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«Ihr müsst aus der Kohle raus!»

Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown im Gespräch mit Benjamin von Brackel auf der UN-Klimakonferenz in Bonn

Donald Trump könnte mit seiner Leugnung des Klimawandels der Welt sogar helfen, glaubt der Demokrat. Und zwar indem er den Rest der Welt aufrüttelt und zu mehr Klimaschutz antreibt.

Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown (79) hat eine Allianz aus Städten und Bundesstaaten geschmiedet, um die USA weiter zum Klimaschutz zu verpflichten. Auf der Weltklimakonferenz in Bonn präsentierte Brown den 120-seitigen Bericht der Klimainitiative «America's Pledge»– den «Klimaplan» seiner Allianz, darunter Bürgermeister und Gouverneure von Bundesstaaten sowie Unternehmen wie Amazon, Facebook und Walmart.

Eigentlich ist es nur Staaten vorbehalten, Klimapläne bei den Vereinten Nationen einzureichen. Das haben inzwischen alle Länder der Erde getan, womit die USA isoliert wären, sollte US-Präsident Trump seine Drohung wahr machen und aus dem Pariser Klimaabkommen austreten.

Brown, der schon Mitte der 70er-Jahre seine erste von vier Amtszeiten als Gouverneur Kaliforniens angetreten hatte, sieht sich als den wahren Repräsentanten der USA in Sachen Klimaschutz. Auf der UN-Klimakonferenz in Bonn nimmt er als Sonderbotschafter der Städte und Regionen teil – ernannt von Gipfelpräsident Frank Bainimarama.

Herr Brown, auf der UN-Klimakonferenz in Bonn sind zwei Amerikas vertreten: die offizielle Regierungsdelegation und eine Delegation angeführt von Ihnen und weiteren Bundesstaaten und Städten. Die einen wollen raus aus dem Pariser Klimaabkommen und der Kohle – und Atomkraft voranbringen, während die anderen dem Abkommen treu bleiben und den Klimaschutz beschleunigen wollen. Wer von beiden repräsentiert denn jetzt die USA?

Ich glaube, dass die Städte und Bundesstaaten der USA, die sich hier in Bonn eingefunden haben, das wahre Amerika repräsentieren. Herr Trump ist verantwortlich für den nationalen Apparat, der hier die offizielle Delegation bildet, aber er schickt keine hochrangigen US-Vertreter auf die Weltklimakonferenz. Und er selbst ist auch nicht da. Ich denke, die Menschen müssen auf Städte und Bundesstaaten wie Washington, New York und Kalifornien schauen und können zuversichtlich sein, dass die große Mehrheit der US-Amerikaner die Anstrengungen unterstützen, das Land zu dekarbonisieren und die Ziele im Pariser Klimavertrag zu erreichen.

Werden die USA diese denn trotz Trump erreichen?

Ja. Ich drücke es mal so aus: Wir werden sie wie alle anderen erreichen. Derzeit sind wir noch nicht auf dem richtigen Weg. Deutschland ist noch nicht auf dem richtigen Weg, Amerika ist noch nicht auf dem richtigen Weg. Aber das wird sich ändern.

Woher nehmen Sie die Hoffnung?

Zum einen bauen wir wie hier auf dem Klimagipfel unglaublich viel Energie auf, die Probleme anzugehen. Zum anderen werden die Bedrohungen durch den Klimawandel immer offensichtlicher, etwa die Waldbrände in Kalifornien und die Verwüstungen durch Wirbelstürme in Texas, in Miami, in der Karibik, die Feuer in Portugal – all das sind Anzeichen von Herausforderungen, die auf uns zukommen. Ja, die Lage scheint derzeit sehr schwierig. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich Amerika und Europa der Situation gewachsen zeigen, selbst dann, wenn es viele Hindernisse auf unserem gemeinsamen Weg gibt.

Aber was können Sie Präsident Trump entgegenstellen, der eine Renaissance der Kohle einleiten will und die Klimaregelungen seines Amtsvorgängers Barack Obama einstampft?

Die gute Nachricht ist: Die Präsidenten der Vereinigten Staaten regieren nicht auf Lebenszeit. Sie haben sehr kurze Amtszeiten. Außerdem gibt es im Kongress alle zwei Jahre Wahlen. Und es gibt Bundesstaaten. Und es gibt Städte. Es ist ein föderales System mit vielen Machtzentren. Die Vorstellung, dass wir mit dem Klimawandel umgehen müssen, entspricht immer deutlicher der Vorstellung der Mehrheit der US-Amerikaner.


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Treibhausgasemissionen der amerikanischen Staaten und Städte mit existierenden Klimaschutzzielen (Nichtregierungsakteure) im Vergleich. Quelle: «America's Pledge»

Sie haben bei einer Veranstaltung auf der Klimakonferenz in Bonn einen interessanten Vergleich gezogen: Eine geringe Dosis von Trump könnte sogar nützlich sein, genauso wie eine geringe Dosis Gift. Wie haben Sie das gemeint?

Ich dachte an Homöopathie. Nimmt man nur ein bisschen an giftiger Substanz zu sich, kann es das Immunsystem stärken – und heilen. Donald Trump stärkt das politische Immunsystem Amerikas. Wir werden imstande sein, all die falschen Ideen auszutreiben, dass die Kohle unser Retter ist. Das heißt: Ein bisschen Trump kann uns stärker machen – allerdings nicht zu viel!

Sie meinen: Trump wird den Rest der Welt antreiben, mehr zu tun?

Trump hat klar gemacht: Der Klimawandel sei eine Falschmeldung – und diese Falschmeldung sei erfunden worden von den Chinesen. Beide Behauptungen sind nachweislich falsch, ja geradezu lächerlich für jedermann – mit Ausnahme von Donald Trump und ein paar seiner Unterstützer. Indem er sich aber auf eine so absurde Bahn bewegt hat, schafft er das Gegenteil von dem, was er eigentlich beabsichtigt. Ich würde das eine Art Hegelscher Dialektik nennen. Er bewegt sich in eine Richtung, aber die Welt bewegt sich in die andere Richtung – zum Teil in Folge seiner Absurdität.

Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown auf der UN-Klimakonferenz COP 23 in Bonn
Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown auf der UN-Klimakonferenz COP 23 in Bonn. Foto: Hajü Staudt

Wo wir bei Hegel sind, lassen Sie uns über Deutschland sprechen: In Berlin verhandeln die Parteien gerade eine neue Regierung. Einer der kritischen Punkte ist der Kohleausstieg. Haben Sie einen Ratschlag an Ihre deutschen Kollegen – schließlich kommt die Wirtschaftsmacht Kalifornien ohne Kohlekraftwerke aus?

Mein Ratschlag: Ihr müsst aus der Kohle raus! Je früher, desto besser. Klar, es geht auch um die Menschen, die in der Kohleindustrie arbeiten, und den Strom, den die Kraftwerke erzeugen. Aber wir müssen es trotzdem tun! Andernfalls würde alles noch viel schlimmer werden. Was den Zeitplan angeht – darüber muss natürlich die nächste deutsche Regierung entscheiden. Zu viele Ratschläge kann ich nicht geben, schließlich haben wir in den USA unsere eigenen Probleme. Ich hoffe aber, dass Frau Merkel gute Partner findet, die sich auf einen Ansatz des gesunden Menschenverstands einigen können – einer, der Klimaschutz und Arbeitsplätze vereint.

Ein aktueller Bericht sagt: Nach drei Jahren der Stagnation steigen die weltweiten CO2-Emissionen wieder an – wir haben den Höhepunkt immer noch nicht erreicht. Was passiert wenn, sich die Wende nicht rechtzeitig schaffen lässt?


Das hier ist eine wirklich existenzielle Bedrohung. Es ist ganz einfach: Wenn wir nichts tun, bringen wir Menschen um und untergraben die Grundlagen unseres Lebens.

Sie treten derzeit in den USA als größter Widersacher von Donald Trump auf – wäre es da nicht ein natürlicher Schritt, gegen ihn bei den nächsten Präsidentschaftswahlen ins Rennen zu gehen?

Nein, das wäre sehr unnatürlich (lacht).

Keine Ambitionen?

Oh, ich habe viele Ambitionen! Ich habe öfter für das Präsidentenamt kandidiert als jeder lebende Amerikaner – drei Mal.

Und das reicht dann?

Das reicht.

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