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Es geht um mehr

Ein Bericht von Petra Völzing

Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn schlägt den Bogen von der Energiewende in Deutschland zur Bürgerenergie in Afrika.

Mit der Bemerkung, sie käme aus der «Besatzungszone der RWE», ist viel von dem gesagt, was Bärbel Höhn in ihrem mit politischer Verve gehaltenen Vortrag vermitteln möchte. Die ehemalige Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen und langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages macht klar, dass es bei dem Umbau der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien auch darum geht, mehr für die Demokratie zu erreichen. Erzeugungsanlagen müssten dezentral in die Hände der Bürger gelangen, denn es dürfe nicht mehr alle Macht bei den großen Energiekonzernen konzentriert sein.

Eine soziale und ökologische Frage

Bärbel Höhn lebt in Oberhausen und damit im Zentrum der ehemaligen Kohleindustrie. Deshalb weiß sie, wovon sie spricht. Sie hat den Kampf um den Tagebau Garzweiler II und die Angst der großen Gewerkschaften vor dem Machtverlust erlebt. Eines hat sie dabei besonders geärgert: «Die Arbeiter werden in diesem Konflikt instrumentalisiert.» Im Kampf um die Erhaltung der alten Energiestrukturen werde die soziale Frage gnadenlos gegen die Energiewende ausgespielt. In den Braunkohlerevieren im Rheinland und in der Lausitz stünden heute noch 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Bemerkung, dass Philipp Rösler in seiner Zeit als Wirtschaftsminister an die 70.000 Arbeitsplätze in der Solarindustrie vernichtet habe, kann sie sich an dieser Stelle nicht verkneifen, und die Zuhörenden spüren die Vollblutpolitikerin, die mit Lust auch gerne mal austeilt. «Die soziale Frage muss gemeinsam mit der ökologischen Frage gelöst werden», so ihr Fazit, und sie erinnert daran, dass im Ruhrgebiet durch den Strukturwandel seinerzeit 1,5 Millionen Arbeitsplätze in der Kohle- und Stahlindustrie weggefallen sind.

Ich kämpfe nicht nur für unsere Kinder und Enkel, ich kämpfe auch für mich selbst.

Bärbel Höhn, Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen)

Bärbel Höhn sieht aber auch die Erfolge und erinnert an den 1. Januar 2018 – an den Tag, an dem in Deutschland der Strombedarf, von den Medien nahezu unbemerkt, zum ersten Mal zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien gedeckt wurde. Für sie ein denkwürdiger Moment, ein kleiner Hoffnungsschimmer, der motiviert, weiter gegen den Klimawandel anzugehen, und zwar so schnell wie möglich. Die Politikerin betont, wie stark der Klimawandel global schon spürbar ist, mit extremem Wetter, zerstörerischen Taifunen und Hitze. Aber auch für Kältewellen, wie zuletzt in den USA, sei laut Forschern der Klimawandel verantwortlich, sagt Höhn, denn der Jetstream, eine starke Höhenströmung in der Stratosphäre, verändere sich und führe extrem kalte Luft vom Nordpol auf die Nordhalbkugel der Erde.

Fakt ist: Die Schadenssumme durch Extremwetter hat sich seit den 80er-Jahren verdreifacht. «Die Folgen haben aber die Menschen zu tragen und nicht die Unternehmen», sagt Höhn. Sie drängt darauf, das Zwei-Grad-Ziel zu halten, wie es 2016 im Pariser Abkommen beschlossen wurde. Dafür müsste schon jetzt die CO2-Emission drastisch verringert werden, dabei steigt sie weiter. Bärbel Höhn sieht dringenden Handlungsbedarf: «Ich kämpfe da nicht nur für unsere Kinder und Enkel, ich kämpfe auch für mich selbst», bringt sie die Situation auf den Punkt und bricht eine Lanze für den Kohleausstieg in Deutschland.

Südlich des Äquators ist der Klimawandel deutlich spürbar

Die wahren Leidtragenden dieser Entwicklung sind die Menschen auf der Südhalbkugel, zum Beispiel in Afrika, wo extreme Dürren und Hitze die Menschen zur Flucht zwingen, wenn sie überleben wollen. Dort engagiert sich Bärbel Höhn seit 2017 gemeinsam mit Josef Göppel von der CSU als ehrenamtliche Energiebeauftragte für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Wie schlimm die Lage ist, macht sie am Beispiel des Tschadsees deutlich: Der riesige Binnensee schrumpfte seit den 1960er-Jahren auf nur noch fünf Prozent seiner ursprünglichen Größe. Schuld daran ist auch der Klimawandel. Die Temperaturen können im Tschad inzwischen auf bis zu 60 Grad Celsius klettern – und die sind auch für die Menschen nicht mehr auszuhalten.

In Afrika sind Millionen Menschen auf der Flucht vor den Folgen des Klimawandels. Die allermeisten bleiben auf ihrem Kontinent. Viele werden in Lagern untergebracht, wo sie unter schlimmsten Bedingungen leben. «Kein Wunder, dass dort die Terroristen des IS oder von Boko Haram bei der Anwerbung neuer Gefolgsleute leichtes Spiel haben», meint Bärbel Höhn. Hier würde auch die tiefgehende Ungerechtigkeit und Tragik deutlich, die diese Menschen durchleben müssten, denn heute verursache ein einzelner Europäer die gleiche Menge an CO2-Emission wie 200 Afrikaner.

In Afrika haben wir die Chance, mit dem Einsatz von Sonnenenergie das Zeitalter der fossilen und atomaren Großkraftwerke zu überspringen.

Bärbel Höhn, Energiebeauftragte für Afrika

«Für die Reduktion der Klimagase tragen vor allem die Industriestaaten die Verantwortung», so Bärbel Höhn. Sie sieht in der Verbreitung der Erneuerbaren Energien in Afrika eine riesige Chance für den gebeutelten Kontinent. «Die Erneuerbaren Energien sind Teil der Friedensfrage», sagt sie, denn inzwischen seien sie auf der ganzen Welt erschwinglich und es müssten um sie keine Kriege geführt werden wie um das Erdöl.

Projekte mit Perspektive

Bärbel Höhn in einem blumengemusterten Jacket auf der blumengeschmückten Bühne
Foto: Albert Schmidt

Für Bärbel Höhn eröffnet die Solarenergie vielfältige Perspektiven auf dem Kontinent. «In Afrika haben wir die Chance, mit dem Einsatz von Sonnenenergie das Zeitalter der fossilen und atomaren Großkraftwerke zu überspringen», ist sie überzeugt. In diesem Sinne engagiert sie sich für die Etablierung von dezentralen Bürgerenergieprojekten. Der große Vorteil: Für die Stromversorgung wird kein übergeordnetes Netz benötigt, das in Afrika weitgehend nicht vorhanden ist. Die Menschen können direkt profitieren, es entstehen vor Ort neue Geschäftsmodelle, Verdienst- und Ausbildungsmöglichkeiten.

Unterstützt wird beispielsweise die Arbeit des deutschen Start-ups «Mobisol», das in Tansania und Ruanda erschwingliche Photovoltaikmodule mit Batteriespeicher anbietet. Damit können unter anderem Mühlen oder Trocknungsanlagen betrieben werden. Es gibt auch eine ganz niedrigschwellige Nutzung: «Die Menschen bezahlen für die Möglichkeit, gemeinsam auf dem Fernseher Fußball zu schauen», erzählt Bärbel Höhn. Insgesamt entstehen mit den Modulen Verdienstmöglichkeiten und damit auch Bleibeperspektiven. Die ehemalige Umweltministerin ist zurzeit in acht Ländern mit Bürgerenergieprojekten befasst. Auch die Verbreitung klimaschonender Herde – ein wichtiges Projekt, das die EWS Ende letzten Jahres mit ihrer Weihnachtsaktion in Indien gefördert haben – gehört dazu.

Es liegt weiterhin vieles im Argen, doch auch am Ende ihres Vortrages bleibt die durchsetzungsstarke Politikerin Optimistin: «Ich hoffe immer noch, dass die Menschen nicht so dumm sind, ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören.» Sie empfinde es als großes Glück, weiterhin in einer Position sein zu dürfen, in der sie etwas aufbauen könne, und arbeitet unverdrossen nach der Devise von Stefan Zweig: «Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.»

 

Bärbel Höhn, in geblümtem Jacket im Grünen stehend, lacht in die Kamera.

Bärbel Höhn, 1952 geboren, hat in Kiel Mathematik studiert. 1985 wurde sie Mitglied der Grünen. Von 1990 bis 1995 war sie Abgeordnete des Landtags in Nordrhein-Westfalen, von 1995 bis 2005 unter Johannes Rau und Wolfgang Clement Landesministerin für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft. Von 2005 bis 2017 saß sie als Abgeordnete der Grünen im Deutschen Bundestag. Seit 2017 arbeitet sie ehrenamtlich als Energiebeauftragte für Afrika für das BMZ.

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25. Juli 2018 | Energiewende-Magazin