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Der Nordirische Wind und seine Kinder

Eine Reportage von Peter Stäuber

Die Energiegenossenschaft «Drumlin» stärkt mit nachhaltiger Stromgewinnung lokale Gemeinschaften und Bildungsprojekte.

Zwischen den Hügeln von Aghafad in der nordirischen Grafschaft Tyrone ist es feucht und ruhig. Das schmatzende Geräusch unserer Stiefel auf der sumpfigen Wiese mischt sich mit dem Plätschern eines Bächleins, das zwischen knorrigen Erlen und Ginsterbüschen mäandert. Bleibt man stehen, hört man das gleichmäßige Rauschen eines riesigen Rotors, der sich hoch über dem nahen Hügel dreht.

Cormac Clarke steht mit verschränkten Armen da und blickt hinauf zu der imposanten Konstruktion. Der 47-Jährige – dunkelblaue Steppjacke, Cargohose, Gummistiefel – ist Landwirt und hier aufgewachsen. Vor einigen Jahren hat er den Hof von seinem Vater übernommen. Clarke ist ein freundlicher, ruhiger, beinahe schüchterner Mann, ohne den nordirischen Hang zur Plauderei. Er züchtet Rinder, mehr als 200 stehen im Stall. Nebenan liegt seine Hühnerfarm, auf einem Hügel waren uns zuvor seine Schafe begegnet. Schon um 6 Uhr war Clarke bei den Hennen, um Eier einzusammeln. Am frühen Nachmittag wird jemand vorbeikommen, um ihm drei Kühe abzukaufen.

Clarke ist zudem Genossenschaftler – und hat sich als einer der Ersten in Nordirland an einem Projekt zur gemeinschaftlichen Energiegewinnung aus Wind beteiligt. In knappen Worten erzählt er, wie alles begann: «Eines Tages, wohl vor mehr als zehn Jahren, kam ein Mann namens Andrew McMurray vorbei. Er suchte einen geeigneten Standort für eine Windkraftanlage.» Der Hügel hinter Clarkes Hof war hierfür ideal: windreich und nicht zu nah an anderen Gebäuden gelegen. McMurray habe ihm erklärt, dass er nicht für einen großen Konzern arbeite, sondern eine Energiegenossenschaft aufgebaut habe. «Ohne lange zu zögern sagte ich zu», erzählt Clarke. 

Den Erneuerbaren gehört die Zukunft!

Cormac Clarke, Landwirt und Genossenschaftsmitglied aus Aghafad

Er stellte nicht nur sein Grundstück für die Errichtung der Anlage zur Verfügung, sondern trat auch gleich der Genossenschaft bei. «Den Erneuerbaren gehört doch die Zukunft!», sagt er. Schon zuvor hatte er Photovoltaik­module auf seinem Hühnerstall installiert, Windkraft schien ihm der nächste logische Schritt. Bereits im folgenden Jahr drehte sich das Windrad auf seinem Hügel – betrieben von der «Drumlin Wind Energy Co-operative». 

Ein Mann mit rosa T-Shirt und schwarzer Jacke steht lächelnd auf einer Weide, er ist umzingelt von Kühen.
Cormac Clarke war der erste Landwirt, den die Drumlin-Genossenschaft für sich gewinnen konnte. Foto: Toby Binder
Der Mann posiert nun mit einer Frau in blauem Oberteil vor einer Windkraftanlage, beide lächeln stolz in die Kamera.
Auch Anne Ford, die heutige Vorsitzende, stieß schon früh zur Genossenschaft. Foto: Toby Binder

Ein Förderprogramm gab den Anstoß

Drumlin gilt als Vorreiterin: Sie ist die erste nordirische Energiegenossenschaft für Erneuerbare. In England entstanden bereits in den 1990er-Jahren gemeinschaftliche Energiekooperativen, während Nordirland diesbezüglich hinterherhinkte. Das änderte sich vor rund fünfzehn Jahren. Ausschlaggebend war ein Förderprogramm für Erneuerbare Energien, das die nordirische Regionalregierung 2010 mit dem «Strategic Energy Framework» auflegte. Ziel war es, die Wirtschaftlichkeit kleiner Windkraftanlagen durch Subventionen zu verbessern und so lokale und gemeinschaftliche Energieprojekte anzustoßen. Dazu wurden Einspeisevergütungen eingeführt, die den Betreibern Planungssicherheit gaben und verlässlichere Erträge aus dem eingespeisten Strom ermöglichten.

Das brachte Andrew McMurray – jenen Mann, der einst auf Cormac Clarkes Bauernhof vorfuhr – auf eine Idee. Der 44-jährige studierte Elektroingenieur leitete damals eine Beratungsfirma für Erneuerbare. «Ich wollte etwas Sinnvolles bewirken und sah die Chance, kleine Windkraftanlagen zu errichten», sagt er im Zoom-Gespräch. Im Vordergrund sollte nicht der Profit für irgendwelche Großinvestoren stehen, sondern der Nutzen für die Gemeinschaft. Schon lange engagierte sich McMurray für die Umwelt, unter anderem bei «Friends of the Earth», einem globalen Netzwerk für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit. Er pflegte auch Kontakte zur Non-Profit-­Organisation «Energy4All», die mehr als 30 Energiekooperativen für Erneuerbare in ganz Großbritannien unterstützt und berät. «Mein Freund bei Energy4All und ich beschlossen, gemeinsam die Drumlin Co-op aufzubauen», erzählt McMurray. Der Name ihrer Kooperative ist von der lokalen Topografie inspiriert: «Drumlins» sind sanfte, von Gletschern der Eiszeit geformte Hügel, wie sie auch im Logo der Genossenschaft auftauchen.

Wir wollten vor allem Menschen in der Nähe der geplanten Anlagen gewinnen.

Andrew McMurray, Mitgründer der «Drumlin Wind Energy Co-op»

McMurray hatte schon zuvor passende Standorte für die Windkraftanlagen ausgemacht – Cormac Clarke war der erste Landwirt, der sich für die Sache begeistern ließ. Nach dessen Zusage machte sich McMurray gemeinsam mit seinen Mitstreiter:innen bei Energy4All daran, das Geld für den Bau aufzutreiben. 2012 gründeten sie Drumlin und boten Genossenschaftsanteile an. Die Mindestbeteiligung betrug damals wie heute 250 Pfund, maximal dürfen 20.000 Pfund gezeichnet werden. Die Hürde für den Einstieg sollte bewusst niedrig sein, damit sich auch Menschen mit geringem Einkommen beteiligen können. «Wir wollten vor allem Anwohner:innen und kleine Organisationen in der Nähe der geplanten Windkraftanlagen gewinnen», sagt McMurray.

Schon bald hatte Drumlin 2,7 Millionen Pfund zusammen, hinzu kam ein Darlehen über 340.000 Pfund vom «Ulster Community Investment Trust» – genug, um zunächst vier Windräder zu errichten. Die Genossenschaft legte zwei Jahre später eine zweite Finanzierungsrunde auf, nahm weitere 1,2 Millionen Pfund ein und konnte zwei zusätzliche Anlagen bauen. Heute betreibt Drumlin sechs Windkraftanlagen, verteilt über ganz Nordirland: in Aghafad, Ballyboley, Ballyrobert, Cavanakill, Cavanoneill und Parkgate. Zusammen verfügen sie über eine installierte ­Leistung von rund 1,5 Megawatt.

Eine Frau und zwei Männer lehnen lächelnd an einer Glasbrüstung. Den Hintergrund bildet eine moderne Hausfassade mit polygonaler Struktur.
Der Drumlin-Vorstand – hier im Bild John McMullan, Tiziana O’Hara und Colin Press, Manager des Bildungsteams – arbeitet an den nächsten Schritten. So ist unter anderem die Gründung einer Dachorganisation für gemeinschaftliche Energieprojekte geplant. Foto: Toby Binder

Mehr Energie durch Repowering

Anfang 2025 ersetzte Drumlin zwei Windräder – darunter jenes auf Clarkes Grundstück – durch neuere, effizientere Modelle, in der Fachsprache «Repowering» genannt. Die 1,5 Millionen Pfund hierfür stammten größtenteils aus neuen Genossenschaftsanteilen, ergänzt durch Schuldverschreibungen der Mitglieder.

Die Installation des neuen Windrads sorgte in der ruhigen Gegend für Aufsehen. Clarke zeigt auf seinem Mobiltelefon ein Video: Drei Schwertransporter quälen sich über die schmale, kurvige Landstraße, beladen mit den 54 Meter langen Rotorblättern. Eine Betonmauer auf seinem Grundstück musste teilweise abgebrochen werden, damit die Lkws passieren konnten, erzählt er. Doch es lohnte sich: Die neue Anlage liefert doppelt so viel Strom wie die vorige.

Cormac Clarke muss sich um wenig kümmern – Wartung und Reparaturen übernimmt Energy4All. Der Strom fließt über ein nahes Umspannwerk ins landesweite Stromnetz. «Wir verkaufen den Strom an Abnehmerfirmen, die ihn dann weiterveräußern», erklärt Andrew McMurray. Nordirland ist zwar Teil des Vereinigten Königreichs, bildet aber seit 2007 mit der Republik Irland den einheitlichen «Single Electricity Market», mit verbundenen Strom­netzen. Clarkes Strom kann also auch einige Kilometer weiter südlich, in der Republik Irland, verkauft werden. Wie alle anderen, die ihr Grundstück für die Drumlin-Windräder zur Verfügung stellen, erhält Clarke sieben Prozent des von der Anlage erzeugten Gewinns. 

Dunkelgraue Wolken hängen über einer grünen, hügeligen Landschaft – links im Bild steht ein einzelnes Windrad.
Perfekt geeignet für Windenergie: Der Hügel hinter Clarkes Hof ist windreich und liegt in ausreichender Entfernung Wohngebäuden. Foto: Toby Binder

Genossenschaft statt Profitorientierung

Für McMurray und seine Mitgründer:innen stand die genossenschaftliche Rechtsform fest. «Die meisten Energieerzeuger in Nordirland sind profitorientierte Unternehmen, Gewinnmaximierung ist ihr Hauptzweck», sagt er. «Aber die Organisationsform als Kooperative erlaubt es uns, für die Anwohner:innen da zu sein.» Der Plan, vor allem die Nachbarschaften für sich zu gewinnen, ging auf: Viele der über 900 Mitglieder von Drumlin leben rund um die sechs Windkraftanlagen.

Der Genossenschaft liegt das Engagement für die lokalen Gemeinschaften besonders am Herzen. Zwar erhalten die Mitglieder jährlich eine kleine Ausschüttung, ein wesentlicher Teil des erwirtschafteten Gewinns fließt jedoch in einen Community Fund für Gemeinschafts- und Bildungsprojekte. Genau dieser Aspekt – das Engagement für lokale Gemeinschaften – begeisterte Anne Ford, und sie beschloss, bei Drumlin aktiv einzusteigen. Auch sie verbrachte ihre Kindheit auf einem Bauernhof in der Grafschaft Antrim, nördlich von Belfast. «Die Umwelt war mir schon immer wichtig – nicht nur, weil ich auf dem Land aufgewachsen bin, sondern auch durch meinen Beruf», sagt die selbstbewusst auftretende Ford. Zusammen mit ihrem Kollegen John McMullan, der als Geschäftsführer von Drumlin agiert, sitzt sie in einem etwas schmucklosen Raum auf einem Gewerbehof im Norden von Belfast. Drumlin besitzt keine festen Büroräume; für ihre Vorstandssitzungen mieten sie sich hier ein.

Wir sahen, was alles möglich ist – und steckten unsere Ambitionen entsprechend höher.

Anne Ford, Vorstandsvorsitzende der «Drumlin Wind Energy Co-op»

«Ich war in der Erwachsenenbildung tätig, meine Fachgebiete waren Biologie, Chemie und Umweltwissenschaften», erzählt Anne Ford. Vor 13 Jahren wagte sie einen beruflichen Neuanfang: Auf einer Landwirtschaftsmesse stieß sie auf einen Flyer, der über die Pläne zur Gründung der Kooperative informierte. «Mein Mann und ich gingen zu einer Veranstaltung, wo wir mehr über Drumlin erfuhren. Kurz darauf organisierte die Genossenschaft eine Studienreise nach Süddeutschland, und ich ging mit.» Unter anderem besuchten sie die EWS Schönau. Diese Reise sei sehr wichtig gewesen für Drumlin: «Wir lernten einige Energiegenossenschaften kennen und sahen, was alles möglich ist. Entsprechend höher steckten wir unsere Ambitionen.» Ford war sofort Feuer und Flamme und bewarb sich um einen Vorstandsposten – seit über zehn Jahren ist sie nun Vorstandsvorsitzende.

Zwei ältere Personen, ein Mann und eine Frau, sitzen an einem Laptop. Beide tragen blau gestreifte Kleidung.
Drumlin verfügt über keine festen Büroräume. Der Vorstand – hier im Bild: Anne Ford und John McMullan – trifft sich regelmäßig in einem Raum in Belfast. Foto: Tonby Binder

«Der Community Fund ist uns sehr wichtig», sagt Ford. Von anfänglich 15.000 Pfund, die jedes Jahr in diesen Fonds flossen, ist die Summe letztes Jahr auf 30.000 Pfund gestiegen. Drumlin hofft, durch das Repowering der beiden Anlagen den jährlichen Beitrag noch einmal verdoppeln zu können. «Damit finanzieren wir Sozial- und Umweltprojekte in der Umgebung der sechs Windkraftanlagen», erklärt Ford. Außerdem installierten sie eine PV-Dachanlage auf einem Gemeinschaftszentrum unweit von Cormac Clarkes Hof. «In diesem Jahr planen wir, Anwohner:innen bei Haus-PV-Anlagen finanziell zu unterstützen.»

Ein Großteil der Community-Fund-Mittel fließt derzeit in Bildungsprojekte – ganz im Sinne der Satzung: «Wir wollen das Bewusstsein für Energie stärken: wie sie produziert wird, wie wir sie sinnvoll verwenden, warum wir weniger davon verbrauchen sollten – und was Stromerzeugung für die Umwelt und das Klima bedeutet», sagt Ford.

Zusammenhänge aufzeigen, Wissen vermitteln

Drumlins Bildungsprojekte bringen der jüngeren Generation das Thema Erneuerbare nahe und zeigen, wie nachhaltig erzeugter Strom zur Bekämpfung der Klimakrise beiträgt. In der Fairview Primary School in Ballyclare, etwa 15 Kilometer nördlich von Belfast, erleben wir das. Es ist 9:30 Uhr an einem grauen Morgen. Im Klassenzimmer der Sechstklässler sitzen 27 Zehn- bis Elfjährige gespannt auf ihren Stühlen – in adretten dunkelblauen Schuluniformen, die Ranzen hängen an den Stuhllehnen, die Etuis liegen säuberlich auf den Tischen. An die Tafel hat der Lehrer eine Tabelle mit Quadratzahlen hingekritzelt, die Wände sind beklebt mit Bildern von Hitler und britischen Kampfjets – gerade ist der Zweite Weltkrieg Thema im Geschichtsunterricht. 

Warum stehe ich heute hier, um über Erneuerbare zu reden?

Stephen Houston, Mitglied der «Drumlin Wind Energy Co-op»

Aber jetzt geht es weder um Krieg noch um Mathematik, sondern um Energie, genauer: um Windenergie. Vor der Klasse steht Stephen Houston und erklärt: «Heute werdet ihr alle Ingenieure.» Die Gesichter der Kinder leuchten auf. Doch vor der praktischen Umsetzung kommt die Theorie. Houston, ein lebhafter 42-Jähriger, der die Bildungsprojekte von Drumlin mitorganisiert, fängt ganz von vorne an. «Wenn ihr das Licht oder den Fernseher einschaltet, woher kommt dann der Strom?» – «Von diesen Windmühlen-­Dingern», ruft ein Junge in der ersten Reihe und zeigt aus dem Fenster, wo auf den Hügeln tatsächlich mehrere Windräder zu sehen sind – die nächstgelegene ist jene von Ballyrobert, die ebenfalls zu Drumlin gehört. «Schön wäre es!», antwortet Houston. «Aber leider nein: Ein erheblicher Teil stammt von Kohle, die wir verbrennen, und von Erdgas. Und was ist das Problem damit? Warum bin ich heute hier? Um mit euch über Erneuerbare Energien zu reden!»

Landschaftsaufnahme: Grüne Weiden voller Kühe und Wald im Wechsel, dahinter stehen sechs Windräder.
Nordirland: Windkraft auf Erfolgskurs

Erneuerbare konnten in Nordirland riesige Fortschritte erzielen. Ihr Anteil am Strommix stieg zwischen 2005 und 2025 von rund 5 auf annähernd 50 Prozent – die Windkraft trägt hierzu mehr als 80 Prozent bei. Bereits bis 2030 will Nordirland den Erneuerbaren-Anteil auf 80 Prozent steigern. Doch da Nordirland und die Republik Irland durch ihre Insellage vom europäischen Stromnetz weitgehend isoliert sind, könnte es zu Stromengpässen und -spitzen kommen. Deshalb erklärte das nordirische Wirtschaftsministerium nun den Ausbau von Batteriespeichern zur Priorität. 

Klimakrise und Erneuerbare

Houston, das merkt man schnell, steht nicht zum ersten Mal vor einer Schulklasse. Er war früher selbst Grundschullehrer, später dann Schulleiter. Vor etwa vier Jahren kontaktierte ihn ein Freund, der das Bildungsprogramm von Drumlin leitete, «BREESI» genannt («Bringing Renew­able Energy to Schools Initiative»). «Er fragte mich, ob ich Interesse hätte, die Schulbesuche zu übernehmen. Ich sagte zu», erzählt Houston. Das Interesse seitens der Grundschulen sei groß. Jedes Jahr besucht er fünfzehn bis zwanzig Schulen, um mit den Kindern über die Bedrohung durch die Klimakrise und die Bedeutung Erneuer­barer zu reden – und um sie selbst Hand anlegen zu lassen. Oft wählt die Initiative Schulen aus, die in der Nähe von Drumlins Windkraftanlagen liegen. Heute ist die Beziehung zur Kooperative noch enger: Die Fairview-Schule gehört selbst zu den Mitgliedern der Genossenschaft. 

Die Kinder in Ballyclare sind schon hautnah mit der Klimakrise in Berührung gekommen. 2025 erlebte Nord­irland gleich drei Hitzewellen, es war der wärmste Sommer in Irland seit Beginn der Messungen. Auch Extremwetterereignisse gibt es häufiger – im selben Jahr musste die Schule zweimal wegen Sturm geschlossen werden.

Ein Mann im blau-schwarzen Karo-Hemd steht in einem Klassenzimmer, das Smartboard neben ihm zeigt die Illustration einer Windkraftanlage.
Für Drumlin ist der ehemalige Grundschullehrer Stephen Houston unterwegs: Jährlich besucht er rund zwanzig Schulen, um Schüler:innen das Thema Windenergie näherzubringen. Foto: Toby Binder
Der Mann sitzt nun mit Schüler:innen an einem der Tische: zwei Mädchen fixieren einen Jungen, der mit einer Säge hantiert, mit ernstem Blick.
Planen und entscheiden: zuerst müssen die Kinder herausfinden, wie sie ihr Windrad konstruieren wollen. Foto: Toby Binder
An einem weiteren Tisch werkeln Jungen und Mädchen in Schuluniformen an einer Miniatur-Windkraftanlage.
Egal, wie die Mini-Windkraftanlagen gebaut sind – sie müssen einfach funktionieren. Foto: Toby Binder
Der Mann im Karo-Hemd zielt mit einem Fön auf eines der Windrad-Modelle, um ihn herum haben sich staunende Kinder versammelt.
Spannung! Mit einem Haarfön testet Houston die Modelle. Sobald der kleine Rotor sich dreht, bricht die Klasse in Jubel aus. Foto: Toby Binder
Ein Junge und ein Mädchen stehen vor einer Tafel, das Mädchen hält stolz eines der Windräder als wäre es eine Trophäe.
Der Stolz ist nicht zu übersehen. «Ihr habt heute gelernt, wie man Erneuerbare Energie erzeugt», ist Stephen Houstons Botschaft an die Kids, die alle noch einmal mit ihren Windrädern posieren. Foto: Toby Binder

Kleine Windmühlen-Konstrukteur:innen

Im Klassenzimmer steigt die Spannung. Der theoretische Teil ist vorüber, jetzt geht es daran, selbst ein Windrad als Tischmodell zu bauen. Stephen Houston stellt Kisten aufs Pult und packt Holzstäbe aus, runde und eckige, dazu Minirotoren aus Plastik, Dynamos, Kabel. Er demonstriert, wie die Heißklebepistolen funktionieren, und sorgt für ein kollektives, begeistertes Luftholen im Klassenzimmer, als er eine Säge hochhält. «Vorsicht hiermit!», warnt Houston. «Wie das Windrad aussieht, ist euch überlassen – aber es muss funktionieren», erklärt er.

Die Kinder setzen sich in Dreiergruppen zusammen und entwerfen mit Bleistift und Papier einen Plan für die Konstruktion ihres Modells. Kurz darauf wird gesägt, geleimt, zuweilen gestritten. Konzentriert und mit gerunzelter Stirn sägt Penny an einem Holzstab, Caleb neben ihr schaut gespannt zu. Danach klebt Leah vier Stäbe zu einer soliden Tragekonstruktion zusammen. Laurie, Lottie und Corey am Nebentisch haben sich für ein filigraneres Design entschieden: Sie montieren den Dynamo auf eine kleine Scheibe, die sie auf ein Dreibein aus schlanken 
Stäben leimen.

Fünf Minuten noch!

Stephen Houston, Leiter der Schulprojekte der «Drumlin Wind Energy Co-op»

Stephen Houston wechselt von Tisch zu Tisch, gibt hin und wieder Tipps. «Fünf Minuten noch!», ruft er eine halbe Stunde später. Schlagartig herrscht Hektik. Eine Gruppe hatte gerade ihren ursprünglichen Plan aufge­geben und fängt fieberhaft nochmal von vorne an. Angestrengte Gesichter rundherum, hier und da hängen die weißen Hemden aus den Hosen. Endspurt für die jungen Turbinenbau-Teams.

Die Zeit ist rum, Stephen Houston bittet die Schüler:innen, ihre Werkzeuge wegzuräumen. Jetzt wird getestet. Houston hat einen Fön mitgebracht – damit versucht er, die Miniatur-Turbinen zum Laufen zu bringen. Er schließt ein kleines Lämpchen an den Dynamo. Leuchtet es auf, ist klar, dass Strom erzeugt wird. Jedes Mal, wenn es klappt, bricht die ganze Klasse in lauten Jubel aus. Manche Modelle sind zwar etwas unsolide, sodass sie vom Fön umgeblasen werden – aber alle neun Windräder drehen sich, was Houston ausgiebig lobt: «Ihr habt heute gelernt, wie Erneuerbare Energie erzeugt wird!», fasst er stolz zusammen.

Houston ist zufrieden. Ein dreistündiger Workshop reiche natürlich nicht, um den Kindern ein tieferes Verständnis für Erneuerbare zu vermitteln, sagt er. «Aber sie wissen nun mehr über die Klimakrise und die wichtige Rolle, die den Erneuerbaren zukommt. Diese Altersgruppe sei perfekt geeignet für eine Einführung zu diesem Thema. «Wenn sie 13 oder älter sind, erzählen sie zu Hause nicht viel von der Schule. Doch 10- oder 11-Jährige sind noch begeistert dabei – und verstehen schon jede Menge technische und wissenschaftliche Zusammenhänge», sagt Houston mit einem Lächeln im Gesicht.

Eine Gruppe von fünf Kindern und drei Erwachsenen posiert vor einer Windkraftanlage.
Ein wichtiges Ziel der Drumlin-Genossenschaft ist es, eine neue Generation Nordir:innen für Erneuerbare Energien zu begeistern. Foto: Toby Binder

Eine neue Plattform für Initiativen schaffen 

Zurück in Belfast werfen Anne Ford und ihre Kolleg:innen einen Blick in die Zukunft. Bald steht das nächste Re­­powering-Projekt an, eine dritte Drumlin-Anlage soll bald durch ein effizienteres Modell ersetzt werden. «Die Baubewilligung haben wir bereits. Wir müssen nur noch entscheiden, wie wir das Geld auftreiben», sagt Ford. Zudem weitet die Genossenschaft ihren Blick auf den gesamten Energiesektor in Nordirland.

Das Führungsteam ist mit anderen Energiekooperativen und dem nordirischen Energieministerium im Gespräch, um eine Dachorganisation für gemeinschaftliche Energieprojekte aufzubauen – eine Initiative, die Drumlin mitinitiiert. Die geplante Organisation würde eine Plattform für die Genossenschaften schaffen, um Erfahrungen mit anderen auszutauschen, neuen Projekten zur Seite zu stehen und die Öffentlichkeit über Erneuerbare aufzuklären. Ein Vorhaben, das allerhand Erfahrung voraussetzt – aber auch ein gutes Stück Selbstbewusstsein: «Wir sehen uns durchaus als Musterbeispiel dafür, wie ein gemeinschaftliches Energieprojekt gelingen kann – und was sich damit erreichen lässt», sagt Ford. «Als eine Art Wegweiser.»

 

Dieser Text ist auch auf Englisch erschienen. / Titelfoto: Toby Binder

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14. April 2026 | Energiewende-Magazin