, Wohnraum und Badewasser jetzt von draußen in die Häuser. Im Spätherbst wird im Zentrum des Kleinen Wiesentals das neue Nahwärmenetz in Betrieb genommen – für Tegernau ein großer Schritt in Richtung Klimaschutz.

Gemeinsam den Klimaschutz voranbringen

Blick auf Tegernau
Blick auf das herbstliche Tegernau Foto: Albert Schmidt

Eine ganze Weile haben engagierte Bürger und Mitglieder des Vereins «Erneuerbare Energien Kleines Wiesental» an Lösungen geknobelt, wie man auch in solchen Siedlungszusammenhängen den Klimaschutz voranbringen kann. Eine Option bot sich an: mit Holz aus heimischen Wäldern eine gemeinsame Wärmeversorgung aufzubauen. Der Wärmebereich birgt ein großes Potenzial für den Klimaschutz, liegt doch in Baden-Württemberg der Aufwand für Wärme fast genauso hoch wie für Stromerzeugung und Verkehr zusammen. Nach reichlich ehrenamtlicher Datensammelarbeit des Vereins und Vorabdiskussion mit den Nachbarn stellte Daniel Weiß als Nahwärme-Geschäftsführer der EWS Schönau die Pläne in einer Ortsversammlung vor.

Als überregional bekannte Energienachbarn im Kreis verfügen die Elektrizitätswerke Schönau über einen guten Ruf – unter anderem auch, weil sie bereits sieben örtliche Nahwärmenetze betreiben. Der Beginn lag in der Nachbargemeinde Zell, wo im vergangenen Jahr mit einem zusätzlichen Holzhackschnitzelbrenner sogar eine erhebliche Erweiterung erfolgte. In Tegernau entwickelte sich die Kooperation durch die Beteiligung der EWS am örtlichen Kommunalversorger «Kraftwerk Köhlgartenwiese».

Üblicherweise strickt man ein Nahwärmenetz um gemeindliche Einrichtungen wie Rathaus und Feuerwehr als Projektsäulen. Doch erst mit Unterstützung der Bürger, die ihre Häuser auch an das Netz anschließen, würde das Nahwärmeprojekt erfolgreich sein. Etwas beklommen marschierten Martin Halm, EWS-Netze-Chef und Geschäftsführer des Kraftwerks Köhlgartenwiese, und Daniel Weiß daher in die Ortsversammlung. Und kamen mit einem Leuchten im Gesicht wieder heraus: «Von 36 Hauseignern, bei denen der Anschluss aktuell ökonomisch sinnvoll ist, haben 35 zugestimmt.» Die Abkehr von Erdöl und Flüssiggas war mehrheitsfähig.

Weg mit dem Öl – Tegernau steigt aus

Porträt Kurt Bollschweiler
Kurt Bollschweiler Foto: Albert Schmidt

Beispielsweise Kurt Bollschweiler. 200 bis 300 Liter, «ein bisschen mehr als das Ewige Licht», hat der Ölbrenner als Ergänzung zu seiner Holzscheitheizung bisher im Jahr verbraucht. Ein Klacks im Grunde genommen, denn er sprang ja nur im Notfall ein, wenn der Tegernauer Motorgerätehändler mal etwas länger unterwegs war. Für Heizenergie aus dem neuen Nahwärmenetz war der Bedarf irgendwie nicht vorhanden. «Trotzdem habe ich von Anfang an gesagt, dass es Sinn mache, so eine gemeinschaftliche Versorgung zu schaffen.» Auch wenn man selbst … Als dann aber die Bagger anrollten, gab er sich den finalen Ruck: Sein Ölbrenner geht jetzt außer Betrieb, der Hausanschluss wird nicht nur gelegt, sondern vorerst als Backup auch in Betrieb genommen.

Porträt Ralf und Nico Hügel
Ralf Hügel und sein Sohn Nico Foto: Albert Schmidt

Der Holzhändler, Palettenbauer und Sägewerker Ralf Hügel heizt daheim mit Holzschnitzeln, Sohn Nico nebenan mit Öl. Im Betrieb sorgte zur kalten Jahreszeit ein Flüssiggasbrenner mit Gebläse für erträgliche Temperatur – was dem Sohn nicht immer gefiel: «Normalerweise kann nichts passieren, aber bei uns entsteht natürlich eine Menge Holzstaub. Da ist der Anschluss ans Netz schon sicherer.» Die Pläne für die neue Wärmeversorgung hat man sich in Ruhe angehört und dann schnell entschieden, «dass es ganz klar ein Zugewinn ist fürs Dorf.» Die Halle hat in diesen Tagen als erstes die neue Leitung bekommen, eine Wohnhausumstellung folgt im Frühjahr, wenn der Ölvorrat aufgebraucht ist. Mit dem elterlichen Haus wird noch abgewartet, bis dessen Holzbrenner sein Lebensende erreicht hat. Dann ist die Wärmewende hier komplett.

Porträt Christian Rave
Pfarrer Christian Rave Foto: Albert Schmidt

Und auch Christian Rave, Pfarrer der Evangelischen Gemeinde, war gleich dabei. Fürs Gotteshaus muss zwar noch eine Lösung gefunden werden, aber des Pfarrers Heim gehört schon jetzt zum neuen Netzwerk, auch ins Gemeindehaus wird vorsorglich der Anschluss gelegt. «Nachhaltig leben zu wollen bedeutet, auch zu entscheiden, ob wir den Brennstoff aus dem Nahen Osten holen und dafür womöglich Kriege führen, oder eben aus den heimischen Wäldern. Und der ökologische Fußabdruck der Ölheizung ist ja immens.» Hat sozusagen Übergröße. Zu Beginn sei der Leiter seines kirchlichen Bauausschusses noch skeptisch gewesen, sagt Rave, inzwischen habe «aber auch er privat unterschrieben». Und das in Zeiten, wo das Heizöl wieder relativ billig geworden ist.

Ein EWS-Mitarbeiter trägt ein Nahwärmerohr
Wenn schon, denn schon: In Tegernau werden gleichzeitig Wärme- und Datenleitungen verlegt. Foto: Albert Schmidt
Ansicht Baustelle in Tegernau
Die Verlege-Arbeiten machten kurzfristig auch eine Umleitung nötig. Foto: Albert Schmidt
EWS-Mitarbeiter zeigt die in die Nahwärmerohr integrierte Glasfaserleitung
Daniel Weiß hat's in der Hand: Glasfaser für ein superschnelles Internet. Foto: Albert Schmidt
Ansicht letzte Arbeiten an der Baustelle in Tegernau
Gräben zu, Baustelle beendet: In ein paar Stunden ist das Hindernis auf der zentralen Landstraße in Tegernau wieder Geschichte. Foto: Albert Schmidt

Wenn schon, denn schon: Glasfaser gleich mitverlegen

In der zweiten Novemberhälfte nimmt der zentrale Holzbrenner im Keller des Rathauses seinen Betrieb auf. Wenn alles so läuft wie geplant, wird er 95 Prozent des Wärmebedarfs liefern können. Der bisherige Ölkessel dient dann nur noch als Reserve für Spitzenlasten und kurze Wartungsunterbrechungen im Betrieb der Hauptwärmequelle, sagt EWS-Projektleiter Daniel Weiß. «Ganz darauf verzichten kann man nicht, weil hier in Tegernau keine Erdgasleitung liegt. Das wäre von den Emissionen noch einmal etwas günstiger gewesen - aber auch teurer.»

Insgesamt werden in das neue Nahwärmenetz rund 1,2 Millionen Euro investiert. Davon entfallen gut 150.000 Euro auf die Internet-Glasfaserkabel, die man, wo die Leitungsgräben schon einmal gegraben wurden, gleich mitverlegte. Etliche der Nahwärmekunden haben auch hier zugegriffen und holen sich ab sofort Daten mit atemberaubender Geschwindigkeit ins Haus. Auf eine weitere zwischenzeitliche Errungenschaft der Moderne verzichtet man in Tegernau dagegen wieder sehr gerne: Jene Baustellen-Ampel, die während der Grabungszeiten den Verkehr auf der Ortsdurchfahrt regelte, ist längst abgebaut. Tegernau kommt auch ohne Ampel aus.

Ortsansicht von Tegernau

Heimisches Holz und regionale Wertschöpfung

In Tegernau werden künftig jährlich rund 160 Tonnen C02 eingespart. 500.000 Kilowattstunden Wärmeenergie pro Jahr wird über ein 1,2 Kilometer langes Leitungsnetz mit höchster Dämmstärke zu den Hausanschlüssen geführt. Erzeugt wird die ökologische Energie in einem Holzkessel mit einer Leistung von 200 Kilowatt – befeuert mit Holz aus heimischen Wäldern. Ein Beitrag zum Klimaschutz und zugleich zur regionalen Wertschöpfung.

16. November 2016 | Energiewende-Magazin