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Winterliche Sonnenwende am Hochrhein

Ein Bericht von Tom Jost

Selten, aber gut: Drei Genossenschaften stemmen gemeinsam eine große Solaranlage auf der alten Deponie Herten.

Eine Mülldeponie, das war früher häufig bloß ein Loch in der Erde oder eine Senke, die man nach und nach verfüllte. So auch in Rheinfelden an der Schweizer Grenze, wo die alte Kreisdeponie Herten bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Betrieb war. Anschließend kehrte – von einem zwischenzeitlich angegliederten kleinen Recyclinghof abgesehen – wieder Ruhe ein. Einerseits weil der Gesetzgeber verfügt, dass solche Altdeponien vor Ablauf von 30 Jahren nicht öffentlich zugänglich gemacht werden dürfen. Und außerdem: Was kann man mit solch einem Gelände schon anfangen?

Platz für knapp 12.000 Photovoltaik-Panels

Jetzt bekommt das fünf Fußballfelder große Areal für geplante 25 Jahre eine neue Nutzung. Drei Energiegenossenschaften, die «Bürgersolar Hochrhein» aus Rheinfelden, ihre Kollegen von der «Bürgerwindrad Blauen» und die EWS, haben im November gemeinsam den Startschuss für eine große Solarstromanlage gegeben. Seit die Baugenehmigung der Gemeinde vorliegt, können knapp 12.000 Photovoltaik-Panels montiert und angeschlossen werden. Die Erzeugungsleistung des Solarparks wird komplett ins Netz gespeist und dürfte, zurückhaltend kalkuliert, bei etwa drei Millionen Kilowattstunden pro Jahr liegen. Das ist so viel, wie gegenwärtig etwa 1.300 EWS-Kundenhaushalte verbrauchen. Verglichen mit der gleichen Menge an Braunkohlestrom werden der Atmosphäre dadurch jährlich mehr als 1.200 Tonnen CO2 erspart.

Solarprojekt mit Mehrfach-Vaterschaft

«Diese Solaridee hat vier oder fünf Väter», sagt Peter Schalajda, seines Zeichens Vorstand der Bürgerwindrad Blauen eG. Die kleine Genossenschaft hat zwar noch keine Windkraftanlage errichtet, war aber zwischenzeitlich bereits in Sachen Sonnenstrom aktiv. Mit 300 Mitgliedern ist die «Bürgersolar Hochrhein eG» aus Rheinfelden schon ein gutes Stück größer. «Eigentlich war die Idee, das Deponiegelände solar zu nutzen, 2011 sogar der Auslöser für unsere Gründung», sagt ihr Vorstand Martin Völkle. Fünf Jahre später hat die umtriebige Genossenschaft ihre 40. Photovoltaik-Anlage in Betrieb genommen, doch das Initialprojekt rutschte wegen seiner Dimension und Komplexität immer wieder nach hinten.

Man brauchte einen erfahrenen Projektführer – und der fand sich mit den Schönauer EWS in der Kreis-Nachbarschaft. Gemeinsam bewarben sich die Partner um die Vergabe, gemeinsam erhielt man den Zuschlag. Das ist umso bemerkenswerter, weil eine solche Kooperation in Deutschland immer noch ziemlichen Seltenheitswert trägt. Zwar gibt es rund eintausend Bürgerenergiegenossenschaften im Land, sie sind untereinander durchaus vernetzt und tauschen sich auf regionaler, Landes- oder auch Bundesebene oft befruchtend aus. Doch zu gemeinschaftlichen Investitionen in Projekte mit Erneuerbaren Energien kommt es so gut wie nie. Dennoch war bei allem Goodwill auch das EEG sehr wichtig: Eine so große Solar-PV-Freiflächenanlage muss nach geltender Gesetzeslage ins EEG-Ausschreibungsrennen, was die kalkulierte Rentabilität zunichtemachen kann. Die Deponie-Eigenschaft als «bauliche Anlage» ersparte ein letztes Mal dieses Prozedere und ermöglicht eine Einspeisevergütung nach dem EEG von 2014.

Bohren entspannt – den überwachenden Ingenieur

Wer einmal an einer Baubesprechung für eine Deponie-Solaranlage teilgenommen hat, weiß um Detailprobleme, die gern erst kurz vor Schluss auftauchen. Zwar sind Aspekte wie die Standfestigkeit hier schon lange geklärt: Der Deponiekörper hatte über 20 Jahre Zeit, sich zu verdichten – nachträgliche Bodenbewegungen sind also nicht zu erwarten, die die Ausrichtung der Module verändern würden. Aber welche Arbeitswege dürfen mit welchen Fahrzeugen befahren werden? Wo genau wird die Umzäunung errichtet? Wie wird sichergestellt, dass auch in der Bauphase das kleine Eidechsen-Biotop auf dem 15 Meter hohen Hügel unangetastet bleibt?

Vor allem darf die Folie nicht beschädigt werden, die den Hausmüll-Untergrund vor der Durchdringung mit Regenwasser schützt. Nach etlichen Klärungsfragen atmet Deponie-Ingenieur Volker Bischoff, der im Auftrag des Eigenbetriebs Abfallwirtschaft des Landkreises Lörrach das Bauvorhaben begleitet, hörbar auf: «Wenn für die Gestell-Fundamente nicht gerammt, sondern nur gebohrt wird, dann sind wir super-entspannt.» Klingt komisch, stimmt aber. Der Bohrer stoppt einen Meter über der Folie, Rammstöße könnten ihr in gleicher Tiefe viel eher zusetzen.

Baumaschinen auf dem Gelände des Solarparks Herten
Bei den Gründungsarbeiten für die Fundamente brauchte es Feingefühl. Die Schutzfolie im Boden darf nicht beschädigt werden. Foto: Albert Schmidt
Monteur bei Arbeiten an der Tragekonstruktion
Die knapp 12.000 Solarpanels benötigen eine Menge an Tragegestellen. Günstige Witterung erleichterte den schnellen Aufbau. Foto: Albert Schmidt
Solarpark Herten im Aufbau
Die Seitenansicht zeigt die Dimension der Anlage. Immerhin bedeckt die alte Deponie eine Fläche von etwa fünf Fußballfeldern. Foto: Albert Schmidt
Montage der Tragekonstruktion des Solarparks
Die alte Deponie galt mit etwa 12 Metern Höhe als "bauliche Anlage". Deshalb konnte eine Ausnahme im EEG genutzt werden. Foto: Albert Schmidt
Planzeichnung des Solarparks Herten
Der Plan zeigt die Ausrichtung der Module in Ost-West-Richtung. So wird die Tages-Solarstrom-Erzeugung gleichmäßiger.
Luftaufnahme des Solaparks Herten (Aufsicht)
Die Gesamtanlage wird noch vor dem Jahreswechsel 2016/2017 in Betrieb genommen. Foto: Julian Springhart
Luftaufnahme des Solaparks Herten (Schrägansicht)
Der Solarpark liegt direkt am Hochrhein. Foto: Julian Springhart

Finanzierung? Das allerkleinste Problem

Wegen der abgeschiedenen Lage zwischen Hochrhein und B 34 blieben dem Drei-Genossenschaften-Konsortium größere Auflagen erspart. Lärm produziert auch ein 12.000-Modulfeld nicht, «allenfalls ist zu bestimmten Jahreszeiten und Sonnenständen eine geringe Blendwirkung in Richtung der Bundesstraße zu erwarten», weiß EWS-Projektleiter Dr. Josef Pesch aus den vorliegenden Gutachten. «Aber durch den neuen Recyclinghof und den umgebenden Zaun wird sie minimiert oder ganz vermieden.» Auch die Rheinfeldener Bürgerschaft äußerte keinerlei Bedenken und verzichtete deshalb auf die Teilnahme an einem angesetzten Erörterungstermin im August. Das, sagte Oberbürgermeister Klaus Eberhardt, habe er noch nie erlebt.

Dass keiner allein entscheiden kann, ist ein sehr kameradschaftliches Verfahren.

Peter Schalajda, Vorstand der Bürgerwind Blauen eG

In der künftigen Betreibergemeinschaft sind die Bürgersolar Hochrhein eG und die Bürgerwindrad Blauen eG mit jeweils etwa 25 Prozent und die Elektrizitätswerke Schönau mit knapp unter 50 Prozent der Anteile vertreten. Das bedeutet, dass nie nur eine Genossenschaft entscheiden kann, sondern immer um Zustimmung geworben werden muss. «Ein sehr kameradschaftliches Verfahren», freut sich «Blauen»-Vorstand Peter Schalajda. Im gleichen Verhältnis müssen freilich auch die Investitionskosten von rund 2,6 Millionen Euro gestemmt werden. Es scheint das allerkleinste Problem zu sein: Bei der Blauen eG sind in ganz kurzer Frist 20 Prozent mehr Kapitalzusagen eingegangen, als man für den Eigenanteil überhaupt benötigte. Und Martin Völkle hat schon seit Jahren mehr Mitgliedergeld auf dem Konto, als man trotz aller Bemühungen verbauen konnte: «Die Leute sehen, dass wir was tun und bisher immer Gewinne gemacht haben. Bei uns gibt es deswegen zwar keinen Aufnahme-, aber einen Anteilerhöhungsstopp.» Auch die Mitglieder der EWS Schönau eG profitieren über ihre Jahresdividende von der neuen Anlage.

Bis Ende des Jahres «gehört» die Deponiefläche jetzt den Solarmonteuren. Die bisher recht milde Witterung hat die Aufbau- und Leitungsarbeiten begünstigt. Und Projektleiter Josef Pesch ist sich sicher, dass die große Solaranlage – zeitnah zur Wintersonnenwende – noch vor dem Jahreswechsel in Betrieb gehen wird.

27. Dezember 2016 | Energiewende-Magazin