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«Der zweite Schritt der Rebellion»

Ein Bericht von Tom Jost

Die Energiewende braucht kreative Denkstätten. Thies Stillahn und Gregor Rohbogner präsentieren auf dem Stromseminar das EWS-Pilotprojekt «Modellregion Schönau».

Gar nicht mehr so lange wird es dauern, bis sich bei den ersten Betreibern von Solarstromanlagen in Deutschland die Unruhe breitmachen wird: Zwei Jahre etwa, denn an Silvester 2020 endet die Einspeiseförderung für Photovoltaikmodule dieser Pioniere, wie sie der Gesetzgeber mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für 20 Jahre garantiert. Manch einer wird sich schon vorher fragen, wer anschließend den Strom aus immer noch leistungsfähigen Solardächern abnehmen werde. Falscher Ansatz, findet Thies Stillahn, Leiter der strategischen Geschäftsfeldentwicklung der EWS: «Im Gegenteil. Die Betreiber können künftig entscheiden, wem sie ihren Strom geben. Zum Beispiel einer Gemeinschaft, die dieselben Werte trägt wie sie selbst.»

Mit Strom aus Nachbars PV-Anlage die Wäsche waschen

In der kleinen Schwarzwaldgemeinde liegt vielleicht nicht der Grundstein der Energiewende. Aber der Bürgerenergiebewegung haben die Schönauer Stromrebellen bereits sehr früh Flügel verliehen. Mit dem Netzkauf vor 25 Jahren – und gleichzeitig der Errichtung erster Solardächer. Nun geht, wiederum von hier, eine Modellinitiative aus, die Gregor Rohbogner beim Schönauer Stromseminar 2018 «den zweiten Schritt der Rebellion» nannte: vom bürgereigenen Stromversorger zur bürgereigenen Stromversorgung. Und Rohbogner steht als Geschäftsführer des Freiburger Software-Start-ups Oxygen Technologies mitten im Geschehen.

Der Grundgedanke des Pilotprojektes ist verblüffend einfach: Eine stattliche Reihe von bürgerlichen und nachhaltigen Energieproduzenten schließt sich zu einer regionalen Gemeinschaft zusammen, in der auf kurzem Weg Strom erzeugt, gespeichert, genutzt und untereinander gehandelt wird. Man kann quasi vormittags mit dem Sonnenstrom des Zaunnachbarn die Wäsche waschen und ihm nachts mit der eigenen Speicherbatterie helfen, sein Elektroauto zu laden – alles nur eine Frage der Bereitschaft und des Preises. Im Vordergrund stehen die Optimierung des Eigenverbrauchs und die kleinräumige Balance von Ökostromangebot und -nachfrage. Denn gegenwärtig wird nach dem EEG eingespeiste Solar- oder Windenergie vom Netzbetreiber in den großen «Graustrom-See» eingeleitet und an der Börse zu Cent-Beträgen verramscht. Den Unterschiedsbetrag zur garantierten EEG-Vergütung zahlen die meisten Stromkunden über die Umlage in ihrer Rechnung.

Jedes Mitglied der Gemeinschaft tauscht sich mit den anderen über das Stromangebot und den Bedarf aus.

Gregor Rohbogner, Geschäftsführer von Oxygen Technologies
Gregor Rohnbogner bei seinem Vortrag
Foto: Albert Schmidt

Damit diese «Community» Realität werden kann, braucht es keine neuen Leitungen und Kabelgräben. Aber eine neue Digitaltechnik, die minütlich steuert, kontrolliert und handelt. Die Software-Tüftler von Oxygen – einer Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE – haben einen solchen virtuellen Marktplatz geschaffen. «Jedes Mitglied der Gemeinschaft hat dann einen kleinen vernetzten Computer im Zählerschrank, der sich mit den anderen Teilnehmern über das Stromangebot und den Bedarf austauscht», erläutert Gregor Rohbogner. «Natürlich auch mit den Preisvorstellungen. Das System errechnet blitzschnell, wer wann und von wem die Energie für wie viel Geld bekommt.» Und weil auch der berechnende Computer minütlich wechselt, fänden potenzielle Hacker kein Einfallstor.

Der Weg zur bürgereigenen Stromversorgung

Nach intensiver Kundenbefragung hat die Arbeitsgemeinschaft – bestehend aus Oxygen, dem Messstellenbetreiber EGT und den Schönauer EWS – im vergangenen Jahr mit der Pilotinstallation begonnen. Beteiligt sind seither 27 verschiedene Haushalte, alte und neue Solaranlagen, 14 Batteriespeicher, zwei Brennstoffzellen und sogar drei Elektroautos. «Gerade alte Solarstromdächer sind eine hervorragende Möglichkeit, neue Modelle zu testen», sagt Thies Stillahn. Noch wird freilich nicht gehandelt, sondern installiert und programmiert, gemessen und analysiert. Zudem müssen etliche Rechtsfragen geklärt werden. Eine «Werkstatt» der Teilnehmer und ein beratendes Forum mit etwa 500 interessierten Kunden soll auf die Lernprozesse Einfluss nehmen können.

Die Pioniere von damals werden wieder Pioniere.

Thies Stillahn, Leiter der strategischen Geschäftsfeldentwicklung der EWS

Etwa zur Jahresmitte 2019 soll die «Modellregion Schönau» auch tatsächlich den Betrieb aufnehmen – inklusive des Bürgerstromhandels. Aber werden sich genug Anlagenbetreiber finden, die ihren Ökostrom gegen vielleicht nur kleines Geld abgeben? Thies Stillahn hat da wenig Zweifel. Alte Photovoltaikanlagen seien bereits vollständig abgeschrieben und könnten nun – nach einem stattlichen Beitrag zur Eigenversorgung ihrer Besitzer – vielleicht noch zehn Jahre lang ein gewisses Zubrot erwirtschaften.

Wer sich heute dagegen eine neue Solarstromanlage aufs Dach setze (mit Batteriespeicher im Keller), verzichte oft schon freiwillig auf die EEG-Förderung. Nach dem Eigenverbrauch bleibe auch hier eine gewisse Anzahl von Kilowattstunden übrig, die man der Gemeinschaft zur Verfügung stellen könne. Überdies gehörten viele EWS-Kunden einem speziellen Menschenschlag an: «Für sie steht das Geld nicht immer im Mittelpunkt», so Stillahn.

Die Rolle des Ökostromversorgers

Thies Stillhahn mit Headset bei seinem Vortrag
Foto: Albert Schmidt

Welche Rolle bleibt dann für die EWS Schönau, wenn sich ihre Kunden im Projektgebiet den selbsterzeugten Strom gegenseitig verkaufen? Der Aufsichtsrat mag sich beruhigt zurücklehnen, denn überflüssig wird der Bürgerenergieversorger selbst in der Modellregion nicht sein. Zum einen muss auch der Bürgerstromhandel gemanagt werden und es braucht einen juristischen Träger, unter dessen Dach Steuern errechnet und Abgaben abgeführt werden. Zum anderen wird immer auch ein zuverlässiger Versorger benötigt, der die Reststrommengen beschafft, wenn der bürgerliche Austausch den Bedarf mal nicht vollständig abdecken kann.

Nicht zu vergessen: Die Energiewende braucht kreative Denkstätten, die neue Handlungsmodelle austüfteln, testen und schließlich auch umsetzen. In diesem Fall, sagt Thies Stillahn, «bieten wir Lösungen für Menschen an, die sich vernetzen und gemeinsam neue Energiesysteme bauen möchten.» Die Rolle der EWS als nachhaltiger Ökostromversorger mit bundesweitem Gewicht wird auch dann erhalten bleiben.

 

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25. Juli 2018 | Energiewende-Magazin