Direkt zum Inhalt der Seite springen

Kerstin Rudek – die Anti-Atommacht

Ein Porträt von Linda Gerner

Die Wendländerin wird für ihr jahrzehntelanges Engagement bei Anti-Atom-Protesten und im Umweltschutz als Schönauer Stromrebellin 2020 ausgezeichnet.

Dannenberg in Niedersachsen, November 2010: Rainer von Vielen singt «Tanz deine Revolution» und die Massen vor der Bühne hüpfen. Die Bewegung zum elektronischen Beat wärmt die kalten Demofüße und den fröstelnden Körper. Dann steht Kerstin Rudek auf der Bühne. «Danke, dass ihr alle hier seid!», ruft die Frau mit den roten Haaren und dem bunten Schal. «Wir brauchen euch. Atomausstieg ist Handarbeit.» Lauter Jubel und Trillerpfeifen schallen der Vorsitzenden der «Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg» aus dem gelbgrünen Fahnenmeer entgegen. 50.000 Menschen sind gekommen, 600 Traktoren. Es ist der bislang größte Anti-Atom-Protest in Deutschland. Und der vorletzte Castor-Winter im Wendland. Noch ist es nicht zur Nuklearkatastrophe von Fukushima gekommen. Noch gibt es keine politische Entscheidung für einen Atomausstieg in Deutschland.

Fast vier Jahrzehnte aktiv gegen Atomkraft

Vor einem großen gelben Transparent spricht eine Frau in ein Mikrofon.
Kerstin Rudek hält gerne Reden – und versteht es, ihr Publikum zu überzeugen. Foto: Annette Etges

Zahlen spielen bei Demonstrationen immer eine große Rolle. Und doch taugen sie wenig, um Kerstin Rudeks langes Aktivistinnendasein im Überblick zu beschreiben. Fast vier Demojahrzehnte mit zig Castorblockaden, Förderturmbesetzungen und Menschenketten in die richtige zeitliche Abfolge zu bringen, das fällt auch ihr nicht leicht. Seit sie 14 Jahre alt ist, geht sie gegen Atomkraft auf die Straße – und seit vielen Jahren auch für den Klimaschutz.

Politisiert wird die gebürtige Wendländerin durch ihre Heimat. Im September 1982 besucht sie aus Neugierde das Musikfestival «Tanz auf dem Vulkan». Das Festival ist eine Reaktion auf den Baubeginn der Atommüllzwischenlagerhallen in Gorleben: «Ich war von der Energie dort beeindruckt und habe mich dann damit beschäftigt, wofür die Menschen genau kämpfen», erzählt Kerstin Rudek.

Im Februar 1977 brachte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht von der CDU erstmals Gorleben als Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum ins Spiel. Seit jener Zeit ist die Region aufs Engste mit der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland verknüpft. 1995 rollt der erste Castor mit hoch radioaktivem Müll aus dem baden-württembergischen AKW Philippsburg ins Wendland. Schon dieser erste Transport wird von zahlreichen Protesten begleitet. Kerstin Rudek ist mit dabei.

Ich sage klar meine Meinung. Da stören sich manche dran.

Kerstin Rudek, Aktivistin und Schönauer Stromrebellin 2020

In den letzten 38 Jahren hat sie einen langen Atem im Kampf gegen die Atomkraft und für den Klimaschutz bewiesen. Kerstin Rudek schafft es, Menschen zu erreichen, positiv zu bleiben, auch in schwierigen Situationen. Zusätzlich ihrer fachlichen Expertise bringt sie dafür etwas Entscheidendes mit: Charisma. Wenn Kerstin Rudek lacht, dann ist das laut, individuell und authentisch. Die 52-Jährige ist das, was man im Englischen als «people person» bezeichnet. Eine gute Zuhörerin und Rednerin mit herzlicher und warmer Ausstrahlung, an ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt interessiert.

Doch anecken kann sie auch: «Mir wurde schon mehrfach gesagt, dass ich polarisiere. Weil ich klar meine Meinung sage. Da stören sich manche dran», sagt Kerstin Rudek. «Das finde ich aber legitim. Ich habe gerne eine Bühne, um die wichtigen Inhalte, für die ich stehe, zu verbreiten.» Aufgeregt sei sie bei ihren Reden auf Großdemos nicht. Sie wisse genau, was sie sagen wolle. Auch medial ist Kerstin Rudek inzwischen längst ein Profi. Interviews geben, schnelle Videostatements raushauen: kein Problem für sie.

Eine Frau vor einem regenbogenfarben bemalten Boot, das auf einer Wiese steht
Kerstin Rudek vor dem Greenpeace-Schiff «Beluga», das als Mahnmal vor dem Zwischenlager steht. Foto: Marc Eckardt
Eine Frau liegt auf einer Decke, Kopf in die Fäuste gelegt, unter einem Traktor und schaut keck in die Kamera.
Castor-Blockade: Kerstin Rudek ist seit mehr als 38 Jahren im Widerstand gegen die Atomkraft – wie hier beim Unruhe-Tag 2011. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Auf einer zusammengezimmerten Bühne mit gelben Anti-Atom-Transparenten stehen zwei Frauen mit Mikrifonen und singen.
Singen gehört zu Kerstin Rudeks Leidenschaften. Auch im Castor-Widerstand kommt das häufiger zum Tragen ... «wie ging noch gleich das Castor-Lied?» Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Eine Frau steht an eine Hauswand gelehnt, stolz. Sie trägt eine regenbogenfarbene Fahne mit dem Aufdruck «Peace».
In Dannenberg gibt es seit März 2011, nach dem atomaren Unglück in Fukushima, jeden Montag eine Mahnwache. Kerstin Rudek ist dort regelmäßige Teilnehmerin. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Vor einem LKW steht ein Polizist und spricht mit einer Aktivistin. Einer junge Frau rechts daneben hält ein Mikrofon mit Aufdruck «DRadio» in ihre Richtung und nimmt auf.
Als Anmelderin von vielen Demos und Kundgebungen ist Kerstin Rudek eine gefragte Interviewpartnerin. Vor klaren Aussagen scheut sie nicht zurück. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Vor einer Demo-Bühne hängen Transparente mit dem Aufdruck «Uranfabriken schließen». Auf der Bühne, umrahmt von zwei Männern, spricht eine Frau ins Mikrofon.
Auch im Bündnis gegen die Urananreichungsanlage in Gronau und gegen die Brennelementefabrik in Lingen ist Kerstin Rudek seit vielen Jahren aktiv. Foto: Archiv Kerstin Rudek
Eine große Menschengruppe vor einem Gebäude, auf dem große japanische Schriftzeichen prangen und in lateinischen Buchstaben «Hiroshima» steht.
Kerstin Rudek ist nach dem Fukushima-Unglück drei Mal nach Japan gereist. Bis heute hält sie engen Kontakt zur Anti-Atom-Bewegung in Japan. Foto: Archiv Kerstin Rudek
Eine Frau zwischen zwei Männern. Sie sitzen auf einem Podium, hinter ihnen der Schriftzug «COP23 Fiji, UN Climate Change Conference, Bonn 2017».
Internationale Vernetzung: Kerstin Rudek nimmt an Weltklimagipfeln teil – denn die Klimakrise muss global angegangen werden. Hier bei einer offiziellen Pressekonferenz auf der COP im Jahr 2017. Foto: Archiv Kerstin Rudek
Auf einer Anti-Atom-Demo steht eine Reihe von Leuten. Sie halten ein großes Transparent, auf dem steht: «Don't nuke the climate. Stop uranium mining».
Kerstin Rudek ist auch im internationalen Anti-Atom-Netzwerk «Don’t nuke the climate» aktiv. Das Bündnis stellt sich weltweit gegen den Versuch, Atomkraft als Klimaschutz zu verkaufen. Foto: Archiv Kerstin Rudek
Vor einem gut abgesperrten Gelände steht eine große Gruppe winterlich gekleideter Menschen mit zwei Hunden und einem Transparent, auf dem steht: «Pour un monde sans nucleaire»."
Sehr lange schon ist Kerstin Rudek auch international im Widerstand gegen die Atomkraft aktiv: «Mit manchen dieser Menschen kämpfe ich schon seit mehreren Jahrzehnten Seite an Seite.» Foto: Archiv Kerstin Rudek

Tschernobyl als Wendepunkt

Dass sie von einer Demoteilnehmerin zur aktiven Organisatorin wurde, dafür hat die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 gesorgt. Kerstin Rudek ist 18 und Mutter einer kleinen Tochter. «Hätte es Tschernobyl nicht gegeben, wäre mein Leben wohl ganz anders verlaufen.» Die konkrete Bedrohungslage durch die Strahlung befeuert ihr Engagement gegen die Nutzung der unberechenbaren Atomkraft. Sie fühlt sich zunächst ohnmächtig beim Versuch, ihre Tochter zu schützen. Doch dann will sie dieser Technologie so viel wie möglich entgegensetzen. Kerstin Rudek wird Berufsaktivistin. Quasi. Denn Geld bringt ihr Umweltengagement keines ein. Also gründet sie im Kollektiv einen Bioladen, fährt Taxi und gibt Nachhilfeunterricht. 2012 kandidiert sie außerdem parteilos für die Linke für den Niedersächsischen Landtag. Doch die Linkspartei scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde.

Von 2007 bis 2012 ist sie Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und organisiert die breit angelegten Anti-Atom-Proteste im Wendland. Ein kräftezehrender Job. Immer wieder benötigt sie rechtlichen Beistand, um als Anmelderin von Demos und Mahnwachen das geltende Demonstrationsrecht durchzusetzen. Immer wieder musste sie im Nachgang von Blockaden das Vorgehen der Polizei anprangern, Schmähungen oder auch Rechtsstreitigkeiten aushalten. Doch auch die hindern Rudek nicht an ihrem permanenten und entschiedenen Widerspruch. Aktivismus, insbesondere wenn man sich gegen die Interessen einer einflussreichen und mächtigen Lobby wie der der Atomkraft einsetzt, ist eben unbequem. Davor scheut sie nicht zurück.

Mehr als nur eine Anzeige flattert über die Jahre hinweg bei Kerstin Rudek ins Haus. «Schon bei meinem ‹Tag X› – dem ersten Atommülltransport ins Wendland 1984, da war ich 16 – empfand ich die grobe Behandlung durch die Polizei als bedrohlich», erinnert sich Kerstin Rudek. Darauf folgte ihr erster Prozess aufgrund eines Anti-Atom-Protests. Sie wird als Zeugin geladen – und kann gegen die Falschaussagen seitens der Polizei nichts unternehmen. «Ich habe ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, und das wurde damals sehr erschüttert.» Sie nimmt sich vor, in Zukunft besser vorbereitet zu sein: Gute juristische Beratung an ihrer Seite zu haben und ihre Rechte zu kennen. «Das Erlebnis war für meine Biografie entscheidend. Von da an habe ich mich stark mit der Demokratie und mit Menschenrechten auseinandergesetzt.»

Durch den Protest ist eine besondere Wendland-DNA gewachsen.

Kerstin Rudek, Anti-Atom-Aktivistin

Für internationale Protestaktionen und die weltweite Vernetzung von Aktivistinnen und Aktivisten reist Kerstin Rudek gerne. Und doch ist das Wendland immer ihr Zuhause geblieben. Aufgewachsen als Einzelkind in der Nähe von Dannenberg, weiß sie früh, dass sie sich eine große Familie wünscht. Mit ihren sechs Kindern lebt sie später in einem gemütlichen Fachwerkhaus in Pretzetze, einem Ortsteil der Gemeinde Langendorf, der nur zehn Häuser hat. Viel Platz, weite Felder, plattes Land und ein schönes großes Haus für die Familie. Aber anonym leben, das geht im Wendland nicht: «Alle wissen hier alles. Der Buschfunk ist schneller als die Elbe-Jeetzel-Zeitung.» Kerstin Rudek lacht. Durch den Protest sei eine besondere Wendland-DNA gewachsen: «Wir haben hier einen wahnsinnigen Zusammenhalt, weil wir uns gemeinsam gegen etwas gestellt und neue Utopien gesucht haben.» Zahlreiche Kulturangebote, der Zuzug von Kunstschaffenden und eine aktive gesellschaftliche Debattenkultur seien daraus resultiert.

Dass das Wendland eine besondere Region ist, erkennt man auch nach Jahren ohne Castor-Protest auf den ersten Blick: Die Flagge der Freien Republik Wendland mit der orangefarbenen Sonne weht auf vielen Dächern. Plakate aus den Castorzeiten zieren Wohnzimmerwände – und auch das gelbe «X», das unverwechselbare Zeichen des Widerstands gegen die Atommülltransporte im Wendland, wird noch immer nicht vom Hof geräumt.

Ein hart errungener Sieg – nach über vier Jahrzehnten

Besondere Bekanntheit erlangt im Wendland ein Ort: Gorleben. Eine Gemeinde, in der gerade einmal knapp 600 Menschen leben. Ein Name, den ganz Deutschland kennt. Erst kürzlich sind die Wenden aus dem Wendland, so die Bezeichnung für die Bevölkerung des Landkreises Lüchow-Dannenberg, wieder überall in den Nachrichten. Nach 43 Jahren andauerndem Protest endlich mit einem Grund zur Freude: Am Abend des 27. Septembers 2020 sickert der Beschluss der Bundesgesellschaft für Endlagerung durch, dass Gorleben endgültig von der Liste der möglichen Atommüllendlager gestrichen wird. Bei Kerstin Rudek trudeln zahlreiche Glückwunsch-SMS ein. Auf ihrer Facebook-Seite häufen sich die Nachrichten. «Du und wir alle, wir haben es geschafft! Gorleben soll leben.»

Eine Entscheidung, da ist sich Kerstin Rudek sicher, die ihnen nicht geschenkt, sondern die erstritten wurde: «Die hätten 1977, als Gorleben zum nuklearen Entsorgungszentrum erklärt werden sollte, das volle Programm durchgezogen. Ohne den Protest hätte es hier eine Wiederaufbereitungsanlage gegeben. Es würden nicht 113 hoch radioaktive Castorbehälter in der Zwischenlager-Kartoffelscheune in Gorleben stehen und vor sich hinstrahlen und genetische Schäden verursachen, sondern 420. So viele Stellplätze gibt es da nämlich.»

Eine Reihe von Treckern auf einer sommerlichen Landstraße. Auf dem Trecker vorne ein Schild mit der Aufschrift: "Gorleben ist ein regionales Problem .. wie Tschernobyl."
Der Widerstand der »Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg» ist eng mit der Umweltbewegung verknüpft. Bei Castortransporten war wegen der schweren Gefährte oftmals kein Durchkommen. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Auf einer Landstraße ist eine etwa ein Meter hohe Straßensperre mit Sandsäcken eingerichtet. Es stehen einige Leute darum herum.
Der wendländische Widerstand ist kreativ, bunt und vielfältig. Sandsäcke finden hier sowohl bei Elbhochwasser als auch gegen Atommülltransporte sinnvolle Anwendung. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern zieht durch eine von Fachwerkhäusern gesäumte Straße, voran ein Banner mit der Aufschrift «Gorleben ist kein Atomklo!»
Nicht erst seit «Fridays for Future» engagieren sich junge Menschen gegen Atomkraft: Diese Schülerinnen und Schüler protestierten bereits 2005 gegen das geplante atomare Endlager in Gorleben. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Zahlreiche Polizisten in Kampfmontur, im Vordergrund ist ein eine junges Mädchen zu sehen, die schreit, weil die sehr grob von einem Polizisten angefasst wird.
Immer wieder erfahren Menschen, die sich für den Klimaschutz einsetzen, starke Repressionen durch Polizeigewalt. Davon können die Protestierenden aus den aktiven Castorjahren mancherlei Geschichten erzählen. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
In einem herbstlichen Wald steht eine große Halle, davor mindestens 10  weiße Spezialbehälter auf Bahnwaggons. Das Gelände ist abgesperrt, davor stehen zahlreiche Polizeiwagen.
Jetzt nur noch Mahnmal: Der Castor-Verladebahnhof in Dannenberg. Hier wurden über die Jahre insgesamt 113 Behälter verladen, die nun in der «Kartoffelscheune», dem atomaren Zwischenlager in Gorleben, lagern. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Auf Bahnschienen sitzen sich eine Handvoll junger Menschen in warmer Kleidung gegenüber, im Hintergrund sind zahlreiche Polizisten in Kampfmontur zu sehen.
Der Protest gegen die Castortransporte fand nicht nur am Zielort in Gorleben statt. Bereits 70 Kilometer davor wurden Protestaktionen – wie beispielsweise Gleisblockaden – durchgeführt. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Ein bunte Demo-Szenerie: Unter anderem zu sehen ist ein selbstgebasteltes gelbes Ortsschild, auf dem zu lesen ist: «Fukukshima ist überall.»
Nach Fukushima erhielt die Anti-Atom-Bewegung erneut großen Zuwachs. Als Folge der Massenproteste kam 2011 dann endlich der Ausstieg aus der unberechenbaren Atomkraft. Foto: Gorleben-Archiv e.V.
Auf einem Stuhl sitzt eine Frau mit ihrem Dackel, der einen Strickpullover trägt; in den ist ein gelbes Kreuz eingestrickt.
Mit Kind, Kegel und natürlich auch dem Hund im Widerstand: Das gelbe «X» ist im Wendland zum klaren Erkennungszeichen gegen das geplante Atomkraftendlager geworden – und geblieben. Foto: Gorleben-Archiv e.V.

Ein klares Ja zum Aktivismus

Kerstin Rudek spricht mit Nachdruck – und auch ihr Ja zum Aktivismus war immer ein entschiedenes. Selbst wenn das Privatleben dafür zurücksteht. Als sechsfache Mutter musste sie das durchaus öfter diskutieren: «Manchmal standen meine Kinder vor mir und fragten: ‹Du willst dieses Wochenende schon wieder zu einer Demo? Und wir sollen wieder mitkommen?›» Erneut das herzliche Lachen von Kerstin Rudek. «Aber meine Kinder wurden dadurch politisiert, sie haben sich automatisch mit der Wehrhaftigkeit der Demokratie auseinandergesetzt. Auch sie wären heute sicher andere Menschen, wenn es Gorleben nicht gegeben hätte.»

Inzwischen sind ihre Kinder ausgezogen und Kerstin Rudek studiert Politikwissenschaften und Soziale Medien an der Leuphana Universität Lüneburg. An freien Tagen genießt sie es, Fahrrad zu fahren, schwimmen zu gehen und zu singen. Aber frei haben? Als Aktivistin muss man sich selbst freinehmen. Gerade war Kerstin Rudek wieder fünf Tage mit dem Bündnis «Castor stoppen» unterwegs, um gegen den Transport von aufgearbeitetem deutschem Atommüll aus dem englischen Sellafield ins hessische Biblis zu demonstrieren. Dieser sei Ausdruck der weiterhin ungelösten Atommüllproblematik.

Aktivistische Langeweile, die kam bei ihr auch nach dem 2011 beschlossenen deutschen Atomausstieg nie auf. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in dem internationalen Anti-Atom-Netzwerk «Don’t Nuke the Climate», das erreichen will, dass die energiepolitischen Fehler Deutschlands nicht in anderen Ländern wiederholt werden: «Wenn man sich anschaut, wo jetzt noch Atomkraft propagiert wird, dann sind das alles Staaten, die man nicht wirklich Demokratie schimpfen kann», sagt Kerstin Rudek. Durch die Teilnahme an Weltklimagipfeln wollen die Netzwerkenden ihre langjährigen Erfahrungen international austauschen und damit solidarische Unterstützung leisten.

Spielräume nutzen – und immer laut bleiben

«Und mein Ärger ist nichts wert, wenn von ihm keiner erfährt. Empört euch! Denn diese Welt, sie gehört euch.» Noch so eine Songzeile von Rainer von Vielen, der Lieblingsband von Kerstin Rudek. Gegen Ungerechtigkeit will auch sie laut werden – weil sie es kann: «Mir ist es wichtig, dass wir die Spielräume, die wir hier haben, nutzen. Unsere Meinungsfreiheit ist relativ geschützt. Wir bekommen Verfahren an den Hals, wenn wir zivilen Ungehorsam leisten. Aber in vielen Ländern können Menschen gar nicht demonstrieren. Sie landen dafür im Knast oder bekommen hohe Geldstrafen.»

Kerstin Rudek denkt daher gar nicht ans Aufhören. Einen großen Teil ihres Engagements widmet sie auch heute noch der Anti-Atom-Bewegung. Außerdem setzt sie sich für Asylrechte, Umweltschutz und bei antirassistischen Protesten ein. «Wir sollten nicht fragen: ‹Was nützt es, zu demonstrieren?› Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch einen Unterschied macht», sagt sie. Für Gorleben, das wurde kürzlich noch einmal kräftig unterstrichen, hat Kerstin Rudek ganz sicher einen Unterschied gemacht.

 

23. November 2020 | Energiewende-Magazin