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Klimaschutz – nicht für eine Handvoll Dollar

Ein Bericht von Tom Jost

In Europa ist der Ausstoß von CO₂ ganz teuer oder ganz billig. «Aber ohne spürbaren Preis für Kohlendioxid gehen die Kohlekraftwerke nicht vom Netz», so Simon Göß.

Bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen leistet sich Deutschland einen Rekord nach dem anderen und sonnt sich in der Rolle des europäischen Musterschülers. Dennoch ist für die Begrenzung der Erderwärmung noch nicht viel gewonnen. «Bisher war es bloß ein Vorgeplänkel», mahnt Simon Göß vom Berliner Energiemarkt-Experten Energy Brainpool beim 18. Schönauer Stromseminar. «Wenn in den kommenden fünf bis zehn Jahren, am besten in der nächsten Wahlperiode, kein klarer und verlässlicher Rahmen vorgegeben wird, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur das nationale Klimaschutzziel für 2020 verfehlt. Auch das Erreichen der folgenden Meilensteine wird schwieriger.» Neben der Verbrauchseinsparung sieht der Energieexperte einen angemessenen Preis für den CO2-Ausstoß als mögliches Mittel. In dieser Hinsicht sei Deutschland jedoch alles andere als ein Musterschüler.

Der europäische Stromhunger scheint gestillt

Beruflich beschäftigt sich Göß vor allem mit den europäischen Strommärkten. Die ticken recht unterschiedlich und setzen national durchaus unterschiedliche Schwerpunkte: Frankreich hat den höchsten Atomstromanteil, Deutschland und Italien haben den größten Einsatz fossiler Brennstoffe. Norwegen und die Schweiz wiederum verzichten so gut wie ganz auf letztere.

Fast alle europäischen Staaten haben dagegen eines gemeinsam: Kraftwerke, die Kohle oder nukleare Brennstoffe nutzen, werden so gut wie nicht mehr gebaut. Selbst wenn man die seit 1990 herrschende Tendenz zum Einsatz neuer flexibler Gaskraftwerke einrechnet, ist der konventionelle Zubau wieder auf dem Stand von 1960 angekommen. Der große Energiehunger scheint vorerst gestillt – jetzt geht es an die Verteilung der Märkte.

Freiwillig werden die Kohleverstromer nicht gehen

Simon Göß, Energy Brainpool

Doch freiwillig wollen sich insbesondere die bisher billigen Kohleverstromer den dynamisch wachsenden Anbietern von Sonnen- und Windstrom nicht geschlagen geben. Das Brandmarken der «alten Energie» als Klimakiller hat bisher keine Wirkung gezeitigt. «Ein spürbarer Preis pro Tonne CO2 würde die Abschaltung der Kohlekraftwerke deutlich beschleunigen» – da ist sich Simon Göß sicher. «Oder die Politik setzt Abschaltungen im Rahmen eines gesetzlichen Kohleausstiegs durch.» Diese würden die Menge CO2 beträchtlich reduzieren. Ob dieser Weg – übrigens eine zentrale Wahlkampfforderung der Grünen – jedoch gangbar ist, sei wegen drohender juristischer Auseinandersetzungen jedoch umstritten.

Deutschland hinkt deutlich hinterher

Simon Göß auf dem Schönauer Stromseminar
Simon Göß auf dem Stromseminar Foto: Albert Schmidt

Modellrechnungen von Energy Brainpool zeigen, wie effektiv es sein kann, fossil erzeugten Strom endlich angemessen zu bepreisen. Einige europäische Länder sind hier schon erheblich vorgeprescht: In Schweden wird die Tonne CO2 gegenwärtig mit 125 US-Dollar in Rechnung gestellt. In der Schweiz kostet sie 80 Dollar, selbst Großbritannien und Dänemark liegen noch oberhalb der 20-Dollar-Grenze. Der vermeintliche Klimaschutz-Musterknabe Deutschland aber hält am europäischen CO2-Zertifikatshandel (ETS) fest, wo die Ausstoßerlaubnis gerade fünf Euro, also knapp sechs Dollar kostet. «Klar ist», sagt Simon Göß, «dass sich Staaten mit einem CO2-armen Energiemix leichter damit tun, die Höhe der Abgabe so festzusetzen, dass sie zu spüren ist.» Man könnte auch sagen: Auf diese Weise verhindern sie, dass sich die Entwicklung wieder umkehrt.

Natürlich sind mächtige Kreise in Politik und Energiewirtschaft daran interessiert, dass beim für sie günstigen ETS-Ablasshandel möglichst keine Veränderung eintritt. Eine deutsche Initiative ohne die Einbindung von Polen und anderer Kohlestrom-Länder würde bedeuten, dass Deutschland anschließend einfach nur billigeren und kohlenstoffreicheren Strom von dort importieren würde. Für das Klima sei damit wenig gewonnen, auch wenn Photovoltaik und Windkraft hierzulande weiter zulegten. Was sie übrigens laut der Energy-Brainpool-Berechnungen bis 2050 auch tun: Zur Jahrhundertmitte wird demnach europaweit die Hälfte des Stroms ökologisch erzeugt werden, ein Drittel aber noch aus fossiler Herkunft stammen.

Die Anforderungen werden immer größer, je später man damit beginnt

Simon Göß, Energy Brainpool

Damit es ein wenig plastischer wird, haben Simon Göß und seine Kollegen auch untersucht, wie hoch der Preis für Kohlendioxid in Deutschland sein müsste, um zumindest das für 2020 gesetzte Klimaziel zu erreichen. Die Antwort: mindestens 20 Euro pro Tonne. «Und wenn wir die 2020-Marke nicht erreichen, wird es auch mit 2030 und 2050 eher anspruchsvoller. Denn die Anforderungen werden immer größer, je später man damit beginnt.»

Eine zügig eingeführte und an der tatsächlichen Verschmutzung orientierte Abgabe würde den Strom aus Kohlekraftwerken verteuern, räumt der Energieexperte ein. «Allerdings vor allem im Großhandel – nicht im gleichen Maß für den Verbraucher.»

Deutlich unterschätzt: der zukünftige Energiehunger

Deutschland und Europa benötigten übrigens wesentlich größere Ökostrommengen und damit Erzeugungsanlagen, als man bisher annimmt. So werde der noch fast vollständig fossil geprägte Verkehrssektor meist übersehen. Millionen von Elektroautos müssen bald – sollten sie denn wenigstens klimaneutral fahren – immense Strommengen aus Sonne und Wind «tanken». Zudem müsse man auch daran arbeiten, CO2-freie Lösungen für die Wärmebedarfe von Wohnungen und Büros zu realisieren, statt ökologische Energieerzeugungsanlagen bei Stromüberschuss in den Netzen einfach abzuregeln, sagt Göß.

Ein Trost: Die Erzeugungskosten für Ökostrom sinken weiter. Das sei, so Göß, vor allem den deutschen Produzenten von Strom aus Erneuerbaren Energien zu verdanken, aber auch den Nutzern, welche die wachsenden Marktanteile über die EEG-Umlage finanzierten. Und diese Vorteile kämen – über Europa hinaus – allen zugute, denn «Fachleute halten inzwischen das EEG für das größte Entwicklungshilfe-Programm weltweit.»

Simon Göß

Simon Göß hat Umwelt- und Ressourcenmanagement (Bachelor) in Cottbus sowie Nachhaltige Energietechnik (Master) an der Universität Delft (Niederlande) studiert. Seit 2016 ist er bei Energy Brainpool tätig, wo er regelmäßig Seminare zur Strom- und Energiewirtschaft gibt. Darüber hinaus ist Simon Göß zertifizierter Trainer für Europäischen Strombörse (Leipzig) und deren EPEX-Spotmarkt in Paris. Er leitet dort mehrmals im Jahr Zertifikatslehrgänge und nimmt auch die Börsenhändlerprüfung ab.

Seinen Vortrag beim Stromseminar 2017 finden Sie auf unserem Youtube-Channel.

19. Juli 2017 | Energiewende-Magazin