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Eine Kampagne ebnet den Weg

Teil 5 der EWS-Geschichte von Bernward Janzing

Wie die Stromrebellen 5,7 Millionen Mark aufbringen und einen Teil davon zurückklagen.

Was bisher geschah: Die Stromrebellen haben auch den zweiten Bürgerentscheid in der Gemeinde gewonnen, der Netzübernahme steht eigentlich nichts mehr im Wege. Doch jetzt stellt sich eine ganz andere Frage: Woher sollen die dafür nötigen Millionenbeträge kommen?

Politisch, das muss der Stromversorger KWR zunehmend akzeptieren, ist das Schönauer Bürgerprojekt kaum mehr zu stoppen. Es geht also nun um Abschreckung. Da bleibt als einzige Option der Kaufpreis des Netzes. Und so präsentiert das Unternehmen am 25. Oktober 1994 seine Preisforderung: 8,7 Millionen Mark sei das Schönauer Netz wert. Ein Gutachten habe das ergeben.

Ursula Sladek, Mitbegründerin der EWS, zur Bewertung des Schönauer Stromnetzes

8,7 Millionen Mark!  Mancher Beobachter sieht das Netzkauf-Projekt schon scheitern. Michael Sladek unterdessen strahlt weiterhin Gelassenheit aus. «Schönau hat offenbar das wertvollste Stromnetz der ganzen Republik», kommentierte er trocken in diesen Oktobertagen. Für ihn ist offenkundig, dass die KWR an dem genannten Betrag nicht werden festhalten können.

Das Unternehmen fühlt sich gleichwohl auf der sicheren Seite – man hatte schließlich einen namhaften Gutachter herangezogen. Die Zahl von 8,7 Millionen steht in einem Gutachten der WIBERA Wirtschaftsberatung aus Stuttgart. Und die ist in der Branche angesehen, sie ist der damalige Haus-und-Hof-Gutachter der Gemeinden und Kommunalunternehmen.

Verwegen kalkuliert – und verrechnet

So steht die Kompetenz der WIBERA nun gegen das Vorhaben der Stromrebellen – man hätte vor Ehrfurcht erstarren können. Doch Michael Sladek und seine Mitstreiter zeigen sich eher belustigt über die verwegenen Kalkulationen. Denn längst haben sie selbst gerechnet und rechnen lassen. Mit deutlich anderem Ergebnis: Die Zwei-Mann-Firma BET aus Aachen hat einen Wert des Netzes von lediglich 3,95 Millionen Mark ermittelt.

Die Gründe dafür werden beim Blick in die Gutachten offenkundig: Die WIBERA setzt die vorhandenen 20-kV-Erdkabel mit einem Wiederbeschaffungswert von 3,3 Millionen Mark an, BET hingegen mit nur 1,3 Millionen Mark. Oder: Die WIBERA kalkuliert für jeden Stromzähler einen Wiederbeschaffungswert von 75 Mark – als käme der Installateur für jeden Zähler extra angefahren. BET rechnet dagegen – realistischer – mit nur 30 Mark.

Zudem ist selbst das sogenannte Mengengerüst der beiden Gutachter unterschiedlich. BET hat 21 Kilometer Kabel angesetzt, nachdem ein Student das KWR-Netz eigens für die Bürgerinitiative vermessen hatte. Die WIBERA hingegen geht von 33 Kilometern aus. Dieses Missverhältnis klärt sich jedoch bald: BET hat recht.

Ein cleverer Schachzug: erst zahlen, dann klagen

Wie auch immer die Preisforderung am Ende aussehen würde – längst ist klar geworden, dass es die Gerichte sein würden, die über den Kaufpreis entscheiden. Das Verfahren würde sich allerdings über Jahre hinziehen, und damit den Start des Schönauer Ökostromversorgers weit in die Zukunft verschieben. Das aber würde dem ganzen Unternehmen die Dynamik nehmen – mit ungewissem Ausgang. Also entscheiden sich die Stromrebellen dafür, den überhöhten Preis zu bezahlen, wie hoch er auch immer am Ende sein möge. Doch sie werden unter Vorbehalt zahlen. Den überhöhten Anteil wollen sie dann auf dem Klageweg zurückfordern.

Damit stellt sich gleichwohl die Frage, woher das Geld kommen soll. Seit geraumer Zeit schon sind die EWS mit der GLS Bank in Kontakt. Diese war im Jahr 1974 als «Gemeinschaft für Leihen und Schenken» in Bochum von anthroposophisch geprägten Idealisten gegründet worden – und ist bis heute ein Unikat in der deutschen Bankenlandschaft. Denn sie legt Wert darauf, das von Kunden angelegte Kapital «sinnstiftend einzusetzen».

Mit Geld ist auch Verantwortung verbunden – und die sollte man nicht am Bankschalter abgeben.

Thomas Jorberg, GLS Bank

«Die EWS und die GLS Bank sind wie für einander geschaffen», sagt Bankchef Thomas Jorberg. Zumal der Schritt für die Bochumer Bank nur konsequent ist. Bereits im Jahr 1987 hatte sie das erste Windrad finanziert und sich damit bundesweit als Vorreiter im noch unbekannten Markt der Erneuerbaren Energien präsentiert. Die Perspektive, nun weitergehen zu können und statt einzelner Anlagen ein Gesamtkonzept ökologischer Stromversorgung zu fördern, reizt die Bochumer Ökonomen sichtlich.

Millionen aus Bürgerhand

Schon im Dezember 1993 stellt die GLS Bank einen speziellen Fonds vor, der das Eigenkapital für den Netzkauf einsammeln soll. Ab 5.000 Mark Einlage können Investoren einsteigen, die Laufzeit beträgt 15 Jahre. 2,4 Millionen Mark kommen auf diese Weise zusammen. Weitere 1,7 Millionen Mark bringen Menschen aus der ganzen Republik durch direkte Beteiligung am Netzkaufprojekt auf. Damit liegen bald vier Millionen Mark aus Bürgerhand auf den Konten.

Aber man braucht zudem Spenden – und zwar auch aus formalen Gründen. Denn die Elektrizitätswerke brauchen eine Teilfinanzierung, die nicht als Eigenkapital zählt. So absurd es klingt: Selbst wenn die Netzkauf die geforderten 8,7 Millionen Mark an Eigenkapital aufbrächte, würde das Wirtschaftsministerium den Betrieb des E-Werks nicht genehmigen. Denn bei einem Kaufpreis von 8,7 Millionen Mark wäre keine angemessene Eigenkapitalrendite absehbar. Rentabilität jedoch ist für die Aufsichtsbehörden Voraussetzung für eine Bewilligung nach dem Energiewirtschaftsgesetz. Irgendwoher müssen also Spenden kommen.

Ich bin ein Störfall

Slogan der EWS-Spendenkampagne 1996

Und so starten die Schönauer mit Unterstützung der GLS im Frühjahr 1996 ein verwegenes Projekt: Sie bitten die 50 größten deutschen Werbeagenturen darum, eine Spendenkampagne für die EWS zu entwerfen. Mit zwei Bedingungen: Erstens darf die Kampagne nichts kosten. Und zweitens darf die Agentur keine Verbindungen zur etablierten Stromwirtschaft unterhalten.

Ursula Sladek über die Störfall-Kampagne

Der Zuschlag geht an die Frankfurter Werbeagentur D'Arcy, Masius, Benton & Bowles (DMB&B), die später von der Agentur Publicis übernommen wird. In der Geschäftsleitung von DMB&B ist der ungewöhnliche Auftrag umstritten. Ob man sich damit nicht potenzielle Kunden aus der etablierten Stromwirtschaft vergrätzt? Doch am Ende setzen sich die hausinternen Befürworter durch. Heraus kommt der Slogan «Ich bin ein Störfall».

Sodann werden Bildmotive ausgewählt, ein ganzes Dutzend. Sie reichen von Baby Hanna («9 Monate, Stofftiersammlerin und Störfall») bis zu Landwirt Ludwig Schad («Hobbygärtner und Störfall»). Und immer steht der gelbe Balken mitten im Bild: «Ich bin ein Störfall». Die Fotografen arbeiten kostenlos, die Models ohnehin. Dann werden T-Shirts im entsprechenden Design gedruckt.

DMB&B präsentiert Kampagne und Slogan am 10. September 1996 zeitgleich in Frankfurt, Freiburg, Hamburg und München. Bundesweit erscheinen die Anzeigen daraufhin in Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau und Zeitschriften wie dem Manager-Magazin.

Bundesweite Resonanz

Kinospot für die Störfall-Kampagne

Auch der SPIEGEL schreibt über die Kampagne, nennt sie eine «spektakuläre Aktion». Begeistert von der öffentlichen Resonanz schiebt die Agentur noch einen Fernsehspot nach. Kinos zeigen ihn kostenlos, Fernsehsender ebenso. Und für das Radio wird ebenfalls eine Fassung aufgenommen. Die Rechnung geht auch für die Agentur auf, sie hat sich im umkämpften Werbemarkt neu positioniert.

Für die Stromrebellen wird die Störfall-Aktion ohnehin zum Erfolg, denn aus der ganzen Republik kommt Unterstützung: Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Naturschutzbund (NABU) und der World Wide Fund for Nature (WWF) rufen bundesweit zu Spenden auf.

Zeitgleich beginnt der Preis des Netzes zu bröckeln. Die KWR müssen im Oktober 1996 eingestehen, bislang mit einem viel zu hohen Preis operiert zu haben. Statt 8,7 Millionen sei das Netz nur 6,5 Millionen Mark wert. Aus Sicht der Netzkäufer ist das zwar noch immer zu viel. Doch entsprechend ihrer Strategie «kaufen und dann klagen» lassen sie sich nicht beirren.

Längst schwant den KWR, dass das WIBERA-Gutachten alles andere als gerichtsfest ist. Und so stutzt das Unternehmen im März 1997 seine Preisforderung ein zweites Mal zurecht – auf nunmehr 5,7 Millionen Mark. Doch die EWS finden den Preis noch immer zu hoch. Es bleibt also weiterhin dabei: Man wird zahlen und die Gerichte bemühen.

Netzübernahme und neues Gutachten

Am Vormittag des 1. Juli 1997 gehen auf dem Konto der KWR die geforderten 5,7 Millionen Mark ein. Ein langer Kampf um Millionenbeträge hat damit ein vorläufiges Ende gefunden. Um 12 Uhr dieses eher kühlen Sommertages geht das Schönauer Stromnetz in die Hände der Stromrebellen über. Martin Halm wird als Geschäftsführer der erste Angestellte des Unternehmens.

Martin Halm, heute Geschäftsführer der EWS Netze GmbH, über die Anfänge der EWS

Doch nun geht es vor Gericht weiter. Fünf Jahre haben die EWS laut Kaufvertrag Zeit, einen Teil des Geldes zurückzufordern. Und weil die Klage juristisch etwas verzwickt ist, zieht sich das Verfahren hin. Der erste Verhandlungstag – und zugleich der letzte – ist der 7. Juni 1999. Die Kontrahenten einigen sich auf einen gemeinsamen Obergutachter, einen Wirtschaftsprüfer aus Bielefeld. Der soll nun den beiden Wertgutachten von EWS und KWR noch ein drittes hinzufügen. Dabei gilt es fast schon als ausgemacht, dass das Gericht einem solchen Gutachten in seiner Rechtsprechung folgen wird.

Vergleich führt zur Millionen-Zurückzahlung

Als das Gutachten aus Bielefeld vorliegt, ist dessen Tenor aus EWS-Sicht sehr erfreulich, wenngleich nicht wirklich überraschend. Der Gutachter kalkuliert den Wert des Netzes auf 3,5 Millionen Mark und liegt damit sogar noch um rund 400.000 Mark unter jenem Betrag, den der EWS-Gutachter im Jahr 1994 errechnet hatte.

Als das Gericht signalisiert, dem Gutachten folgen zu wollen, beenden die Parteien den Prozess im Juli 2005 mit einem Vergleich: Der zwischenzeitliche Rechtsnachfolger der KWR, die zum EnBW-Konzern gehörende Energiedienst AG, willigt in die Rückzahlung des Millionenbetrags ein.

Es ist ein Riesenerfolg für die Schönauer Stromrebellen: Nach einem fast sieben Jahre dauernden Rechtsstreit bekommen die EWS nun 2,3 Millionen Mark – fast 1,2 Millionen Euro – zuzüglich Zinsen erstattet.

Für die Firmengeschichte der EWS ist der Abschluss des Prozesses nicht nur finanziell, sondern auch symbolisch eine wichtige Wegmarke: Die Aufbauphase des deutschlandweit einzigartigen Energieversorgers in Bürgerhand ist damit abgeschlossen.

Bernward Janzing, geboren 1965 in Furtwangen im Schwarzwald, studierte zunächst Geografie, Geologie und Biologie in Freiburg und Glasgow. Heute ist er einer der bekanntesten Energiejournalisten Deutschlands. Für seine Arbeit erhielt er 2009 den UmweltMedienpreis der Deutschen Umwelthilfe e.V. Sein 2008 publiziertes Buch «Störfall mit Charme» beschreibt den Widerstand der «Schönauer Stromrebellen» gegen die Atomenergie. Zur Website von Bernward Janzing.

Und wie geht es weiter?

Lesen Sie weiter im Teil 6: Wie aus einem kleinen Unternehmen ein bundesweit bedeutender Ökostromanbieter wird. Abonnieren Sie unseren Newsletter, damit wir Sie rechtzeitig über die nächste Ausgabe des EWS Energiewende-Magazins informieren können.

10. Juli 2017 | Energiewende-Magazin