Rettung für Boliviens Trockenwald?
Ein Bericht von Gunther Willinger
Der südamerikanische Chiquitano-Wald wird durch Agrarindustrie, Banken und Politik stark bedroht – indigene Frauen organisieren Feuerwehren und Proteste.
Tief im Osten Boliviens liegt ein ganz besonderer Wald: der Chiquitano, der größte intakte Trockenwald Südamerikas. Geprägt von einer monatelangen Trockenzeit werfen die meisten Bäume ihr Laub ab. Dann kann man die smaragdgrünen Sittiche besonders gut dabei beobachten, wie sie durch die Zweige turnen, oder die leuchtend gelben Blüten der Trompetenbäume im kahlen Kronendach bestaunen. Viele Tiere – darunter Jaguare, Gürteltiere, Ameisenbären und Kapuzineraffen – teilen sich diesen Lebensraum. Sobald die Regenzeit einsetzt, verwandelt sich der Wald innerhalb weniger Tage wieder in einen üppig grünen Dschungel.
Bolivien verbindet man mit schneebedeckten Andengipfeln, dem Salzsee Salar de Uyuni und der höchstgelegenen Großstadt der Welt, La Paz. Weniger bekannt sind die ausgedehnten Wälder im Tiefland östlich der Anden, wo drei Ökozonen aufeinandertreffen: Im Norden reicht der Amazonas-Regenwald weit nach Bolivien hinein, im Osten erstreckt sich der Chiquitano bis über die Grenze nach Brasilien und im Süden liegt der Gran Chaco, ein noch trockenerer Wald, der sich bis nach Paraguay und Argentinien ausdehnt.
Früher endloses Grün, heute ein Flickenteppich
Laut der Monitoring-Plattform «Global Forest Watch» war bis 2020 mehr als die Hälfte Boliviens bewaldet, 58 Millionen Hektar – das entspricht etwa der Fläche Frankreichs. Mehr als ein Viertel bedeckte der Chiquitano-Trockenwald mit etwa 17 Millionen Hektar. Doch jedes Jahr gehen Hunderttausende Hektar des ursprünglichen Waldes verloren, allein 2024 etwa 1,5 Millionen Hektar – das sind vier Fußballfelder Wald pro Minute.
«Tropische Trockenwälder sind besonders bedroht, weil sie leichter gerodet werden können als Regenwälder», erklärt der Biologe Alfredo Romero-Muñoz, der am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin die Auswirkungen der Entwaldung auf Tiere wie Jaguare und Pumas erforscht. Romero-Muñoz wuchs in Bolivien auf und erkundet seit vielen Jahren die Wälder seiner Heimat. Und er muss mit ansehen, wie immer mehr Waldflächen in Sojafelder und Rinderweiden umgewandelt werden. «Früher war das eine endlose grüne Fläche», sagt er. «Heute gleicht der Wald vielerorts einem Flickenteppich.»
Bolivien zählt inzwischen zu den Hotspots der Entwaldung und liegt weltweit auf Platz zwei der größten Waldvernichter, direkt hinter Brasilien. Bezogen auf den prozentualen Verlust zur Landesfläche führt es sogar mit deutlichem Abstand. So hat der Chiquitano-Wald bereits etwa ein Fünftel seiner einstigen Fläche eingebüßt.
Mal trocken, mal üppig grün
Die Bäume in einem tropischen Trockenwald wachsen nicht so hoch und dicht wie in einem Tieflandregenwald. Der Wald wirkt licht, und oft finden sich Gräser, Sträucher und Kakteen zwischen den Bäumen. Charakteristisch für Trockenwälder wie den Chiquitano ist der Wechsel zwischen einer mehrmonatigen Trockenzeit und einer Regenzeit, in der fast der gesamte Jahresniederschlag fällt. Im Chiquitano-Wald sind es rund 1.000 Millimeter Niederschlag pro Jahr – deutlich mehr als im deutschen Durchschnitt von 800 Millimetern. Jedoch variiert der Niederschlag regional stark und die Verdunstung ist im tropischen Wald um einiges höher.
Im Gegensatz zu Regenwäldern, die ganzjährig feucht bleiben, und zu Savannen, die noch trockener und an regelmäßige Feuer angepasst sind, reagieren Trockenwälder empfindlich auf Brände. Viele der mehreren Hundert Baumarten des Chiquitano sind nicht feuerresistent und regenerieren nur langsam.
Monokulturen expandieren nach Osten
Tropische Trockenwälder bedeckten einst eine ähnlich große Fläche wie tropische Regenwälder – von der Karibik über Mittel- und Südamerika, Westafrika, das südliche Afrika, Madagaskar bis in die Südsee. Heute ist nur noch etwa ein Zehntel ihrer ursprünglichen Ausdehnung erhalten.
Marie Pratzer forscht ebenfalls am Geographischen Institut der Humboldt-Universität und beschäftigt sich mit den Ursachen des Verschwindens dieser Wälder, die oft im Schatten der bekannteren und besser erforschten Regenwälder stehen. Die Geografin sieht in Bolivien die industrielle Landwirtschaft als Haupttreiber der Zerstörung. Rinderweiden und Monokulturen mit Soja, Mais oder Sonnenblumen dringen östlich der Tieflandmetropole Santa Cruz de la Sierra immer weiter in den Chiquitano-Wald vor. Mit der Rodung wird die dünne Humusschicht Wind, Hitze und Sonne schutzlos preisgegeben. Das würde die Böden bereits nach wenigen Jahren auslaugen, berichtet Pratzer. Die riesigen Monokulturen benötigen dann Unmengen an Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Dort, wo sich die neuen landwirtschaftlichen Flächen in ursprüngliche Wälder fressen, würden Wildwest-Bedingungen herrschen, so Pratzer. Landspekulation, Korruption und fehlende staatliche Kontrolle setzen dem Wald weiter zu.
Der Chiquitano-Wald wird tatsächlich an der Wall Street gehandelt.
Wie genau das Geschäftsmodell der Entwaldung funktioniert, zeigt das unabhängige bolivianische Online-Magazin «Revista Nómadas» in einem im November 2025 veröffentlichten Bericht auf: Ein Hektar Chiquitano-Wald kostet in Bolivien zwischen 150 und 250 US-Dollar, die Rodung weitere 250 Dollar – danach lässt sich das Land für bis zu 2.500 Dollar pro Hektar weiterverkaufen. An diesem Geschäft sind internationale börsennotierte Unternehmen wie «Cresud» aus Argentinien oder dessen Tochterfirma «BrasilAgro» aus Brasilien beteiligt. Diese werben offen mit Renditen von über 20 Prozent durch die Umwandlung «unproduktiver» Flächen in rentables Agrarland.
«Der Chiquitano-Wald wird tatsächlich an der Wall Street gehandelt», fasst der Bericht zusammen. Auf der Webseite von BrasilAgro ist zu sehen, wie die Agrarindustrie sich die Zukunft der Trockenwälder Südamerikas vorstellt: endlose Agrarflächen, große Maschinen und sehr viele Rinder. BrasilAgro besitzt nach eigenen Angaben in Brasilien, Paraguay und Bolivien über 270.000 Hektar Land. Cresud ist zudem auch in Argentinien aktiv und verfügt insgesamt über mehr als 800.000 Hektar.
Mennoniten an vorderster Front
Eine besondere Rolle kommt in Bolivien den Mennoniten zu, einer konservativen protestantischen Glaubensgemeinschaft, die seit den 1950er-Jahren sogenannte «Kolonien» gründet. Diese sind oft Vorreiter bei der landwirtschaftlichen Erschließung, denn sie scheuen auch widrige Lebensbedingungen in abgelegenen Regionen nicht. Der Dokumentarfilm «Bolivia Burning» von 2025 zeigt die Waldzerstörung im Chiquitano-Trockenwald und gewährt seltene Einblicke in Leben und Arbeit der Mennonit:innen, die durchaus widersprüchlich sind. Einerseits lehnen die streng bibeltreuen Gemeinschaften moderne Technik wie Mobiltelefone oder Geländewagen ab, andererseits setzen sie bei der Waldrodung Generatoren, Bulldozer und Agrarchemikalien ein. Das Holz auf den gerodeten Flächen wird meist verbrannt, um Platz für Soja, Mais, Hirse oder Sonnenblumen zu schaffen. «Damit unsere Kinder und ihre Familien so leben können wie wir, brauchen wir neues Land», sagt Johann Peters, das Oberhaupt einer mennonitischen Gemeinschaft südöstlich von Santa Cruz, in dem Film. So stehen die Mennonit:innen bei der Erschließung bislang unberührter Waldgebiete vielerorts an vorderster Front – nicht nur in Bolivien, sondern auch in anderen Ländern Lateinamerikas und in Angola.
Foto: Auch die Mennoniten leiden unter der Luftverschmutzung durch die Waldbrände. Filmstill aus «Bolivia Burning» (2025) von The Gecko Project, Kamera: Leo Plunkett | Der Film kann hier in voller Länge angeschaut werden.
Ein fataler Dreiklang aus Politik, Agrarindustrie und Banken
In den vergangenen zehn Jahren hat die bolivianische Regierung die exportorientierte industrielle Landwirtschaft massiv gefördert – durch Gesetze, die Brandrodung auf größeren Flächen oder den Anbau von Soja erlauben, durch Agrarsubventionen sowie durch die Zuteilung von Landrechten an inländische Siedler:innen und Agrarunternehmen. 2023 exportierte Bolivien Soja im Wert von über 700 Millionen US-Dollar, hauptsächlich nach Kolumbien, Peru und Chile. Die Rindfleischproduktion hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten fast verdreifacht. Zum Großteil wird für den heimischen Markt produziert, Exporte gehen vor allem nach China und Peru. Mit 11 Millionen Rindern bei 11,3 Millionen Einwohner:innen leben inzwischen fast ebenso viele Rinder wie Menschen im Land.
Die Verflechtungen zwischen Politik, Finanzmarkt und Agrarindustrie seien eng, beobachtet Marie Pratzer. «Staatliche bolivianische Rentenfonds spekulieren auf das Wachstum der Agrarbranche und machen sich abhängig vom Geschäft mit der Waldzerstörung.» Recherchen der NGO «Global Witness» zeigen, dass internationale Agrarkonzerne wie «Alicorp» aus Peru oder «Cargill» aus den USA als Verarbeiter und Zwischenhändler agieren. Demnach kauft Cargill in Bolivien große Mengen Soja auch von frisch gerodeten Flächen, obwohl sich das Unternehmen verpflichtet hat, bis 2025 entwaldungsfreie Lieferketten in Amazonas, Cerrado und Gran Chaco aufzubauen.
Laut «Global Witness» finanzieren internationale Banken wie Barclays, BNP Paribas, Santander und die Deutsche Bank die Zerstörung. Viele Expert:innen sehen verbindliche Vorgaben für Unternehmen – wie die EU-Entwaldungsverordnung oder die EU-Lieferkettenrichtlinie – als wirksames Mittel zum Schutz der verbliebenen Tropenwälder. Doch gerade diese Regularien wurden zuletzt abgeschwächt und die Umsetzungsfristen mehrfach verschoben.
Bolivien in Flammen
Die indigene Bevölkerung nutzt seit jeher Feuer zur Rodung kleiner Flächen für die Selbstversorgung. Bei dieser «Chaqueo» genannten traditionellen Praxis wird eine unkontrollierte Ausbreitung der Flammen verhindert. Etwas völlig anderes sind die immer heftigeren Waldbrände, die mit dem Vordringen der industriellen Landwirtschaft zusammenhängen. Und seit 2019 habe nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Intensität massiv zugenommen, sagt Carlos Pinto, Waldbrandexperte bei der bolivianischen Umweltorganisation «Fundación Amigos de la Naturaleza».
Bei der großflächigen Rodung werden die kilometerlangen, von Bulldozern zusammengeschobenen Holzstapel angezündet, um Platz für Soja und Mais zu schaffen. Dazu kommen kriminelle Brandstiftungen – für Agrarland oder um mit Landspekulation Geld zu machen. Immer häufiger geraten diese Brände außer Kontrolle. Sie zerstören die Ökosysteme mit ihrer vielfältigen Flora und Fauna und bedrohen die Lebensgrundlagen und die Gesundheit der Bevölkerung.
Der Rauch zieht bis in die Städte und verschlechtert die Luftqualität massiv. Im Oktober 2023 musste die bolivianische Regierung teilweise für mehrere Wochen Tausende Schulen schließen. Im Jahr 2024 erreichten die Waldbrände in Südamerika Rekordausmaße – in Bolivien standen 6,7 Millionen Hektar in Flammen. Im Pantanal-Chiquitano-Gebiet verzeichneten Satelliten des EU-Erdbeobachtungsdienstes Copernicus mehr als das Fünffache der üblichen verbrannten Fläche. Die Feinstaubbelastung lag teilweise 60-fach über dem WHO-Grenzwert, allein im Departamento Santa Cruz wurden 157 Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt.
Mit dem Wald schwindet das Wasser
Der Verlust riesiger Waldflächen hat gravierende Folgen: Die Niederschlagszyklen sind gestört und die Trockenzeit dauert immer länger an. In der Regenzeit fließt das Wasser schnell von den Feldern und abgebrannten Flächen ab – immer weniger gelangt in den Boden, die Grundwasserneubildung nimmt ab. Selbst nicht gerodete Wälder verarmen, verwandeln sich vielerorts in trockene Buschsavannen, die deutlich geringere Mengen an Wasser speichern können. Zusammen mit dem hohen Wasserverbrauch der industriellen Landwirtschaft trocknen Bäche, Flüsse und Seen aus, der Grundwasserspiegel sinkt.
Ein Teufelskreis entsteht: Der Waldverlust verschärft den Wassermangel, der Wassermangel beschleunigt den Waldverlust. «Viele unserer Gemeinden in der Nachbarschaft großer Rinderfarmen haben heute kein Wasser mehr, weil die Wasserläufe blockiert wurden. Diesen Leuten scheint das Vieh wichtiger zu sein als die Menschen vor Ort», beklagt Fernando Rojas, Vertreter indigener Gemeinschaften von San Ignacio de Velasco, gegenüber dem Nachrichtenportal «Dialogue Earth».
Die indigenen Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten im und vom Wald leben, sind die Hauptleidtragenden der landwirtschaftlichen Expansion. Viele von ihnen zählen zum Chiquitano-Volk und sprechen zum Teil noch die indigene Sprache Bésiro. Laut Volkszählung von 2024 leben knapp 100.000 Chiquitanos in den verbliebenen Trockenwäldern zwischen Santa Cruz de la Sierra und der Grenze, auf der brasilianischen Seite kommen weitere hinzu. Es gibt einige größere Siedlungen, doch die meisten wohnen in kleinen, weit verstreuten Dorfgemeinschaften, versorgen sich überwiegend selbst, halten etwas Vieh und bewirtschaften kleine Flächen um die Dörfer. Dabei nutzen sie den Wald für Nahrung, Heilpflanzen und Holz.
Der Schatz im Trockenwald
Viele Bäume im Trockenwald wachsen relativ langsam und besitzen ein besonders hartes, wertvolles Holz. Typische Arten im Chiquitano sind «Soto» aus der Familie der Cashew-Gewächse, «Tajibo» – große Bäume mit trompetenförmigen gelben, pinken oder weißen Blüten – und «Morado», dessen rötliches Holz teils als Santos-Palisander gehandelt wird. Dass eine nachhaltig durchgeführte Holzernte zum Erhalt des Waldes beitragen kann, zeigt ein von der NGO «Instituto Boliviano de Investigación Forestal» durchgeführtes Projekt: Chiquitano-Gemeinschaften entnehmen nur einzelne Stämme und verarbeiten sie mit transportablen Minisägewerken direkt vor Ort. Eine an Metallschienen geführte Kettensäge ermöglicht das präzise Zuschneiden von Brettern und Balken, die dann mit Pferdekarren oder kleinen Lastfahrzeugen abtransportiert werden. So bleiben die Gemeinschaften unabhängig von großen Holzfirmen. Die Bretter und Balken dienen den Chiquitanos als Baumaterial oder für Möbel und verschaffen ihnen zusätzliches Einkommen.
Frauen organisieren Feuerwehren und Proteste
Der Wald versorgt die Menschen auch mit Nahrung, etwa mit der Chiquitano-Mandel, in Brasilien als Baru-Nuss bekannt, die geröstet oder zu Mehl verarbeitet wird. Aus den Früchten der Cusi- oder Babassupalme lässt sich ein wertvolles Öl herstellen, und das Harzöl des Copaiba-Baumes setzt man in der Region schon seit Jahrhunderten bei Atemwegserkrankungen oder gegen Rheuma ein. Für die Gewinnung wird der Stamm schonend angezapft, ohne den «Wunderbaum» dauerhaft zu schädigen. Auch die moderne Medizin schätzt das destillierte Copaiba-Öl wegen seiner entzündungshemmenden Wirkung zur Wundheilung und Behandlung bei chronischen Hautleiden.
Sie verbrennen unser ‹großes Haus›, deshalb fordern wir Gehör!
Die Menschen in den abgelegenen Dörfern mitten im Wald, oft viele Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt, sind es gewohnt, sich selbst zu helfen. Häufig werden die Dorfgemeinschaften von Frauen angeführt. Sie organisieren eigene Feuerwehren, vermarkten Waldprodukte und initiieren Protestmärsche in der Provinzhauptstadt Santa Cruz de la Sierra oder in La Paz. Die Chiquitanos und andere indigene Völker Boliviens fordern einen besseren Schutz ihrer Waldgebiete, die sie «la casa grande» – das große Haus – nennen. «Wieder brennen unsere Gebiete, sie verbrennen unser ‹großes Haus›, und deshalb fordern wir Gehör», sagte Rosa Pachurí, Präsidentin der Regionalorganisation indigener Chiquitanía-Frauen, Ende September 2025 am Rande einer Demonstration in La Paz.
Ihr naturverbundenes Leben ist durch die intensive Landwirtschaft, Waldbrände, Wasserknappheit und Pestizide immer mehr bedroht. Zudem gefährden neue Straßenbauprojekte und der Abbau von Rohstoffen wie Kupfer, Nickel oder Kobalt in der Region Chiquitanía ihren Lebensraum. Regionale Behörden und auch die Zentralregierung erteilen Genehmigungen für bergbauliche Erkundungen, Straßenbau und forstliche Konzessionen, außerdem vergeben sie großflächig Landrechte. Die indigenen Gemeinschaften beklagen immer wieder intransparente Verfahren – und dass sie bei Planungen nicht gehört werden.
Indigene Völker garantieren Schutz des Waldes
Solange gerodetes Land um ein Vielfaches teurer gehandelt wird als bewaldete Flächen, haben Wälder und ihre Bewohner:innen schlechte Karten. Während Spekulanten und die Agrarindustrie in kurzer Zeit riesige Areale aufkaufen können, müssen indigene Gemeinschaften oft jahrzehntelang für ihre Landrechte kämpfen. Es sei nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, wenn lokale Gemeinden Landtitel erhalten und somit rechtlich als Waldeigentümer anerkannt werden, sagt die Geografin Marie Pratzer, es garantiere auch den Schutz der Wälder: «Wir konnten nachweisen, dass auf dem Land der indigenen Gemeinschaften Abholzung und Waldbrände viel seltener sind, weil die Menschen den Wald unmittelbar als Lebensgrundlage verstehen und schützen.» Das zeige sich etwa im indigenen Schutzgebiet von Lomerío, im Noel-Kempff-Nationalpark oder im Kaa-Iya-Nationalpark im Gran Chaco an der Grenze zu Paraguay.
Dramatisches Artensterben durch Entwaldung
Neben der wachsenden Bedrohung durch die Entwaldung kommt für große Säugetiere wie den Jaguar oder den Puma noch die Wilderei hinzu. Dort, wo entlegene Wälder durch Straßen erschlossen werden, steigt der Jagddruck massiv an. Das hat Alfredo Romero-Muñoz im Trockenwald des Gran Chaco in Paraguay untersucht. «Wir können belegen, dass die Zahl der Jaguare dort in den letzten zwei Jahrzehnten um 90 Prozent und die Zahl der Pumas um 80 Prozent zurückgegangen ist», fasst der Forscher seine Ergebnisse zusammen. Die großen Raubkatzen stehen an der Spitze der Nahrungskette und gelten als Gradmesser für den Zustand des Waldökosystems.
Romero-Muñoz geht davon aus, dass sich in vielen Teilen des Chiquitano eine ähnliche Entwicklung abzeichnen wird. Insgesamt stehen nur neun Prozent des bolivianischen Trockenwaldes unter Schutz. Der Zoologe Martin Jansen und sein Team von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main schätzen, dass durch die Zerstörung des Chiquitano mindestens 1.600 Tier- und 4.000 Pflanzenarten betroffen sind – darunter rund 150 Säugetiere wie der Flachlandtapir, der Große Ameisenbär und 60 bis 90 Froscharten. Einige kommen nur dort vor, etwa «Oreobates chiquitanus», ein Frosch, der kurz nach seiner Entdeckung bereits als vom Aussterben bedroht gilt.
Bolivien am Scheideweg?
Tropische Trockenwälder sind die «vergessene Hälfte» der tropischen Wälder. Früher machten sie rund 40 Prozent aller tropischen Wälder aus, heute sind sie auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Fläche geschrumpft. Allein zwischen 2000 und 2020 gingen mehr als 71 Millionen Hektar tropischer Trockenwald verloren – das entspricht etwa der doppelten Fläche Deutschlands. Die dort durch Entwaldung und Brände verursachten Kohlenstoffemissionen seien global signifikant, sagt Tobias Kümmerle, Geograf an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diese Gebiete effektiv zu schützen sei wichtig – das liege auch im Interesse der Landwirtschaft: «Denn ohne die Wälder ist der Zyklus aus Verdunstung und Niederschlägen gestört.»
Tropische Trockenwälder beherbergen eine einmalige Artenvielfalt mit vielen nur in diesen Wäldern lebenden Tieren und Pflanzen. Sie stabilisieren das regionale und lokale Klima, sichern die Wasserversorgung und versorgen die Menschen mit wertvollen Hölzern, Früchten und Medizin. Ihre Bedeutung für den Klimaschutz sei enorm, betont Kümmerle. Deswegen gehe der Schutz dieser Wälder auch uns in Europa etwas an. Und er sieht einen Hoffnungsschimmer in ihrer Regenerationsfähigkeit: «Viele der in den letzten Jahren abgebrannten Flächen eignen sich zur Renaturierung. Wenn man sie wieder aufwachsen ließe, könnten sie dabei große Mengen an Kohlenstoff binden und nebenbei neuen Lebensraum für Jaguare und Ameisenbären schaffen.»
Bolivien steht an einem Scheideweg. Das Land könnte Vorreiter werden für eine nachhaltige Entwicklung, die Menschen und ihre Wälder schützt. Doch derzeit dominiert ein anderes Modell: Brandrodung, Expansion, kurzfristiger Profit. Alfredo Romero-Muñoz hat noch Hoffnung, aber er warnt auch: «Wenn wir nicht umsteuern, werden wir die Trockenwälder Boliviens innerhalb weniger Jahrzehnte verlieren.»
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