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«Die Grenzen des Wachstums sind längst erreicht»

Der Ökonom Niko Paech im Gespräch mit Tom Jost

Technischer Fortschritt kann Wachstum nicht von ökologischen Schäden entkoppeln. Was bleibt, ist der Anlauf zu einer Postwachstumsökonomie.

Herr Paech, in Ihrer Heimatstadt Oldenburg eine aktive Bürgerenergiegenossenschaft zu wissen, muss doch ein angenehmes Gefühl für Sie sein?

Sie sprechen von der Oldenburger Energiegenossenschaft «Olegeno»? In der Tat ist deren Existenz sehr erfreulich.

Trotzdem kommt die Ahnung hoch, dass Sie energetische Bürgerpower nicht für die sinnvollste Sache der Welt halten.

Oldenburg entwickelt sich infolge des innerstädtischen Verkehrs, eines ruinösen Neubau-Wahns und der zunehmenden Globalisierung der Stadt in eine Richtung, die – wie anderswo auch – jedem Sinn für Nachhaltigkeit Hohn spottet. Im Vergleich dazu bewirkt «energetische Bürgerpower», wie Sie es nennen, leider nicht viel, außer dass sie oft nur zur Gewissensberuhigung technikgläubiger Wohlstandsbürger beiträgt.

Was ist zweifelhaft daran, Braunkohlestrom durch Wind- oder Solarenergie zu ersetzen?

Es fehlenden Übertragungs- und Speicherkapazitäten, woran sich absehbar kaum etwas ändern wird. Deshalb findet die nötige Substitution nicht statt. Hinzu kommt, dass die zunehmende Digitalisierung, folglich auch die Elektrifizierung aller Lebensbereiche, die Anstrengungen im Bereich der Erneuerbaren konterkariert. Solange der Energiesektor ein Fass ohne Boden ist, also anstelle von Einsparung weiteres Wirtschaftswachstum als politische Bedingung aufrechterhalten wird, laufen Klimaschutzaktivitäten ins Leere.

Stimmt die Gleichung: Grünes Wachstum ist eben auch Wachstum – und ein klimaunschädliches Wachstum kann es einfach nicht geben?

Niko Paech im Interview
Foto: Marc Eckardt

Genau. Die unzähligen sogenannten «Rebound-Effekte» haben gerade im Energiebereich jeden Nachhaltigkeitsfortschritt verhindert. Alle Versuche, durch technische Innovationen das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von ökologischen Schäden zu entkoppeln, sind nicht nur spektakulär gescheitert, sie haben zuweilen sogar das Gegenteil bewirkt.

Um das globale Zwei-Grad-Klimaziel überhaupt erreichen zu können, müssen wir in der persönlichen CO2-Bilanz drastisch runter − von gegenwärtig elf auf zweieinhalb Tonnen Ausstoß pro Jahr. Aber macht eine Orientierung an Mengen überhaupt Sinn?

Ja, dann können die mit Klimaschutz unvermeidlich verbundenen Verteilungsfragen sowie die individuelle Verantwortung nicht so leicht verdrängt werden. Konkret: Was darf sich ein einzelner Mensch noch an materiellen Freiheiten leisten, sodass der damit verursachte Schaden mit 7,3 Milliarden multipliziert werden kann, ohne die planetarischen Grenzen zu sprengen? Jedem Menschen stünden demnach etwa zweieinhalb Tonnen CO2 pro Jahr zu. Diese Antwort kennen wir längst, aber sie ist uns zu unbequem. 

Bleibt also nur der einschneidende Verzicht. Wie sieht dereinst unser Leben aus, wenn wir mit zweieinhalb Jahrestonnen CO2 pro Mensch auskommen müssen?

Verzicht? Wie kann jemand behaupten, auf etwas zu verzichten, was ihm oder ihr nie zugestanden hat? Aber mal abgesehen davon: Wir haben längst psychische Wachstumsgrenzen erreicht. Das Übermaß an Gütern, Technologien und digitalem Service wächst uns über den Kopf, wir leiden unter einer Mischung aus Reizüberflutung und Konsum-Burnout. Unser Leben ist zu komplex und unkontrollierbar geworden. Würden wir uns einem überschaubaren Quantum an Dingen und Aktivitäten widmen, könnten wir entspannter und zufriedener sein. Zugleich wäre eine solche Selbstbegrenzung zufällig das, was die Ökosphäre am dringendsten bräuchte, nämlich eine materielle Entlastung. Weiterhin existieren viele Möglichkeiten, sich jenseits der Industrie zu versorgen, etwa durch längst erprobte Formen der Gemeinschaftsnutzung, Nutzungsdauerverlängerung oder sogar eigene Produktion.

Niko Paech im Interview

Wenn ich mit meinen fünf Nachbarn gemeinsam einen Rasenmäher und eine Waschmaschine nutze, bleibt das bei den Herstellern dieser Geräte nicht folgenlos.

Na, das will ich auch hoffen! Wenn sich jeweils fünf Personen einen Rasenmäher teilen, kann die Produktion dieser Geräte entsprechend verringert werden. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern auch das Geld zur Finanzierung eines eigenen Rasenmähers. Wenn die Produktionsmenge sinkt, kann mittels Arbeitszeitverkürzung und Arbeitsumverteilung verhindert werden, dass Beschäftigte in den davon betroffenen Betrieben freigesetzt werden. Der Rückbau zu einer Postwachstumsökonomie würde deshalb erfordern, sich langfristig an einer 20-Stunden-Woche zu orientieren.

Wenn Sie auf halbe Arbeitszeit und halben Verdienst runter wären – was täten Sie mit der gewonnenen Zeit?

Diese Zeit wird benötigt, um durch Selbstversorgung in sozialen Netzwerken das durchschnittlich verringerte monetäre Einkommen zu ergänzen. Eigenständige Beiträge zur Lebensmittelversorgung, die Reparatur von Dingen, der Aufbau von Netzen der Gemeinschaftsnutzung. All dies sind Praktiken, die uns helfen, mit weniger Geld auszukommen. Aber sie kosten eben Zeit.

Und doch: Ein oder zwei Urlaubsflüge pro Jahr ruinieren Ihr CO2-Konto vollständig.

Niko Paech im Interview
Foto: Marc Eckardt

Ja klar, ohne hinreichende Sesshaftigkeit ist jedes weitere Reden über Klimaschutz reine Makulatur. Eine einzige Flugreise zu einem anderen Kontinent verursacht mehrere Tonnen CO2. Nach Amerika sind es mindestens vier Tonnen, nach Australien sind es ungefähr zwölf Tonnen, pro Person hin und zurück. Dabei stünden einem Menschen, der – nehmen wir mal an – 80 Jahre alt wird, während seines gesamten Lebens nur 200 Tonnen CO2 zu, wenn er ein global gerechtes Leben unter der Prämisse führen will, dass das Zwei-Grad-Klimaschutzziel erreicht würde. Nichts ist deshalb ökologisch und sozial barbarischer als das Reisen mit dem Flugzeug.

Schwer zu glauben, dass gerade die, die darum wissen, sich klimatechnisch eher kontraproduktiv verhalten.

Je gebildeter und fähiger Menschen sind, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es so schön formuliert hat, mit desto höherer Wahrscheinlichkeit verfügen sie über ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Aber genau dieselbe Personengruppe verfügt, zumal in einer Wissensgesellschaft, über durchschnittlich höhere Einkommen und praktiziert infolge dienstleistungs- und bildungsnaher oder kreativer Berufsmodelle einen zusehends globalen Lebensstil. Daraus ergibt sich ein Dilemma: Einerseits existiert keine ökologisch ruinösere Handlung als Flugreisen, andererseits sind sich überdurchschnittlich Gebildete und Intellektuelle der Nachhaltigkeitsdefizite ihrer Lebensführung bewusst. Entsprechend intensiv ist die empfundene kognitive Dissonanz und damit der Bedarf an symbolischen Ersatzhandlungen, von deren Bereitstellung ein sich «grün» nennender Sektor der Wirtschaft profitiert.

Also: Weg mit dem Konferenzen-Vielfliegertum? Schon der frühere Bundespräsident Johannes Rau mahnte, man solle lieber Daten reisen lassen statt der Menschen.

Leider ist die Digitalisierung der perfekte Beschleuniger aller ökologisch ruinösen Tendenzen, insbesondere was die fossile Mobilität betrifft. Ohne Internet wären nur wenige Menschen in der Lage, besonders billige Flug- und Kreuzfahrtreisen zu nutzen.

Ich sehe schon das «Schönauer Stromseminar 2020» vor mir − als Videokonferenz …

Was für ein Quatsch! Ich bin mit Bahn und Bus angereist, wohl gemerkt aus Norddeutschland. Das können andere auch. Es ist so schön hier im Schwarzwald, und die Sladeks verbreiten eine derart tolle Atmosphäre, dass es ein Frevel wäre, das Stromseminar anders als jetzt zu organisieren.

Jetzt brauchen wir noch eine überzeugende Aufgabe für die Bürgerenergiegenossenschaften vor Ort: Vielleicht als ideologische und pragmatische Keimzelle der Postwachstums-Ökonomie, als Netzwerk einer Reduktion, die Spaß macht und gelingt?

Lassen Sie das «ideologische» mal beiseite. Mein Eindruck ist, dass das EWS-Umfeld im Gegensatz zu anderen Grünstromanbietern längst verstanden hat, dass neben dem Umbau der Stromversorgung viel weitreichendere Maßnahmen nötig sind, um mit dem Klimaschutz voranzukommen. Und hier können die Schönauer Stromrebellen ihre besondere Stellung nutzen, um als Unterstützer für postwachstumstaugliche Lebensführungen und Projekte in Erscheinung zu treten.