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«Lange Nacht des Klimas» in Berlin

Ein Rundgang mit Tom Jost

Lange-Nacht-Veranstaltungen gab es bisher für Kinofilme, Kaffeehausliteratur, neue Klänge und sogar Kirchen – vor Kurzem in Berlin auch fürs Klima.

Es ist ein ganz schönes Trumm. Steht vor der «Kulturfabrik Moabit» auf einem stabilen Sockel und glänzt in der Sonne. 300 Kilo gefrorenes Wasser, von einer Berliner Eismanufaktur zum symbolischen Eisberg geformt. Noch bevor man überhaupt eines der 40 Programmdetails der ersten «Langen Nacht des Klimas» wahrgenommen hat, zeigt dieser Block, worum es geht: nämlich um Zeit – und wie sie verrinnt. Er wird schmelzen, das ist gewiss.

Für die Klimanacht, eine Woche vor dem internationalen Klimaschutz-Aktionstag am 20. September 2019, hat die genossenschaftliche «BürgerEnergie Berlin» (BEB) zusammen mit den «Elektrizitätswerken Schönau» und der Kulturfabrik Moabit ein Veranstaltungsprogramm erarbeitet, das sich selbst mit Hauptstadtmaßstäben spielend messen lassen kann: Der Tag und Abend wird gerappelt voll sein mit Vorträgen von Expertinnen und Experten, Filmen, Workshops und Aktionsangeboten, aber auch mit Aha-Erlebnissen, Kurzweil und Party. «Wir wollen das Interesse auch derjenigen Menschen wecken, die sich von dem wissenschaftlich dominierten Diskurs nicht angesprochen fühlen», sagt BEB-Vorstand Christoph Rinke zur Reporterin vom Neuen Deutschland. Rund 800 Leute – so stellt sich in der Nacht heraus – werden die Einladung angenommen haben.

Ins Handeln kommen gegen die Klimakrise

Mit den drei Vermittlungsebenen Wissen, Fühlen und Handeln wollten die Veranstalter ermöglichen, dass die Besucher auf unterschiedliche Art Informationen sammeln, in sich hineinhorchen, reflektieren können – um anschließend daraus bisher noch nicht gezogene Konsequenzen abzuleiten. Oder wie es EWS-Vorstand Sebastian Sladek ausdrückt: «Wie kann man sich aus der Komfortzone kicken und die eigene Wirkmächtigkeit erkennen?»

Der Wissens-Teil jedenfalls enthält starken Tobak – auch für jene, die sich bisher halbwegs gut informiert glaubten. Wer ahnt denn schon, dass auch nach der Verabschiedung des Pariser Klimaschutzabkommens 2015 weltweit Kohlekraftwerke mit 116.000 Megawatt Leistung neu in Betrieb gingen – wie Heffa Schücking, Geschäftsführerin von «urgewald», berichtet – und in 59 Ländern noch weitere 580.000 Megawatt gebaut werden sollen? Kathleen Mar vom Potsdamer «Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung» (IASS) skizziert, dass die Welt so eher auf eine Temperaturerhöhung um drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zusteuert, statt sich dem vereinbarten Ziel von maximal zwei, besser noch eineinhalb Grad anzunähern. Kann doch nicht sein, denkt man. Doch, kann es.

Ein junger Mann steht auf der Bühne, lächelt charmant, hält ein Mikrofon und zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger ins Publikum.
«Wie kickt man sich aus der Komfortzone und erkennt die eigene Wirkmächtigkeit?» – EWS-Vorstand Sebastian Sladek eröffnet die Veranstaltung. Foto: Saskia Uppenkamp
Ein gemischtes Publikum im Halbdunkel im voll besetzen Saal.
Gut 40 verschiedene Programmdetails bietet die «Lange Nacht des Klimas». Und trotz reichlich Basiswissen im Publikum (über)füllt sich der Vortragsraum im Obergeschoss fast immer von allein. Foto: Saskia Uppenkamp
Ein älterer Mann in Jeansjacke auf der Bühne, locker auf einen Tisch gelehnt, spricht gestikulierend in ein Mikrofon.
Warum handeln wir nicht? Harald Welzer meint als Soziologe, dass die Regierung erfolgreich suggeriere, man müsse sich als Bürger/in auch kaum bewegen. Foto: Saskia Uppenkamp
Auf derselben Bühne steht eine junge Frau, von unten fotografiert, spricht ins Mikrofon.
Immer auf Ballhöhe: Kate Kaputto moderierte das reichhaltige Info-Programm der Klima-Nacht. Foto: Saskia Uppenkamp
Eine junge Frau auf einer Bühne, aufgeklappter Laptop, im Hintergrund ein Schaubild, hält einen Vortrag.
«Die USA wollen das Pariser Klimaschutzabkommen verlassen», weiß die Nachhaltigkeitsforscherin Kathleen Mar, «aber rechtlich möglich ist es erst am Tag nach der kommenden Präsidentschaftswahl.» Foto: Saskia Uppenkamp
Ein älterer Mann auf der Bühne, im Hintergrund ein Stadtbild von oben, gestiktuliert, spricht in eine Mikrofon.
So sahen tatsächlich einmal Pläne für den Berliner Oranienplatz aus. Sozialforscher Andreas Knie fordert pointiert: «Wir sollten uns die Straßen vom Auto zurückerobern.» Foto: Saskia Uppenkamp
In einem kleinenn Raum stehen mehrere Info-Tische, gefüllt mit Broschüren. Drumherum ein buntes Treiben mit vielen Leuten..
Kurze Info-Vorträge können nicht alles (er)klären. An der Wissens-Bar im oberen Entree besteht zum Glück die Chance, sich mit weiteren Erkenntnissen zu bereichern. Foto: Saskia Uppenkamp
Ein Mädchen an einem Tisch draußen in der Sonne, malt mit dickem Pinsel an einem Plakat.
Nächsten Freitag ist Klima-Demo: Am Stand des Grafikers Jens Kreitmeyer nehmen in Eigenarbeit schon mal wieder neue Plakatideen Gestalt an. Foto: Paul Lovis Wagner
Draußen sitzen vier Frauen um einen Tisch herum, auf dem ein bunt gestreifter Schal liegt, an dem eine der Frauen strickt. Die Frauen sind im Gespräch miteinander.
Bis dahin war's noch okay: Der gestrickte Klimaschal von Eva Stegen (2.v.r.) macht mit farbigen Jahresstreifen deutlich, wann die Erderwärmung so richtig begann. Foto: Paul Lovis Wagner
Auf einer kleinen Bühne mit sehr bunter Beleuchtung steht ein Mann, dem Publikum zu gewandt und referiert.
So machen wir's in der Schweiz: Syril Eberhart stellt vor, wie eine Genossenschaft in nachbarschaftlicher Eigenhilfe Hunderte Solarstromanlagen gebaut hat. Foto: Paul Lovis Wagner
Auf eine kleine Bühne stehen Gegenstände an denen große Preisschilder angeklebt sind. Zwei Männer sprechen begeisternd mit dem Publikum.
»Und hier noch eine Außensteckdose für zwei Personen« - in der Bar gibt es beim Energiequiz mit Martin Pohlmann sehr unernst gewisse Preise zu gewinnen. Foto: Saskia Uppenkamp

Wir sollten die Straßen zurückerobern.

Andreas Knie, Sozialwissenschaftler

Wie wir wurden, was wir sind, also eine «Autofahrernation», zeichnet Andreas Knie vom «Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung» in einer brillanten Polemik nach. Davon konnte ja vor dem Zweiten Weltkrieg so überhaupt keine Rede gewesen sein, sagt er. Was wurde nicht alles versucht, etwa mit der «Reichs-Straßen-Verkehrsordnung», um das Kraftfahrzeug zu fördern: die offizielle Erlaubnis, private Autos im öffentlichen Straßenraum abzustellen. Der Bau von Autobahnen, auch mitten durch die Stadt – nach dem Krieg gab es schon 4.000 Kilometer davon, aber noch kaum Autos.

Umgekehrt wurde die Straßenbahn schleichend abgeschafft, mit der die Berliner einst überwiegend unterwegs gewesen waren. 1954 wurden dann auch noch alle Tempolimits aufgehoben, die man erst vier Jahre und 70.000 Verkehrstote später wenigstens innerorts zurücknahm. So also wuchs und gedieh der Salat, den wir heute haben: Berlin etwa ist mit 1,25 Millionen Pkw auf einem Allzeithoch.

Zusammenhänge sichtbar machen, Anstöße geben

Andere Dinge kommen eher subtil daher. Der gestrickte «Klimaschal» von Eva Stegen, mit dem man nicht bloß Hals und Schultern wärmen kann. Seine farbigen Querstreifen illustrieren eindrücklich den Temperaturverlauf des letzten Jahrhunderts: blau und grün am Anfang, inzwischen fast nur noch gelb, orange und rot. Oder «Thule Tuvalu»: Der Dokumentarfilm des Schweizers Matthias von Gunten stellt zwei weit voneinander entfernte Orte nebeneinander – und zeigt, wie der Klimawandel ihnen zusetzt: Thule im nördlichsten Grönland verliert rapide sein Gletschereis, die dort lebenden Inuit deshalb die Robbenjagd als Lebensgrundlage. Das Mehr an Meerwasser wiederum steht den Bewohnern der Tuvalu-Inselgruppe im Pazifik schon fast bis zum Hals. Ihre Trinkwasserreserven versalzen, Landwirtschaft ist kaum mehr möglich. Schon lange, bevor das Meer die Inseln überspülen wird, werden sie unbewohnbar sein.

Was machen solche Geschichten und Informationen mit einem? Drei Berliner sitzen an einem Biertisch, reflektieren «Thule Tuvalu» und diskutieren über die Verkehrswende. Nach so allerhand «Ermüdungserscheinungen im Alltag» habe der Film wieder einen Anstoß geliefert, sagt Vanessa (28). Es falle leichter zu denken, dass es mal wieder Zeit für eine Demo sei … überhaupt den Hintern hochzukriegen. Auch Marc (33) hat die Doku «einen Schubser gegeben. So hat sich das angefühlt.» Bloß Patricia (28) wirkt eher deprimiert. «Letztes Jahr im Herbst saß ich noch im Hambacher Forst und habe mir vorgenommen, nie wieder zu fliegen. Und jetzt fliege ich doch, nach Portugal. Das ist doch Doppelmoral.»

Wir alle haben Interesse daran, nicht zu handeln.

Harald Welzer, Soziologe

Die drei debattieren noch eine Weile, warum denn so viele klare Dinge in der Realität oft derart schwer umsetzbar sind. Man weiß doch um den Handlungsbedarf – aber zu wenig verändert sich tatsächlich. Der Soziologe Harald Welzer hat in seinem Eingangsvortrag einen Fingerzeig gegeben: weil wir Interesse daran hätten, nicht zu handeln. Auch die Politik versuche ja, das Gefühl zu erhalten, dass man sich als Bürger keinen Millimeter bewegen müsse.

Patricia meint, die Politik sollte «da wirklich den Daumen draufhalten. Wenn alle auf Flüge verzichten müssen, hätte auch keiner ein Problem damit.» Ihre Freunde plädieren dafür, nicht auf den Staat zu warten, sondern immer wieder die kleinen Dinge zu verändern. Patricia gehört damit, ohne es zu wissen, zu jener Gruppe junger Menschen, die Fritz Reusswig vom «Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung» (PIK) zuvor in seinem Vortrag anhand von Zahlen aus einer neuen Sinus-Studie folgendermaßen umrissen hat: «Zwei Drittel haben Angst und Sorge um die Klimaentwicklung. 70 Prozent sagen, Politik und Parteien sollen was tun. Aber gleichzeitig haben nur 22 Prozent Vertrauen in den Staat.»

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Video: Michael Gabat

Hustensaft heilt die Krankheit nicht

Wie man die Klimafrage auf keinen Fall löst, weiß Kerstin Rudek, führende Aktivistin der «Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg». Seit 1982 wehrt sie sich gegen den Bau eines Atommüllendlagers im Salzstock von Gorleben. «Die Atombande kratzt momentan wieder am beschlossenen Ausstieg und will mit angeblich CO2-freier Energie wieder ins Geschäft kommen», warnt sie oben im vollbesetzten Theatersaal. Dabei nehme die Gefahr durch überalterte nukleare Kraftwerke Tag für Tag zu. Für sie ist klar: «Atomkraft ist auch bei konservativer Rechnung sehr teuer – und sie verhindert die richtigen Lösungen.» Immerhin ist der Bau in Gorleben seit 2012 gestoppt.

Nicht ganz so eindeutig fällt die Ablehnung von Christopher Schrader aus, wenn es um mögliches Geoengineering geht. Das meint entweder künstliche Eingriffe des Menschen in die Atmosphäre, um aufheizende Sonnenstrahlen ins All zu reflektieren, oder aber Verfahren, um ihr das schädliche CO2 wieder zu entnehmen und es vielleicht in der Erde sicher zu bunkern. Das eine Vorgehen bezeichnet der renommierte Wissenschaftsjournalist als «Hustensaft», der die Krankheit nicht heile und in der Anwendung quasi undurchführbar sei.

Nicht herumkommen werde man aber um Verfahren, Kohlendioxid aus der Luft zu entfernen, wenn es auch in einer Welt nach 2050 noch Zement, Stahl und Flugzeuge geben solle. Das könne beispielsweise über CO2-speichernde Pflanzen und deren Verwertung zur Stromerzeugung geschehen, aber auch über zermahlenes Basaltgestein, das ebenfalls das Klimagas binde und beispielsweise dauerhaft in Bergbauschächten eingelagert werden könne. Allein für sich bringe jede Maßnahme wenig Nutzen. «Aber über eine Kombination sollte man ernsthaft nachdenken.»

Klimaschutz, aber «not in my backyard»

Das ist Zukunftsmusik, die vor allem dann Sinn ergibt, wenn man zunächst den CO2-Ausstoß spürbar einschränkt. Etwa durch kräftigen Ausbau von Solar- und vor allem Windenergie. Letztere wird momentan durch Gesetzgebung und Anwohnerproteste gebremst. Wie man mit diesen Protesten umgehen kann, zeigt Fritz Reusswig vom PIK in einem Workshop als Rollenspiel, das die verschiedenen Einstellungen der Bevölkerung sichtbar macht. Da sind Klimaleugner in Opferrolle unterwegs, erklärte Naturschützer und Menschen, die Rotoren nicht unbedingt ablehnen – in ihrer Wohnnähe aber sehr wohl. «Nimbys» nennt man sie – vom englischen «not in my backyard», also «nicht bei mir».

Es sei exakt dieselbe Diskussion, die sie aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, kenne, sagt Clara. Was helfen könne? Die Menschen sachlich aufzuklären und sie in ihrer Furcht um den Verlust der idyllischen Heimat ernst zu nehmen. Clara hat sich schon für ein «Freiwilliges Ökologisches Jahr» entschieden und ganz aktuell auch dafür, ihr ehrenamtliches Engagement einer Umweltorganisation anzubieten.

Bunt beleuchteter, von der Bühne aus fotografierter Zuschauerraum. Eine Zuschauerin hält ein Mikrofon und spricht.
Wie knackt man den Klimawandel-Leugner? Im Workshop mit Fritz Reusswig erfährt man: Es besteht wenig Aussicht – aber das Umfeld reagiert auf Aufmerksamkeit und Argumente. Foto: Paul Lovis Wagner
In der Gegenperspektive steht ein älterer Mann, mit Mikrofon in der Hand und spricht.
«Windparks machen die Landschaft kaputt?», fragt Reusswig rhetorisch. Und kontert: «Waren Sie schon mal im Braunkohle-Tagebau?» Foto: Paul Lovis Wagner
Eine halbvoll besetzter Kinosaal, vorne auf der Leinwand ist ein Inuit zu sehen, der in die Kamera spricht.
Den einen schmilzt die Heimat weg, den anderen steigt das Wasser zum Hals: «Thule Tuvalu» verknüpft im Kino das Schicksal von höchst entfernten Menschen. Foto: Saskia Uppenkamp
Bunt beleuchtet, steht ein Mann an einer Tafel, malt etwas und wendet sich dabei dem Publikum zu.
Wird es eine Renaissance der Atomkraft in Deutschland geben? Armin Simon berichtet, dass so einige Kreise die Idee noch nicht aufgegeben haben. Foto: Paul Lovis Wagner
Eine junge Frau mit Mikrofon, referiert auf einer größeren Bühne. Im Hintergrund eine Projektion.
«Das Klima-Schicksal liegt in der Hand von Investoren», sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Sanika Hufeland. «Selbst nach dem Pariser Abkommen ... Foto: Saskia Uppenkamp
Perspektive in den dunlen übervoll besetzten Zuschauerraum. Alle sind auf das Geschehen auf der Bühne konzentriert.
... haben 35 Banken 1,9 Billionen Dollar für fossile Brennstoffe bereit gestellt.» Ist meine Bank dabei, fragt man sich. Bessere Idee: die Bank fragen. Foto: Saskia Uppenkamp
Ein etwas mittelalter Mann mit Mikrofon in der Hand, referiert auf der Bühne.
Was ein gewaltiger Vulkanausbruch kann – nämlich ein paar Jahre die Erd-Temperatur senken – hoffen Geo-Ingenieure, «nachbauen» zu können. Der Journalist Christopher Schrader ist da sehr skeptisch. Foto: Saskia Uppenkamp
An einer Kachelwand hinter den Zuschauerreihen, hängt ein sehr großes Plakat, das von einem Mann mit Basecap gerade beschriftet und bemalt wird.
Wenn schon, denn schon: Statt einer banalen Mindmap wie aus dem Uni-Seminar gibt's ein «Visual Recording», das sich im wörtlichen Sinne sehen lassen kann. Foto: Saskia Uppenkamp
Ein smyphatischer Mann im Hemd und Weste scherzt mit einen Mädchen, dem er einen Champagnerkühler an das Ohr hält. Die Mutter des Mädchen schaut amüsiert zu.
Rauscht das Meer – oder klingeln gleich die Geldmünzen im Sektkübel? – Beim Zauberer Niko Walter weiß man das vorher nie so genau. Foto: Saskia Uppenkamp

Eine neue Generation von Klimaaktivisten

Man trifft an diesem Abend auch Menschen, die auf konkrete Aktionen setzen. Ein Mitglied von «Ende Gelände», der sich «Jordi» nennen lässt, berichtet von den Besetzungen im Hambacher Braunkohletagebau, die mit dem Kampf um den Wald (und den RWE-Starrsinn) nicht nur Achtungserfolge erzielten. Denn die befürchtete Abholzung sei gestoppt und die allzu diensteifrige Landesregierung Nordrhein-Westfalens deswegen in einiger Bedrängnis. «Wir bei ‹Ende Gelände› wollen nichts kaputtmachen», sagt er, «aber offenkundiges Unrecht verhindern. Oft gelingt das – und der Bagger steht still.»

Ähnlich agieren die Aktivisten von «Extinction Rebellion» (XR), die auf zivilen Ungehorsam und Blockaden im öffentlichen Raum setzen. «Bis wir weggetragen werden», sagt ihr Mitglied Nico auf dem Podium, «wollen wir diesen Konflikt führen und die Politik unter Stress setzen.» Freilich friedlich und ohne Feindschaft. Respekt – den genössen auch Andersdenkende, selbst Ölbosse und SUV-Fahrer, sagt ein anderer Aktivist im Workshop. Und die Polizei nennt man sachlich, aber mit einer gewissen Ironie jetzt «Team Blau».

Klara von der Berliner Sektion von «Fridays for Future» kommt zur Podiumsdiskussion frisch vom Plenum ihrer Aktionsgruppe. Deren Mitglieder, meist noch Schülerinnen und Schüler, haben im Vorfeld des großen Klimastreiktages mit Gewerkschaften, Kirchen und anderen Organisationen gesprochen und überwältigende Unterstützung erfahren. Mit dem großen Aktionstag soll der Druck auf die Bundesregierung noch einmal intensiviert werden. «Da mal ein paar Strohhalme verbieten und dort ein paar Plastiktüten – wir wollen, dass diese Akupunktur-Klimapolitik aufhört», wünscht sie sich als Ergebnis.

Wenn’s um Kohle geht – Sparkasse?

Heffa Schücking, Geschäftsführerin von «urgewald»

Ein besonders sachdienlicher Hinweis, was man denn jenseits aller bekannten persönlichen Klimaschutzmaßnahmen unternehmen könne, kommt zum Schluss von «urgewald»-Aktivistin Heffa Schücking. Er lässt Erinnerungen an die erfolgreiche «Watergate»-Story amerikanischer Journalisten aufkommen, die US-Präsident Richard Nixon schließlich den Job kostete. Damals hatte ein Whistleblower den Rechercheuren einen zur Legende gewordenen Tipp gegeben: «Folgt dem Geld.»

«Wenn es um Rüstung und Kohle geht – Sparkasse?», fragt Schücking provokant und weist auf die Rolle der kommunalen Kreditinstitute als Finanziers der Kohleindustrie hin. Bei den sparkasseneigenen «Deka-Fonds» habe man weitaus mehr Investitionen in diesen Bereichen festgestellt als in allen anderen Publikumsfonds. Deshalb stünden sie nun auch im Fokus einer Kampagne, die zum Ziel habe, mit Druck auf Sparkassen – und Städte als deren Eigner – derlei «Invests» zu beenden. So wie es der Staatliche Pensionsfonds Norwegens bereits 2014 handhabte und sich aufgrund einer Kampagne von «urgewald» von allen Beteiligungen mit mehr als 30 Prozent Kohle oder Kohlestrom trennte. Schückings Botschaft an die Sparkassen ist unüberhörbar, denn schließlich unterhalten dort mehr Menschen in Deutschland ihr Konto als irgendwo anders. Der Weltspartag am 30. Oktober soll ein Kampagnen-Höhepunkt werden.

Blick aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, wo eine Frau referiert. Auf der Projektionsfläche ist eine Dollarnote, auf der sich Roosevelt entsetzt die Haar rauft.
Folgt dem Geld für die Kohle: Heffa Schücking von urgewald sagt, «wer die Herde bewegen will, sollte sich das richtige Schaf aussuchen.» … Foto: Saskia Uppenkamp
Auf einer bunt beleuchteten Bühne referiert eine junge Frau, zeigt auf Schilder mit Bankenlogos.
… also die deutschen Sparkassen, zeigt Kathrin Petz: Über ihre Deka-Fonds finanzieren sie weltweit Kohleabbau, Rüstung und Menschenrechtsverletzungen. Foto: Paul Lovis Wagner
Blick von Weitem, aus dem Publikum heraus, auf die Bühne.
Mitglieder von «Fridays for future», «Ende Gelände» und «Extinction Rebellion» diskutieren über Demos und Aktionen, weil Plastikhalme und -tüten verbieten nicht hilft. Foto: Saskia Uppenkamp
Auf der Bühne sitzten vier junge Menschen um einen Tisch und sprechen mit dem Publikum.
Klara und die Fridays-Aktiven bekommen seit Monaten Rückenwind und Beifall. Nicht unproblematisch, denn: «Wir werden eher totgelobt und totumarmt.» Foto: Saskia Uppenkamp
Auf der Bühne sitzt ein junger Mann und liest etwas vor, im Hintergrund das Logo der Langen Nacht des Klimas.
Ein bisschen Dada darf bei ihm schon mal sein: Der Autor und Lyriksammler Thilo Bock liest aus seinen «Dichtungen aller Art» Foto: Saskia Uppenkamp
Ein Mann auf der Bühne umarmt lachend und jovial eine vergnügte junge Frau, um deren Hals eine blaue Tisch baumelt.
Heute ein Klimakönig: Tombolagewinne machen zu später Stunde richtig was her – besonders, wenn sie von Martin Pohlmann (r.) charmant-spaßig überreicht werden. Foto: Saskia Uppenkamp
Eine Menge amüsierter Zuschauer.
Bange Frage: Hab' ich gewonnen? Oder der Georg? Oder das Klima? Am Ende war's für alle der 800 Publikumsgäste zumindest irgendwie eine Bereicherung ... Foto: Saskia Uppenkamp
Wie man Fassaden ohne Maler und Gerüste bunt macht? – Lichtkünstler Stephan Brenn zeigte es am Abend mit Projektoren, Folien ... Foto: Paul Lovis Wagner
Bunte grafische Projektionen flächendeckend auf einer großen Hausfassade.
... und einer Menge Ideen. Schade, dass solche Bilder die einzige Erinnerung sein können, denn am Morgen danach ist alles wieder verschwunden. Foto: Paul Lovis Wagner
Auf einer Bank im Garten stehen aufgereiht eine Menge selbstbemalter Klimademo-Plakate.
«Klimalimakimaklmakliaklim» – das Plakat links außen sei in Inuit verfasst, behauptet augenzwinkernd Grafiker Jens Kreitmeyer, an dessen Stand alle Tafeln entstanden. Foto: Paul Lovis Wagner
Eine tiefblau beleuchtete Tanzfläche mit ein paar Tänzern.
Zappeln bis zum Zapfenstreich: Zum Schluss legt DJ Marinelli auf – weil Weltklima und Weltmusik auf jeden Fall zusammengehören. Foto: Paul Lovis Wagner

Der Eisberg – ein «Star» zum Anfassen

Gut 40 verschiedene Angebote, die sich auch zeitlich überlappen, machen dem altersdurchmischten Publikum die Auswahl nicht ganz einfach. Der Theatersaal als Vortragsort überfüllt sich fast stets von allein. Aber es ist eine laue Spätsommernacht, und der denkmalgeschützte Gebäudekomplex – der einst der Keks- und Konfitürenproduktion diente – verfügt über einen lauschigen Außenbereich. Illuminiert von einer atmosphärischen Lichtinstallation nutzen ihn die Besucher zum Essen, Trinken, Diskutieren und Entspannen.

Wir wollten alle Sinne ansprechen und mit Vielfalt Mut zum Handeln machen.

Stefan Fürstenau, Mitbegründer der Kulturfabrik Moabit

So ziemlich gegen Ende der «Langen Nacht des Klimas», während oben in der Bar mit viel Klamauk Außensteckdosen «für zwei Personen» verlost werden und unten DJ Marinelli Weltmusik zum Abzappeln auflegt, steht Marta (20) vor dem Eisblock im Eingang und sinniert, dass sie zwar vorher schon nicht ganz ahnungslos gewesen, aber die Bedeutung des Klimawandels an diesem Abend für sie greifbarer geworden sei. Sie habe es genossen, Menschen zu treffen, die sich für das Umsteuern einsetzen. Mit zur S-Bahn nach Hause trägt sie ein Plakat, das sie – wie viele andere auch – am Aktionsstand eines Grafikdesigners entworfen und realisiert hatte.

Der Eisblock als meistfotografierter, -angefasster (und vermutlich auch -geposteter) «Star» des Abends hat im Laufe der Stunden merklich an Statur und Volumen verloren. Unter dem Sockel rinnt das geschmolzene Wasser auf den Gehweg und gemahnt die heim- oder clubwärts strebenden Besucher daran, dass die Zeit zum Handeln längst gekommen ist.

 

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07. Dezember 2019 | Energiewende-Magazin