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Licht spenden – Hoffnung geben

Ein Porträt von Christoph Gurk

Die Organisation «Green Energy against Poverty» verteilt Solarlampen in Indien. Doch besseres Licht ist nur der Anfang.

Georg Amshoff macht das Licht aus. Alles ist dunkel. Pechschwarz. «Man muss das erlebt haben, sonst begreift man unsere Arbeit nicht», sagt Amshoff. «Licht ist keine Kleinigkeit, sondern ein Grundbedürfnis». Doch tatsächlich ist es gar nicht so einfach, hierzulande einen Ort zu finden, in dem dieses Grundbedürfnis nicht erfüllt ist.

Es ist kurz vor 17 Uhr und draußen scheint die Nachmittagssonne auf Bonn-Siegburg: Gepflegte Vorgärten, akkurat geschnittene Hecken, Mittelklasse-Wägen. Amshoff wohnt hier mit Sabine te Heesen, seiner Frau und gleichzeitig Partnerin im Vorstand von «green energy against poverty», einer Organisation, die – vereinfacht gesagt – Solarlampen in Indien verteilt. Um die Idee dahinter zu erklären, sagt Amshoff, müsse man ihm in den Keller folgen und warten, bis er das Licht ausschaltet.

Sabine te Heesen und Georg Amshoff in der Solarbox, von Solarlampen beleuchtet
Licht an! Sabine te Heesen und Georg Amshoff haben eine tragbare Dunkelkammer gebaut. Foto: Annette Etges

«Im indischen Hinterland oder in Slums am Rande der Städte gibt es keinen Strom, keine Leuchtreklamen, keine Straßenlaternen. Alles, was die Leute an Licht zur Verfügung haben, sind kleine Petroleumlampen». Amshoff knipst ein elektrisches Teelicht aus Plastik an. Man kann jetzt schemenhaft sein hageres Gesicht erkennen. «Eine Petroleumlampe ist in etwa so hell wie dieses elektrische Lämpchen», sagt Amshoff. Dann hält er ein DIN-A4-Blatt hoch. «Versuchen Sie mal, das zu lesen». Die Buchstaben hüpfen im flackernden Licht über das Papier, man kneift die Augen zusammen, ein Textbrei, unmöglich so ein Buch zu lesen. «Petroleumlampen sind ineffizient», sagt Amshoff, «dazu sind sie gefährlich, das Petroleum ist teuer und der Rauch schadet der Gesundheit und der Umwelt».

Eine Alternative zu Petroleum

Petroleumlampe neben Solarlampe
Solarlampen: umweltfreundlich, ungefährlich – und viel heller als Petroleum. Foto: Annette Etges

«green energy against poverty» verteilt darum in Indien Alternativen: Eine Solarlampe, gelb und klobig. Als Amshoff sie auf die höchsten Stufe schaltet, ist selbst die letzte Ecke des Kellers erleuchtet. Ohne Probleme könnte man Nähgarn in ein Nadelöhr fädeln. «Etwa sechs bis acht Stunden muss man die Lampe aufladen», sagt Amshoff, «dann gibt sie 30 Stunden helles Licht». 30 Stunden um zu arbeiten, die Schularbeiten zu machen, um Kranke in die nächste Stadt zu tragen, um Tiere zu verjagen, zu tanzen, zu essen oder zu kochen. Und all das ohne Gefahr und ohne Schäden für die Umwelt, mit der Energie der Sonne, die ohnehin 300 Tage im Jahr über Indien scheint.

Es reicht, im stockfinsteren Keller von Georg Amshoff zu stehen, um sich vorstellen zu können, was für ein Fortschritt die Solarlampen für Menschen in einem Slum oder dem indischen Hinterland sind. Doch Georg Amshoff und te Heesen reicht das alles nicht. «Es geht nicht nur darum, den Menschen Licht zu bringen», sagt Amshoff. «Es geht um Entwicklung und Empowerment, darum dass die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen». Das ist die lange Version der Geschichte. Und um die Idee hinter ihr zu erklären, führt Amshoff wieder nach oben. Es gibt indischen Tee und dann beginnt Amshoff zu erzählen.

Georg Amshoff zeigt auf das Zielgebiet
Vor allem im Hinterland von Indien und in Slums haben die Menschen oft keinen Zugang zu Strom. Genau dort verteilt «green energy against poverty» mit Hilfe regionaler Organisationen die Solarlampe. Foto: Annette Etges
Georg Amshoff und Sabine te Heesen bei der Reisevorbereitung
Amshoff und te Heesen haben 2009 «green energy against poverty» gegründet. Sie sagen: «Es ist ganz leicht, etwas zu bewegen». Foto: Annette Etges
Sabine te Heesen und Georg Amshoff mit Solarlampen
Amshoff und te Heesen glauben, dass Photovoltaik nicht nur eine neue Technik ist – sondern eine Revolution, weil sie die Menschen unabhängig macht. Foto: Annette Etges

Entwicklungshilfe als Familiensache

Amshoff kommt aus Dülmen, einer Kleinstadt bei Münster. Jeder kannte dort jeden, sagt er, und als eine Dülmerin als Nonne nach Indien ging, begannen Amshoffs Eltern Spenden für sie zu sammeln. Bald reisten sie selbst auch nach Indien. Amshoff fuhr mit 17 das erste Mal mit. «Ab da war eigentlich klar, dass ich etwas mit Entwicklungszusammenarbeit machen möchte». Nach dem Abi geht Amshoff für drei Monate nach Indien, in Deutschland macht er ein Volontariat, studiert Indologie und beginnt, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Sein Beruf führt ihn durch ganz Südostasien und immer wieder begegnet er dabei zwei Dingen: Der Dunkelheit und den Folgen des Klimawandels. Er fährt über Inseln, die langsam vom Wasser verschluckt werden. Und er geht durch Slums, in denen es kein Licht gibt außer den Petroleumlampen, deren Flammen hundert- und tausendfach CO2 in die Luft pusten – und so auch wieder zur Erderwärmung beitragen. Zu Hause in Bonn überlegen er und seine Frau, was sie tun könnten.

Mit der Sonne in eine bessere Zukunft

Sabine te Heesen ist eine zierliche Frau mit modischer Brille. In Berlin hat sie Kulturwissenschaften studiert, heute ist sie Dozentin für nachhaltiges Wirtschaften an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Jeden Tag pendelt sie mit Bus und Bahn zur Arbeit. «Das ist anstrengend, aber immer noch besser, als ein Auto zu haben», sagt sie.

Te Heesen und Amshoff wollen nicht nur den Klimawandel bekämpfen, sie wollen auch den Ärmsten der Armen helfen. «Es geht dabei um Verantwortung», sagt te Heesen. «Wir haben ein gutes Leben. Darum müssen wir denen helfen, denen es nicht so gut geht». So kommen sie auf die Idee mit den Solarlampen. «Photovoltaik ist perfekt für die Entwicklungshilfe», sagt Amshoff. «Mit Sonnenenergie sind die Menschen eigenständig und unabhängig von anderen Energiequellen. Photovoltaik ist nicht nur eine Technik, das ist eine Revolution»

Mappen mit der Aufschrift "Sampurna"
Für jedes Projekt gibt es einen detaillierten Bericht. Amshoff und te Heesen wollen wissen, ob es Fehler oder Probleme gibt, um aus ihnen lernen zu können Foto: Annette Etges

Amshoff und te Heesen recherchieren Hersteller und experimentieren mit verschiedenen Lampenmodellen. Und sie überlegen sich, wie sie nicht nur Licht zu den Menschen bringen können, sondern auch Entwicklung. Die Lösung: Ein Genossenschaftsmodell. Die Bewohner lokaler Gemeinden müssen sich zu «Solar Clubs» zusammenschließen. Erst dann bekommen sie Lampen von «green energy against poverty» und auch nur gegen eine Anzahlung. «Es geht dabei nicht darum, Geld zu verdienen, sondern dass die Lampen eine Wertigkeit bekommen», sagt Amshoff. «Die Mitglieder müssen das Geld auch nicht an uns zahlen, sondern an die Genossenschaft». So nimmt die Genossenschaft Geld ein – und sie verdient auch jedes Mal ein paar Rupien, wenn ein Mitglied seine Lampe auflädt. Alle Einnahmen dienen dazu, die Solaranlage instand zu halten. Die Genossenschaft kann aber auch Geld verleihen, um neue Geschäftsideen im Dorf zu ermöglichen. Darum geht es: Um Hilfe zur Selbsthilfe, um Entwicklungsmöglichkeiten und Empowerment.

Lampen für ein neues Rollenbild

Um wirklich unabhängig zu werden, bestimmt die Genossenschaft auch, welches Mitglied zum «Solartechniker» ausgebildet wird. «green energy against poverty» unterstützt vor allem die Wahl von Frauen. «Sie bekommen durch den Kurs ein ganz neues Selbstbild», sagt te Heesen. «Wir bringen den Menschen also nicht nur Licht, sondern auch ein neues Rollenbild.»

«green energy against poverty» verteilt heute mit der Hilfe lokaler Organisationen verschiedene Lampentypen, darunter auch Leselampen, mit denen Kinder nach der Schule ihre Hausaufgaben machen können. «Man kann die Lampen nur in der Schule aufladen, das ist ein Anreiz, auch wirklich in den Unterricht zu gehen», sagt Amshoff. Die Kinder kommen häufiger, sie kommen auch besser mit und Eltern sehen, dass es Sinn hat, ihre Kinder in den Unterricht zu schicken. Und so ist ein kleines Licht der Ausweg für den Teufelskreis aus Armut und mangelnder Schulbildung.

Porträt Frau mit Kind
Mehr als 1,2 Milliarden Menschen leben in Indien. Ein Drittel von ihnen ist arm und lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Vor allem in den Slums und auf dem Land ist das Leben hart. Foto: Georg Amshoff
Lernendes Kind mit Petroleumlampe
Ein Mädchen lernt in der Schule. Oftmals gibt es keinen Strom – und Petroleum ist die einzige Lichtquelle. Doch der Brennstoff ist teuer und die Lampen geben kaum genug Licht. Foto: Georg Amshoff
Adivasi-Frauen mit Solarlampen
«green energy against poverty» fördert seit 2009 Solarprojekte, hauptsächlich in Indien. Lokale Gemeinschaften schließen sich zu Genossenschaften zusammen und bekommen im Anschluss Solaranlagen und Lampen gestellt. Foto: Georg Amshoff
Petroleumlampe und Solarlampe im Vergleich
Die Lampen von «green energy against poverty» sind um ein Vielfaches heller als die Petroleumlampen. Die Akkus werden mit Sonnenenergie geladen – und die scheint in Indien ohnehin 300 Tage im Jahr. Foto: Georg Amshoff
Mädchen näht Pailletten auf ein Kleid
Petroleumlampen würden zu wenig Licht für diese Art von Arbeit geben, der dünne Stoff fängt leicht Feuer und schon ein tropfen Petroleum kann ihn ruinieren. Die Solarlampen mit ihnen kann man auch nach Sonnenuntergang noch arbeiten. Foto: Georg Amshoff
Jungen mit Solarlampen
Viele Kinder kommen erst nach Einbruch der Nacht aus der Schule. Die Solar-Leselampen geben dann Licht, um Hausaufgaben machen zu können. Die Noten verbessern sich und die Kinder durchbrechen so den Kreislauf aus Armut und fehlender Schulbildung. Foto: Georg Amshoff
Solartechnikerinnen mit Solarlampen
Jede Genossenschaft hat Solartechniker, die sich um die Anlagen und Lampen kümmern. «green energy against poverty» setzt sich dafür ein, dass besonders Frauen die Zusatzausbildung machen können. Foto: Georg Amshoff

Nachhaltige Entwicklung statt kurzfristiger Hilfe

Knapp 2000 Lampen hat «green energy against poverty» bisher verteilt. Doch das ist nur eine Zahl und ohnehin geht es eigentlich darum, was die Lampen wirklich erreichen, sagen te Heesen und Amshoff: Nachhaltige Entwicklung – und keine kurzfristige Hilfe. «Die Menschen sollen das Gefühl haben, dass jetzt ihre Zukunft anfängt», sagt Amshoff.

Immer wieder überzeugen sich er und te Heesen von dem Erfolg des Projektes, dafür geht ihr Jahresurlaub drauf und die Flüge zahlen sie aus eigener Tasche. Ihre Motivation ziehen sie aus den Erzählungen der Menschen vor Ort: Mütter, die endlich ruhig schlafen können, weil sie wissen, dass die Lampen Tiere von ihre Kindern fernhalten. Frauen, die neues Selbstvertrauen haben, weil sie dank den Lampen zur Ernährung der Familie beitragen. Und Kinder, die aufgehört haben zu arbeiten und jetzt wieder in die Schule gehen. «Ich habe gemerkt, wie leicht es ist, tatsächlich etwas zu bewegen», sagt te Heesen.

In Zukunft will «green energy against poverty» noch weiter Lampen verteilen, vielleicht sogar Biogasanlagen bauen oder energieeffizientere Öfen und irgendwann auch in anderen Ländern tätig werden. 15 Stunden arbeiten te Heesen und Amshoff heute pro Woche für «green energy against poverty», freiwillig und ohne Bezahlung, aber mit der Unterstützung einer Reihe von Ehrenamtlichen. «Alleine ist das alles nicht zu schaffen», sagt Amshoff. Und gemeinsam erreicht man eben mehr. Das ist in Bonn-Siegburg nicht anders als bei den Genossenschaften im Hinterland von Indien.

«green energy against poverty» ist eine innovative Hilfsorganisation, die durch den Einsatz Erneuerbarer Energien in Ländern des Südens die Lebenssituation der Armen verbessert. Die EWS unterstützen diese wertvolle Arbeit seit Jahren und freuen sich, wenn viele Menschen das Projekt fördern - jeder kleine Beitrag kann hier Großes bewirken. Weitere Informationen finden Sie hier.

13. Juli 2016 | Energiewende-Magazin