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Der Sonnendemokrat

Dirk Vansintjan, Stromrebell 2019: Ein Porträt von Petra Völzing

Stromrebell 2019: Dirk Vansintjan kämpft seit über 30 Jahren für den Ausbau der Erneuerbaren und die Demokratisierung der europäischen Energieversorgung.

Die Klimakrise nimmt spürbar Fahrt auf. Bei sommerlicher Hitze ist das Schönauer Stromseminar für alle Beteiligten eine ziemliche Herausforderung. In einer Pause sitzt Dirk Vansintjan bei 35 Grad im Schatten auf einer Bierbank und erzählt, wie es sich zugetragen hat, dass er im belgischen Flandern eine Energiegenossenschaft gründete, die heute mit mehr als 58.000 Mitgliedern eine der größten in Europa ist.

Zwischendurch unterbricht er das Gespräch, um gemeinsam mit einem Seminarteilnehmer voller Leidenschaft ein flämisches Lied anzustimmen. Nach der kurzen Musikeinlage berichtet er von einer echten Sensation: Gemeinsam mit einem Bündnis aus europäischen Energiegenossenschaften will Vansintjan den kommunalgetragenen niederländischen Energiekonzern «Eneco» übernehmen – für drei Milliarden Euro.

Der Einstieg in die Erneuerbaren: eine alte Wasserturbine

Zart lächelnder grauhaariger Mann mit Bart und Brille
Foto: Marc Eckardt

Begonnen hatte das alles mit einer alten Mühle: «Es war Mitte der 1980er-Jahre, da wollte ich Biobauer werden und suchte nach einem geeigneten Bauernhof. Gefunden habe ich dann eine alte Mühle mit einer Wasserturbine, die auch Strom erzeugen konnte», erzählt er schmunzelnd. Gemeinsam mit seiner Familie und Freunden restaurierte er das historische Gemäuer und richtete die Wasserturbine wieder her – um anschließend feststellen zu müssen, dass sie den überschüssigen Strom, den sie damit erzeugten, nicht an den Energiemonopolisten verkaufen konnten. «Sie verlangten sogar Geld dafür, dass wir den Strom einspeisen durften.»

Es sollte fünf Jahre dauern, bis Dirk Vansintjan und seine Mitstreiter mithilfe ihrer eigens gegründeten Lobby-Organisation «Organisatie voor Duurzame Energie» (Organisation für nachhaltige Energie) eine Einigung mit dem Monopolisten erzielten, die es ihnen erlaubte, den selbst erzeugten Strom gegen eine Vergütung einzuspeisen.

Vor diesem Hintergrund gründete Dirk Vansintjan 1991 mit acht Mitstreitern an seinem Küchentisch die Energiegenossenschaft «Ecopower», um mit der Installation von Windrädern und Photovoltaikanlagen den Ausbau der Erneuerbaren in Belgien voranzutreiben. Sein kritischer und widerständiger Geist, gepaart mit den Erfahrungen aus dem Konflikt mit dem monopolistischen Energiekonzern, brachten ihn zu der Überzeugung, dass eine umfassende Demokratisierung der Energieversorgung unverzichtbar sei.

Vom Kleinversorger zur großen Energiegenossenschaft

Doch erst mit der Liberalisierung des belgischen Strommarkts 2003 hatte Ecopower auch die Möglichkeit, als Energieversorger tätig zu werden. Die Genossenschaft begann mit der Versorgung von zehn Haushalten. Heute hat die Genossenschaft mehr als 58.000 Mitglieder und ist die größte Bürgerenergiegenossenschaft Belgiens.

Wer von Ecopower versorgt werden möchte, muss Genossenschaftsmitglied werden. Ein Anteil ist für 250 Euro zu haben, maximal 20 Anteile werden pro Person ausgegeben. «Unsere Mitglieder halten durchschnittlich Anteile im Wert von 1.000 Euro», sagt Vansintjan. Mittlerweile betreibt Ecopower 24 Windräder, drei Wasserkraftwerke und 300 Solaranlagen mit einer Produktion von 90 Gigawattstunden im Jahr: genug, um den weiterhin wachsenden Kundenkreis zu versorgen.

Vertrauen schaffen wir nur mit maximaler Transparenz.

Dirk Vansintjan, Präsident REScoop.eu

Ein bisschen stolz ist Vansintjan darauf, dass Ecopower in den nationalen Zufriedenheitsrankings in Bezug auf Stromversorger immer ganz oben steht. Die Kundinnen und Kunden sind mit Herz und Verstand dabei, was man an der Tatsache ablesen kann, dass ihr Stromverbrauch bei der Hälfte des belgischen Durchschnitts liegt. «Zudem sind wir sehr günstig, weil wir beim Stromverkauf auf Profite verzichten», erklärt er. Ecopower erwirtschaftet seine Gewinne über das belgische Fördersystem für Erneuerbare Energien. Damit haben Erzeuger von Ökostrom im Rahmen eines Quotensystems die Möglichkeit, Grünstromzertifikate an Stromversorger zu verkaufen, die die gesetzliche Grünstromquote nicht erfüllen.

Wichtiges Grundprinzip der Genossenschaft ist es, jederzeit alle Erzeugungsdaten offenzulegen: «Nur mit maximaler Transparenz können wir echtes Vertrauen schaffen», ist Dirk Vansintjan überzeugt. Anhand dieser Daten will er auch für Kommunen nachvollziehbar machen, welche Gewinne die Projektierer von Windenergieanlegen erwirtschaften und wie viel Geld der Kommune zugutekäme, wenn die Anlage der Kommune selbst gehören würde. Eine pekuniäre Motivationshilfe, sozusagen.

Heute hat Ecopower 44 Angestellte. Dirk Vansintjan arbeitet nur noch 50 Prozent seiner Zeit für die Genossenschaft. Die andere Hälfte ist er auf dem politischen Parkett unterwegs. «Ich sage gern, die Hälfte meiner Zeit verbringe ich mit echter Arbeit, den Rest damit, Worte zu machen», sagt er und lacht. Mit «Worten» meint er sein politisches Engagement für Energiegenossenschaften in Europa. Weitere Steckenpferde sind die Restaurierung alter Gebäude und das Müllerhandwerk.

Dirk Vansintjan lebt auch heute noch mit seiner Frau und einigen Freunden in der alten Mühle. Seine zwei Töchter sind inzwischen erwachsen. Die Wasserturbine haben sie so umgebaut, dass sie neben der Erzeugung von Strom auch zum Mahlen von Getreide benutzt werden kann. «Wenn ich Zeit habe, dann biete ich in der Mühle Workshops an und zeige Interessierten, wie Getreide zwischen den alten Mahlsteinen zu Mehl verarbeitet wird», erzählt er.

 

Ernst dreinblickender grauhaariger Mann mit Bart und Brille
Foto: Marc Eckardt

Vernetzung auf europäischer Ebene

Wie aber kam es, dass Dirk Vansintjan seinen Aktionsradius vom beschaulichen Flandern auf ganz Europa ausdehnte? Sein Erweckungserlebnis war die Anfrage einer französischen Energiegenossenschaft im Jahr 2008. «Bis dahin dachten wir, dass wir mit unserem genossenschaftlichen Konzept einzigartig seien», bemerkt er mit einem Augenzwinkern, dann habe sich diese französische Genossenschaft gemeldet und um Hilfe gebeten. Sie war in Konflikt mit dem französischen Energiekonzern «Électricité de France SA» (EDF) geraten, weil sie dort Ökostrom für ihre Mitglieder beziehen wollte und dafür eine Bankbürgschaft benötigte.

Alternativen zur EDF existierten damals nicht, da der Staatskonzern zu jener Zeit noch das Energiemonopol hielt. Gemeinsam mit Ecopower gelang es der französischen Genossenschaft schließlich, das Problem zu lösen – und Dirk Vansintjan kam zu der Überzeugung, dass es ebenso sinnvoll wie notwendig sei, sich in Energiefragen auch auf europäischer Ebene zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen.

Ich bin ein Lobbyist.

Dirk Vansintjan, Präsident REScoop.eu

2012 startete für Vansintjan mit dem EU-Programm «Intelligente Energie – Europa (IEE)» die aktive Arbeit auf europäischer Ebene. Das Programm bot erstmalig eine Plattform zum europaweiten Austausch von Bürgerenergiegenossenschaften. Daraus resultierte 2013 die formelle Gründung von REScoop.eu, dem europäischen Verband für Bürgerenergiegemeinschaften. Dirk Vansintjan war von Anfang an Präsident des Verbands und hat in dieser Funktion erheblichen Einfluss auf die politische Arbeit in Brüssel. «Ich bin tatsächlich ein Lobbyist geworden», sagt er, erklärt aber im gleichen Atemzug, was er damit meint: «Wir sind Lobbyisten, denen es nicht um Geld geht. Uns geht es um ethische Ziele», so Vansintjan. «Weshalb es natürlich sehr schwer ist, gegen uns zu sein», setzt er mit amüsiertem Lächeln nach.

Endlich Verbesserungen für die Bürgerenergie

Einen großen Erfolg konnte REScoop.eu Ende 2018 mit der neuen EU-Richtlinie für die Erneuerbaren Energien, dem sogenannten «Winterpaket», verbuchen. Vansintjan und seinen Mitstreitern gelang es, in der Richtlinie eine deutliche Besserstellung für Bürger und Bürgerenergieakteure zu verankern. «Zum ersten Mal wird in diesem Rahmen der Mensch als Bürger adressiert. Das ist eine ganz wichtige Errungenschaft, denn zuvor hatte die EU den Menschen überwiegend in seiner Rolle als Verbraucher im Blick», erläutert er.

Lokal und bürgernah zu agieren steht auch weiterhin im Fokus seiner Arbeit. So berät er neben seiner Arbeit für Ecopower und REScoop.eu Kommunen in Flandern dabei, wie sie die Energiewende auf lokaler Ebene vorantreiben können. Im Rahmen von EU-Projekten hat er für diese Arbeit praxisnahe Informationspakete und Hilfestellungen entwickelt, zum Beispiel für Projektmanagement oder Finanzierungsfragen. Wichtig ist ihm auch bei der kommunalen Arbeit das Erreichen von Akzeptanz durch die Einbindung der Menschen. «Meiner Erfahrung nach ist es am wichtigsten, dass die Gewinne aus der Energieerzeugung vor Ort bleiben», sagt er – das überzeuge letztlich Menschen jeglicher politischer Couleur.

Nächstes Ziel: die Übernahme von Eneco

Ernst dreinblickender grauhaariger Mann mit Bart und Brille, Hand an Kinn
Foto: Marc Eckardt

Der weitere Coup, der jetzt ansteht, hat gigantische Dimensionen. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass Eneco, der größte niederländische Stromversorger, zum Verkauf steht. Der Konzern mit zwei Millionen Kunden und 6.000 Mitarbeitern ist im Besitz von 44 niederländischen Kommunen und arbeitet fast ausschließlich im Bereich der Erneuerbaren Energien. Zuletzt hat er den deutschen Ökostromversorger Lichtblick zu 100 Prozent übernommen.

Verkauft werden soll der grüne Energieriese in diesem Jahr in einem Auktionsverfahren. Zu den Interessenten gehört auch der Ölkonzern Shell. «Wir wollen natürlich verhindern, dass Eneco als kommunal geführtes und grünes Unternehmen an einen dreckigen Konzern fällt», so Vansintjan kämpferisch. Deshalb haben einige REScoop-Mitglieder eine Allianz gebildet, um gemeinsam für Eneco, dessen Wert mit drei Milliarden Euro angesetzt ist, zu bieten. Der Ausgang ist ungewiss, aber Vansintjan rechnet sich Chancen aus, weil viele, vor allem die kleineren kommunalen Anteilseigner von Eneco, einem Verkauf an Shell kritisch gegenüberstehen.

Man muss kein Ingenieur sein, um die Erneuerbaren Energien voranzubringen.

Dirk Vansintjan, Präsident REScoop.eu

Dirk Vansintjan hat als kreativer Kopf bei den Erneuerbaren Energien weniger die Technik als die gesellschaftlichen Aspekte im Blick. «Man muss kein Ingenieur sein, um die Erneuerbaren Energien voranzubringen», sagt er – und die Erfahrung gibt ihm recht. Einst hat er Englische Linguistik studiert, war aber auch schon früh in der Umweltbewegung aktiv: «In den 1970er-Jahren, mit 15 bis 17 Jahren, war ich mit der Jugendgruppe ‹Grüne Radler› gegen die Dominanz des Autoverkehrs, den Straßenbau und die Verwendung von Plastik aktiv», erzählt er. Ende der 70er-Jahre gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der flämischen grünen Partei «Agelelev» (heute «Groen»), in der er bis heute tätig ist.

Zuletzt kandidierte er bei den Europawahlen auf der Liste von Groen und erhielt knapp 18.000 Stimmen. Einen Sitz im EU-Parlament bekam er nicht, das war aber auch nicht seine Intention gewesen: «Ich habe mich zur Kandidatur bereit erklärt, um die Groen zu unterstützen, denn sie setzen sich stark für die Interessen von Bürgerenergiegenossenschaften ein.» Für ihn als Umwelt- und Klimaschutzakteur hat der Aspekt der Bürgerbeteiligung immer eine unverzichtbare Rolle gespielt. «Der Umbau der Energiesysteme darf nicht an den Menschen vorbei umgesetzt werden – das ist meine tiefste Überzeugung.»

So können sich viele Menschen in Europa glücklich schätzen, dass Dirk Vansintjan einst an eine Mühle mit Wasserturbine geraten ist: «Stellt euch vor, ich hätte eine alte Brauerei gefunden, dann würde ich heute das Stromseminar mit meinem Bier beliefern.» Sagts und lacht schallend.

 

 

18. Juli 2019 | Energiewende-Magazin